Der Atomkeller von Haigerloch

3. August 2005, 19:55 Uhr

Als die Messgeräte bei dem Versuch im April 1945 eine steigende Neutronenvermehrung anzeigen, wird den Wissenschaftlern im Bierkeller mulmig zumute. Doch den deutschen Forschern gelingt es weder Hitlers Atombombe zu bauen noch den ersten Kernreaktor.

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Nachbau des Versuchsmeilers: Mit Uranwürfeln versuchten Werner Heisenberg und Kollegen eine kontrollierte Kettenreaktion zu erzeugen©

Haigerloch, 1945: Die Messgeräte zeigen eine steigende Neutronenvermehrung. Ein ungutes Gefühl beschleicht Werner Heisenberg unf Karl Wirtz - sie wissen nicht, wie eine unkontrollierte Atomkettenreaktion zu stoppen wäre. Auch Sicherheitsvorkehrungen haben sie in der künstlichen Felshöhle in Haigerloch bei Tübingen so gut wie keine getroffen. Doch dann gibt es einen Knick in der Kurve, die Reaktion kommt nicht zustande. Das Physikerteam um Werner Heisenberg und Karl Wirtz atmet auf - und ist gleichzeitig schwer enttäuscht. Ihr Ziel, den ersten Atommeiler der Welt zu bauen, ist fehlgeschlagen.

Die deutschen Atomphysiker können die erste Atombombenexplosion kaum fassen

In britischer Gefangenschaft können es die Wissenschaftler später kaum fassen, als sie am Abend des 6. August von der US-Zündung einer Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima hören. Einige Zeit danach erfahren Heisenberg und seine Mannschaft auch noch, dass es Enrico Fermi in Chicago schon 1943 gelang, den ersten Kernreaktor der Welt in Betrieb zu nehmen. Wegen des Kriegs hatten amerikanische und deutsche Atomphysiker völlig getrennt voneinander gearbeitet - unter größter Geheimhaltung. Ein große Gruppe um Robert Oppenheimer entwickelte in der Wüste von New Mexico die Bombe, während die Experimente der Deutschen kurz vor Kriegsende im Bierkeller endeten.

Atompilz der Bombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde: Die Amerikaner befürchteten, dass Hitler ihnen zuvorkommen könnte©

Im Haigerlocher Felsenkeller hängten die Forscher - wie heute noch zu sehen - 644 knapp fingerlange schwarze Uranwürfel an Drähten in ein drei Meter breites Becken, in das sie schweres Wasser als Bremssubstanz pumpten. "Sie hätten mindestens die anderthalbfache Menge gebraucht, die war aber wegen des Krieges nicht mehr zu beschaffen", sagt Egidius Fechter, Kulturamtsleiter von Haigerloch. In dem ursprünglich von Bahntunnelbauern für den Schwanenwirt gebohrtem Keller hat die Stadt ein Museum eingerichtet, zu dem auch ein Nachbau des "B 8"-Versuchsmeilers gehört.

"Die Atombombe stand nicht auf dem Programm"

Die Forscher um Heisenberg behaupteten nur eine "Uran-Kraftmaschine" entwickeln zu wollen. "Die Atombombe stand nicht auf dem Programm", betonte der beteiligte Wirtz nach dem Krieg. Neuere Forschungen ergaben jedoch Hinweise auf eine vorhandene gezielte deutsche Atombombenforschung. So schrieb Rainer Karlsch in seinem Buch "Hitlers Bombe", dass es neben Heisenberg und seinem Team andere deutsche Forschergruppen gab, die in Thüringen und auf Rügen offenbar Bombentests durchführten. Sehr wahrscheinlich gelang ihnen aber keine nukleare Explosion.

Wahrscheinlich hätten aber wohl auch die Nazis die Bombe eingesetzt, wenn sie - aufbauend auf den Experimenten in Haigerloch und denen von Otto Hahn im nahe gelegenen Tailfingen - technisch machbar geworden wäre.

Während die Nazis die Atomtechnik von 1942 an als "nicht kriegsentscheidend" einstuften, lebten die Amerikaner in steter Angst, die Deutschen könnten doch schneller sein. 1944 bildeten sie eine Spezialeinheit mit dem Auftrag, Heisenberg und seine Kollegen festzunehmen, was ihnen im April 1945 auch gelang.

Die Amerikaner wollten das Atomlabor sprengen

Für die Forscher vom Kaiser-Wilhelm-Institut, dem Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft, waren die letzten Monate vor Kriegsende wohl idyllischer als an ihrer vorherigen Arbeitsstätte Berlin. Von Heisenberg wird erzählt, dass er es genoss, zwischen Haigerloch und den im 15 Kilometer entfernten Hechingen eingerichteten "Denkzellen" mit dem Fahrrad hin und her zu fahren. Die Haigerlocher selbst bekamen kaum mit, welche berühmten Wissenschaftler in ihrem Ort weilten.

Ein mit dem Atomexperiment verbundener Schrecken für sie kam erst nach dem Krieg. Damit niemand - besonders die Russen nicht - etwas von den Versuchen mitbekommen sollte, wollten die Amerikaner den Atomkeller sprengen. Dem Haigerlocher Stadtpfarrer gelang es jedoch, die US-Offiziere von dem Vorhaben abzubringen: Er begeisterte sie für die barocke Schlosskirche, die auf dem Felsen genau über dem Felsenkeller steht. Die Amerikaner zerstörten daraufhin nur das Innere des Labors und gruben, bevor sie sich davon machten, die 664 Uranwürfel aus einem Kartoffelacker aus. Einer davon kehrte vor fünf Jahren in den Atomkeller zurück und ist seitdem in einer gesicherten Vitrine ausgestellt.

Arno Schütze, DPA

Buchtipp

Buchtipp Rainer Karlsch: "Hitlers Bombe", 24,90 Euro, ISBN 3421058091

 
 
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