Methusalems haben besondere Gene

2. Juli 2010, 11:04 Uhr

Was ist das Geheimnis eines langen Lebens? Wissenschaftler haben 150 genetische Varianten identifiziert, die bei Hochbetagten häufig vorkommen. Diese lassen Menschen nicht nur alt werden - sie bringen auch einen anderen Vorteil mit sich. Von Lea Wolz

Langes Leben, Altersforschung, Gene, Thomas Perls

100 Jahre und noch fit: Bei extrem alten Menschen haben Wissenschaftler Genvariationen gefunden, die die Lebensspanne beeinflussen©

Methusalem soll 969 Jahre gelebt haben, so jedenfalls ist es den Berichten im Alten Testament zu entnehmen. Ob es in den Genen lag oder ob der Greis optimistisch war und sich gesund ernährte, ist heute wissenschaftlich wohl nicht mehr nachvollziehbar - genauso wenig wie der Punkt, ob es den Namensgeber der sogenannten "Methusalem-Gene" tatsächlich gab. Fest steht: Wissenschaftler beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit der Frage, was das Geheimnis eines extrem langen und gesunden Lebens ist.

Sind es die Gene? Oder ist es ein aktives Leben, begleitet von einer gesunden Ernährung und ausreichend Optimismus? Eine einfache Antwort darauf dürfte kaum möglich sein, denn der Alterungsprozess ist komplex.

Zu den Wissenschaftlern, die schon seit über zehn Jahren nach den "Methusalem-Genen" jagen, gehört eine Forschergruppe um Paola Sebastiani und Thomas Perls von der Boston Universität. Sie sind nun einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Die Wissenschaftler bestimmten als erste genetische Muster, die unsere Lebensspanne beeinflussen. Nicht ein einziges Methusalem-Gen entscheidet somit darüber, ob wir extrem alt werden können, sondern viele kleine Veränderungen, die über das Erbgut verteilt sind. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science".

Erbgut verrät Methusalem-Potenzial

Schon 2008 hatten amerikanische Wissenschaftler das Gen FOXO3 als Langlebigkeitsgen identifiziert. Forscher der Uni Kiel konnten ein Jahr später bestätigen, dass bei Menschen, die über hundert werden, häufiger eine Variante davon zu finden ist. Doch der Effekt dieses einen Gens war nur gering, die Forscher um Sebastiani und Perls suchten daher auch nicht nach einem einzigen Alters-Gen, sondern nach genetischen Mustern.

Dafür durchforsteten sie das Erbgut von 1055 Hochbetagten im Alter von 95 bis 119 Jahren. Dieses verglichen sie mit den Daten von 1267 jüngeren Kontrollpersonen. So identifizierten die Wissenschaftler 150 genetische Varianten, die die sogenannten "Hundertjährigen" von ihren Mitmenschen unterscheiden. Es gelang auch, 90 Prozent der Hochbetagten je nach ihren genetischen Mustern in 19 Gruppen zu unterteilen, wobei diese mit einer bestimmten Lebensdauer in Beziehung gesetzt werden konnten. Je mehr der 150 wichtigen Gensequenzen die Hundertjährigen aufwiesen, desto länger lebten sie und desto länger blieben sie gesund.

Anhand der Erbgutmerkmale ließe sich demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen, ob ein Mensch das genetische Potenzial hat, zum Methusalem zu werden. Die Trefferquote für die Methode lag den Wissenschaftler zufolge bei 77 Prozent.

Fast jeder siebente Mensch oder 15 Prozent verfüge über Langlebigkeitsgene, schätzt das Team um Sebastiani und Perls. Doch nur jeder Hundertste wird tatsächlich so alt. Dass die anderen trotz ihrer vorteilhaften Genkombination früher sterben, könne an falscher Ernährung, Bewegungs- oder Schlafmangel, Alkohol, Zigaretten oder einem Unfall liegen, räumen die Wissenschaftler ein. Im 20. Jahrhundert seien zudem Millionen junge Menschen im Krieg umgekommen - unabhängig davon, ob sie die genetischen Muster besaßen oder nicht.

