Die Heilige und die Hure

6. September 2007, 09:00 Uhr

"Dieses Wochenende hat mein Feuer angezündet." Petra B. (47) rief mich an, um von dem Seminar zu berichten, das ich ihr empfohlen hatte. Dort geht es um die Versöhnung der vermeintlich beiden Gegenpole der Frau. Von Ulrich Clement

sex

Sinnbild der Heiligen: Maria. In jeder Frau scheinen die Heilige und die Hure unvereinbar zu sein©

Ein paar Wochen zuvor war sie sehr reserviert gewesen, als ich ihr die Adresse der "Heiligen Hure" gab. Sie hatte meine sexualtherapeutische Sprechstunde aufgesucht, weil sie mit ihrer Sexualität chronisch unzufrieden war. Lange hatte sie es auf ihren Partner geschoben. Im Innern wusste sie aber, dass sie selbst es war, die die erotische Bremse angezogen ließ. Nicht dass sie keinen Spaß beim Sex empfand, auch einen Orgasmus konnte sie gelegentlich erleben. Aber sie fühlte sich nicht frei. Und sie hatte das Gefühl, hinter ihren erotischen Erlebnismöglichkeiten zurückzubleiben.

Das Heilige und das Sexuelle - beides gehört zusammen

Ich berichte ihr von den Seminaren, die Maggie Tapert anbietet. Die seit langem in der Schweiz lebende und praktizierende Amerikanerin hat ihr Frauenbild mit dem programmatischen Titel "Die Heilige Hure" überschrieben: Es geht ihr um die Verbindung zweier Seiten der weiblichen Sexualität. Zwei Seiten, die bei den meisten Frauen getrennt, unverbunden und oft unversöhnt nebeneinander leben: Das Heilige und das Sexuelle. Dass beides zusammen gehören soll, konnte sich Petra B. noch vorstellen. Theoretisch. Aber die Erkenntnis blieb bisher ohne Folgen für ihr körperliches Erleben.

Das Seminar wird als "Tempel" inszeniert. Und so wird der "heilige", also der geschützte, wertschätzende und besondere Rahmen für die sexuelle Selbsterfahrung der Teilnehmerinnen geschaffen. Im Dienst der Aphrodite, der griechischen Liebesgöttin. Esoterik? Symbolisch abgehoben? Manche Sätze auf der Website www.maggietapert.com haben esoterische Anflüge. Aber die praktische Arbeit im Seminar ist konkret, sinnlich, körperlich. Mit speziellen Übungen und Inszenierungen macht Tapert den weiblichen Körper zum Ort der Lust und des weiblichen Begehrens. Anders als in einer akademischen Sexualtherapie werden im "Tempel" Orgasmen erlebt, wird die Erregung gefeiert.

"Das sollten Sie aber nur Ihren mutigen Patientinnen empfehlen", meinte Frau B. am Ende unseres Telefonats. Stimmt.

Der Experte

Der Experte Prof. Dr. Ulrich Clement ist Paar- und Sexualtherapeut; Professor für medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg; Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten Hamburg, Freiburg im Breisgau und Heidelberg.

Clement war Präsident der International Academy of Sex Research und Research Associate an der Columbia University; zusammen mit Ulrike Brandenburg leitet er das Institut für Sexualtherapie Aachen/Heidelberg. Er ist einer der führenden deutschen und international renommierten Paar- und Sexualtherapeuten.

Clements Homepage
Das Institut für Sexualtherapie

Lesen Sie auch
KOMMENTARE (3 von 3)
 
starmax (08.09.2007, 15:50 Uhr)
Und der Puff ist die Kirche !
geahnt habe ichs schon immer ....dort findet sich mehr Menschlichkeit als in der Sakristei.
RomanTicker (07.09.2007, 11:12 Uhr)
Immer diese Grüppchen
Manche Menschen benötigen heutzutage für alles irgendwelche Selbsthilfegrüppchen, Therapeuten, etc. so unselbstständig sind die Menschen geworden. Schade. Aber wenn's hilft, viel Vergnügen. Vielleicht würde es aber auch helfen, sich einen Partner auszusuchen, dem man vertrauen kann und dann offen miteinander zu reden.
schlotti (07.09.2007, 00:25 Uhr)
Lieber Herr Clement,
dass Sie Ihre Kollegin Frau Tapert so warm empfehlen ist im Rahmen jouralistischer Grundsätze zweifellos vollständig gedeckt. Ebenso wie der Artikel, der von Frau Tapert demnächst über Sie geschrieben werden wird.
Hierbei an Kungelei zu denken, ist natürlich völlig abwegig!
Sie wahren offensichtlich jede nur mögliche kritische Distanz.
Allein die Tatsache, dass Frau Tapert - wie Sie schreiben - praktizierende Amerikanerin ist, sagt über deren Qualifikation doch wohl schon alles!
Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.
MfG,
Schlotti
 
Sex oder nie

Der Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement ist Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE