Hobbyraser "Ich bin nicht zu schnell, die anderen sind zu langsam"


Warum ein Autofreak aus Köln immer rast - und die Verkehrsordnung für ungerecht hält

Zuerst glaubte Stephan Radermacher, der Typ im Auto hinter ihm sei ein Selbstmörder. Mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit kam der Astra-Fahrer angebraust. Kurz vor einer unübersichtlichen Linkskurve wechselte der Kamikaze-Pilot auf die linke Fahrbahn. "Der will sich kaputtfahren", dachte Radermacher und hielt den Atem an. "Hoffentlich komme ich da heil raus."

Auf der anderen Fahrbahn, nur hundert Meter entfernt, tauchte in der Kurve ein Auto auf. Nur mit Vollbremsung konnte das entgegenkommende Fahrzeug einen Zusammenstoá verhindern. Der Astra mit Firmenreklame fuhr weiter.

Immer wieder bedrängte er in den nächsten Minuten die vor ihm fahrenden Autos, berichteten Zeugen später. Er überfuhr durchgezogene Mittellinien, zwang weitere Fahrer zu hals-brecherischen Bremsaktionen, drängelte in letzter Sekunde zurück auf die rechte Spur. "Ist doch halb so wild", meint Rüdiger K. (Name von der Redaktion geändert), 38, der den Astra fuhr. Er habe es eben ein wenig eilig gehabt, sagt er. Der Hobby-Motorsportler musste zum Rennen am Nürburgring. Gefährlich sei es nur geworden, weil die anderen ihm nicht genügend Platz zum Überholen gelassen hätten, glaubt er. Das Kraftfahrt-Bundesamt sah es anders. Für "Gefährdung des Gegenverkehrs" erhielt K. drei Strafpunkte.

Führerscheinverlust

Rüdiger K., der bei einer Tuning-Firma "Tieferlegungsfedern" für neue Automodelle entwickelt, musste den Führerschein schon mal für ein halbes Jahr abgeben. Vor elf Jahren, als er einen Jungen vom Fahrrad fegte. Zwei Tage nachdem er den Lappen zurückbekommen hatte, wurde er wieder geblitzt. Sein Zentralregister-Auszug liest sich wie ein Sturzflug durch Deutschland. Meist geht es um überhöhte Geschwindigkeit. Seine Anwältin hat für ihn etwa 20 Verkehrsverstöße bearbeitet, die Rechtsschutzversicherung hat deshalb schon gekündigt.

Kein Schuldbewußtsein

K. leidet am weit verbreiteten Raser-Syndrom. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Einmal will er die "zugewucherten" Schilder mit der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht gesehen haben, ein anderes Mal sei er nur deshalb zu schnell gefahren, weil hilflose und alte Menschen auf seine Hilfe gewartet hätten. Und überhaupt: Die Starenkästen, von denen er geblitzt wurde, müssen defekt sein! Deshalb hat K. jetzt wieder mal Einspruch eingelegt. Auf einer Bundesstraße soll er 48 Kilometer zu schnell gefahren sein. Wenn das rechtskräftig wird, verliert er den Führerschein zum zweiten Mal. Seinen eigenen heißen Renner mit Breitreifen und tiefer gelegtem Fahrwerk kann er dann verkaufen. "Das darf nicht sein", sagt K. Als guter Rennfahrer suche er auch im Alltagsverkehr in Kurven stets nach der Ideallinie, damit sein Fahrstil "homogen" wirke. "Das kann man mir doch nicht vorwerfen."

Detlef Schmalenberg print

Wissenscommunity


Newsticker