Suzuki Cup Rallye Durch den ganz großen Sandkasten


Einmal Rennpilot sein. Für stern.de-Redakteur Gernot Kramper ging ein Kindertraum in Erfüllung. An Bord eines Rennzwerges von Suzuki ging es mitten durch die Kartoffelfelder Niedersachsen. Dabei gewinnt man tiefe Einsichten über Männer und Motoren.

Angeblich verehren Männer ihr Auto. Auf der Rallye findet sich kein Stück von diesem Götzendienst. Metall darf ruhig leiden. Vor dem Rennen werden die eigentlichen Rennabschnitte - im Jargon "Wertungsprüfung" - mit dem Pkw abgefahren. Eigentlich kein Problem, man muss nur ein paart Kratzer auf den Feldwegen in Kauf nehmen. Aber vier Männer aus Osnabrück – mit deutlichem Übergewicht - drücken ihren nagelneuen Siebener BMW durch Dreck und Beton des einen Militärgeländes. Tief drückt sich die Bonzenschleuder in Blaumetallic mit Sportauspuff durch die Rinnen der "ADAC Mobil Pegasus Rallye Sulinger Land". Man staunt. Irgendwie souverän einen Wagen von 80.000 Euro so nonchalant zu behandeln. So als ob Frauen, beim Aldi den Einkauf in die Chanel-Tasche stopften

Männer lesen und schreiben gern

Es geht das Gerücht um, dass Männer Schriftgut außerhalb des Sportteils generell für verzichtbar halten. Ein Blick in die Buchhandlung bestätigt diese Annahme. Ganz anders der Rallyesport. Dort wird geschrieben und gestempelt, als wäre man in einer Freiluft-Amtsstube. Damit man die ganze Schreibarbeit am Steuer auch bewältigen kann, bekommt man als sogenannter VIP-Pilot einen Beifahrer zugeteilt Normalerweise und in der Ehe sind Beifahrer eine Seuche auf dem zweiten Sitz. Jan Enderle, so heißt der Fachmann dagegen ist die Rettung, denn er kennt sich mit den Stempeln aus und – vor allem – er weiß, wo es langgeht. Das liegt am "Aufschrieb" – eine Art Tage- und Bekenntnisbuch des Rallyefahrers. Beim vorhergehenden Abfahren wird die Strecke akribisch festgehalten. Richtung , Entfernung, Geschwindigkeit und Bodenbeschaffenheit. Am Renntag muss man da auf die Stimme nebenan hören und im Vertrauen auf das Notierte und nicht das auf das Sichtbare durchstarten.

Männer kommunizieren

Geschwiegen wird nicht. Erst wird alles aufgeschrieben, dann werden dem Fahrer die Infos in die Kopfhörer geschrien. Super, ein echtes Männergespräch für ganze Kerle. "Links, Drei Uhr, zieh durch!" Das weiß man endlich mal, was Sache ist. Es gibt ja sonst Gespräche, die gehen endlos und der Mann weiß überhaupt nicht, was gemeint ist. Im Rallyesport ist das ganz anders. Da muss man auch mit negativem Feedback umgehen können: "Sch..., nicht in die Rille. Pass doch auf!" Ja, man macht Fehler und sieht es still ein.

Männer können Gefühle zulassen

So ein Ritt geht wirklich zu Herzen. Ärger, Freude und Enttäuschung überwältigen die Fahrer. Auch vor ganz großen Gefühlen ist man nicht sicher. Vorhin polierten zwei Holländer voller Hingabe einen älteren Mitsubishi. Nun liegt die rosafarbene Höllenmaschine nach der Berührung mit einem Findling am Straßenrand. Auch Männer können weinen. Lasst es raus!

Männer engagieren sich

Einen Voll-Service können sich nicht alle Leisten. Die meisten leisten hier aufopferungsvolle, ehrenamtliche Tätigkeit und stammen irgendwie aus der Kfz-Branche. Die Wagen wollen ja nicht nur getankt und gefahren, sondern repariert und gewartet werden. Transportiert und umgerüstet. Und und und. Wer hier einsteigt, muss sich um den Feierabend keine Sorgen machen. Statt vorm Tatort verbringt man den Sonntagabend in der Montagegrube.Gerade die dienstbaren Geister – die Mechaniker und Serviceleute sehen aber am zufriedensten aus. Wenn ihre Kisten endlich an den Start gehen.

Männer brauchen nicht immer mehr PS

Denn es gibt ja unzählige Klassen. Selbst die schnellsten Wagen würde übrigens auf Flaniermeile nur mitleidige Blicke erhaschen. Das sind ehemalige Profi-Rallyefahrzeuge. Und sehen gewöhnungsbedürftig aus. Ein alter, total verspoilerter Toyota wirkt eben nur auf Insider. Wir sind ja mit einem Swift unterwegs. Auch in der Rennversion ist das kein Wagen für Millionäre. Aber bei Suzuki herrscht Geschmack und selbst mit den verklebten Rennfolien macht der Zwerg eine gute Figur. Da man sich nur im Umfeld gleichstarker Wagen misst, ist der ewige Neid auf schnellere Modelle begrenzt. Quasi ein demokratischer Rennsport, so als wenn man in Ascot auch mit einem preisgünstigen Maultier starten dürfte.

Männer können glücklich sein

Wie im siebten Himmel strahlt Suzuki-Sportchef Nikki, als die beiden VIP-Autos mit den Laienpiloten vor ihm an der Basis ausrollen. Er ist geradezu überirdisch glücklich, obwohl wir keine Bestzeiten herausgefahren haben. Eher im Gegenteil. Aber die beiden Swifts haben noch vor vier Kotflügel, vier Reifen, eine funktionsfähige Lenkung. Das ist doch auch ein Grund zum feiern, denn so fängt die nächste die nächste Etappe im deutschen Rennzirkus mit kompletten Wagen an.

Gernot Kramper

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