Alterskrankheiten brechen später aus

Neben einem langen Leben scheinen die Genkombinationen allerdings auch noch andere Vorteile mit sich zu bringen: Bei den Testpersonen mit den Varianten im Erbgut setze der Alterungsprozess insgesamt später ein. Altersbedingte Krankheiten wie Demenz, Parkinson, Bluthochdruck oder Diabetes brachen bei ihnen deutlich später aus - obwohl krankheitsverursachende Genvarianten in beiden Gruppen gleich häufig vorkamen. Die für ein hohes Alter wichtigen Gensequenzen verzögern wohl auch den Ausbruch genetisch angelegter Krankheiten, vermuten die Wissenschaftler. "Deshalb könnte die Vorhersage von Krankheitsrisiken anhand krankheitsverursachender Genvarianten ungenau und irreführend sein", schreiben die Forscher. Schließlich könnten andere Genvarianten, wie etwa die Langlebigkeitsgene, das Erkrankungsrisiko mindern.

Die Forscher träumen daher davon, dass die Entdeckung der Langlebigkeitsgene den Weg "zu einer personalisierten Genforschung und medizinischer Betreuung mit Prognosecharakter" ebnet, wie der Biostatistiker Pearls sagte. Sie hoffen auch, durch die Analyse der Genkombination Krankheiten wie Demenz, Parkinson oder Diabetes besser behandeln vorbeugen zu können.

Die Autoren betonten allerdings selbst, dass ihr Prognoseverfahren deutliche Grenzen habe. Ob ein Mensch gesund alt werde oder nicht, hänge nicht nur von den Genen, sondern auch von dessen Lebensführung ab, schreiben die Wissenschaftler gleich zu Beginn ihrer Studie. Das zeigen auch die Daten von Zwillingsstudien, die den Einfluss der Erbanlagen auf die Langlebigkeit auf 20 bis 30 Prozent begrenzen. Als Beispiel dafür, wie groß die Rolle nicht genetischer Faktoren sein könne, nennen die Forscher die Siebenten-Tags-Adventisten, die rein vegetarisch leben, nicht rauchen, nicht trinken und sozial eingebunden sind. Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft in den USA leben durchschnittlich 88 Jahre - und damit einige Zeit länger als andere. Generell liege die Lebenserwartung in den Industrieländern derzeit zwischen 80 und 85 Jahren, schreiben Perls und Sebastiani.

Die genetischen Veränderungen alleine sind also keine Garantie für ein langes Leben. Und sie sind auch nicht dafür verantwortlich, dass die Bevölkerung in den wohlhabenden Ländern immer älter wird. Anders als bei den über 100-Jährigen fallen hier Lebensweise und Umwelt stärker ins Gewicht, betonen die Wissenschaftler.

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Demenz Diabetes Methusalem Parkinson
Wissen
Wissenstests
Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Kniffliges für Ihr Hirn: Quizzen Sie sich zum Allgemeinwissens-Champion! Mit diesen Fragen und Antworten sammeln Sie zudem genug Stoff für jeden Party-Smalltalk. Zu den Wissenstests
 
Extra
Lebensmittelunverträglichkeiten: Wenn Essen zur Qual wird Lebensmittelunverträglichkeiten Wenn Essen zur Qual wird
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?

 

  von Amos: Ich werde von der Telekom mit tollen Angeboten zu schnellerem Internetzugang bombardiert.

 

  von Amos: Obwohl schon oft gestellt: bei trockener Straße ohne Schnee darf ich doch mit Sommerreifen fahren....

 

  von Amos: Habe von Bio-Mineralwaser gelesen. Was ist das oder was soll das?

 

  von Gast: Ich trainiere ca. 5-6 mal pro Woche und habe einen Ruhepuls von 35 mit 15 Jahren, leider bekomme...