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Fahrertraining für Menschen mit Behinderung Vollgas anders

Die Stationen ähneln denen eines klassischen Aufbautrainings
Die Stationen ähneln denen eines klassischen Aufbautrainings
© press-inform - das Pressebuero
Autofahren mit Behinderung ist eine Herausforderung. BMW und Mini haben ein Fahrertraining für diese Autofahrer ins Leben gerufen. Die Instruktorin Tina Schmidt-Kiendl ist selbst querschnittsgelähmt. Wir stellen uns dieser Aufgabe und verlassen das Gelände voller Hochachtung.

Immer wenn Tina Schmidt-Kiendl eine Ausweichübung bei einem Fahrertraining vorführt, zieht sie den Sicherheitsgurt besonders stramm. "Die Rumpfstabilität ist nicht vorhanden, beim Slalom haut es mich hin und her", sagt die Frau mit den freundlichen wachen Augen. Der Grund für das konsequente Fixieren sind aber nicht die brutalen G-Kräfte, sondern die Tatsache, dass die Instruktorin seit eine Bandscheiben-Operation vor vier Jahren querschnittsgelähmt ist und sich nicht mit Muskelkraft gegen die Gesetze der Physik stemmen kann.

Tina Schmidt-Kiendl, die seit 2003 den Menschen Fahrtipps gibt und auch in der Strategieplanung bei BMW tätig war, zerbrach nicht an diesem heftigen Schicksalsschlag. "Für mich war der Rollstuhl so weit entfernt wie der Mars", erzählt sie. Die lebensfrohe Frau überlegte noch während des monatelangen Krankenhausaufenthalts, wie man das Beste aus der Situation machen könnte. "Die Idee, ein Fahrertraining für Behinderte zu organisieren, ist noch im Krankenhaus gereift"; erzählt Schmidt-Kiendl und fügt den Grund an, der für gehandicapte Menschen eine tägliche überlebenswichtige Relevanz hat. "Wir müssen im Straßenverkehr immer für alle anderen mitdenken, um Unfälle zu vermeiden. Wenn uns einer ins Auto fährt, können wir nicht einfach so aus dem Fahrzeug krabbeln." Nach diesem Satz herrscht erst einmal Stille im Besprechungsraum der BMW Driving Akademie in Maisach, wo die Kurse stattfinden werden.

Bei aller Relevanz kommt der Spaß für die Teilnehmer nicht zu kurz, denn die PS-Riege leidet definitiv nicht an Unterernährung: Neben einem BMW 430i, einem Mini John Cooper Works steht auch ein BMW M3 Competition mit 375 kW / 510 PS als Trainingsfahrzeug zur Verfügung. Kraft für das Kreiseln und Slalomfahren ist also mehr als genug vorhanden. Das Fahrertraining ähnelt dem klassischen Aufbautraining, bei dem die Autofahrer den Umgang mit ihrem Wagen verfeinern und wichtige Fahrmanöver lernen.

Von der Idee bis zur Umsetzung war noch ein langer Weg zu gehen. "Glücklicherweise hat mich BMW bei diesem Vorhaben von der ersten Sekunde an unterstützt", erzählt die Instrukteurin während einer Proberunde in einem der Trainingsfahrzeuge. Das wichtigste Element ist der behindertengerechte Umbau, der 4.000 bis 4.500 Euro kostet. Einfach mit dem Fuß Gasgeben und Bremsen funktioniert nicht. Als Gaspedal fungiert ein Ring, der sich vor dem Lenkradkranz befindet. Sobald man diesen nach vorne schiebt, erhöht man die Geschwindigkeit. Bekannt wurde dieses System durch den querschnittsgelähmten Rennfahrer Alex Zanardi verwendet.

Damit der Beifahrer bei ungeübten Piloten nicht ständig am unfreiwilligen Nicken ist, wird die Kennlinie des Gaspedalrings deutlich abgemildert. Jedes einzelne Detail ist durchdacht. Über dem eigentlichen Gaspedal befindet sich eine Schutzplatte, die das Pedal abschirmt? Warum? Eine unkontrollierte Muskelzuckung und das dadurch verursachte Betätigen des Pedals hätte verheerende Auswirkungen. Der Bremshebel befindet sich etwas unterhalb der bekannten Drei-Uhr-Position neben dem Lenkrad. Verzögert wird, indem man den Knüppel mit der rechten Hand nach unten drückt. Klingt alles ganz einfach? Ist es aber mitnichten. Schon das Starten des Fahrzeugs wird zur Kunstübung: Zunächst aktiviert man die behindertengerechten Bauteile per Knopf. Dann drückt man mit einer Hand auf die Bremse und startet das Fahrzeug, indem man übergreift. Läuft der Motor, schiebt man den Automatikhebel auf D und schon gehts los.

Sobald die erste Hürde überwunden ist, folgt das nächste Hindernis. Gas geben und Bremsen sind völlig ungewohnt. Auch die vom Autor vorschnell hinausposaunte Playstation-Controller-Erfahrung brachte rein gar nichts, wie die unfreiwillig zustimmende ruckartige Kopfbewegung des bemitleidenswerten Co-Piloten zeigen. Gasgeben ist deutlich diffiziler als das Bremsen. Nach ein paar Einführungsrunden haben wir die grundlegenden Fertigkeiten gemeistert, um den Nackenmuskeln des Beifahrers die wohlverdiente Ruhepause zu gönnen. Das Kreiseln bei regennasser Fahrbahn funktioniert auch noch einigermaßen. Anspruchsvoller wird es beim Spurwechsel, bei dem sukzessive die Geschwindigkeit auf 60 km/h gesteigert wird und bei dem man nach dem Hindernis mit einer Vollbremsung zum Stehen kommen muss. "Kräftig nach unten drücken", knarzt Tina Schmidt-Kiendls warme Stimme aus dem Funkgerät. Erst nach zwei, drei Versuchen, als die Alarmblinkanlage anspringt, ist die gestrenge Instruktorin mit der Vollbremsung zufrieden. "Genau so", tönt es aus dem Walkie-Talkie.

Als krönender Abschluss winkt der Pylonen-Slalom mit abschließender Punktbremsung in einer virtuellen Garage. Da das Ganze auf Zeit stattfindet, ist der Ehrgeiz der Teilnehmer geweckt. Jetzt hat man sich schon an die Koordinationsaufgabe gewöhnt, doch wir befinden uns in einem abgeschlossenen Areal mit viel Platz. Im realen Straßenverkehr muss man in Sekundenbruchteilen agieren, da kann jeder Fehler fatale Auswirkungen haben. Unser Respekt vor den Autofahrern mit Behinderung steigt nach diesem Training nur noch. "Ja, wir müssen immer voll konzentriert sein. WhatsApp tippen während der Fahrt, ist nicht"; schmunzelt Tina Schmidt-Kiendl mit einem Augenzwinkern, das zu einem breiten Grinsen mutiert, wenn man sie nach ihrem Traum fragt. "Wenn es mal ein M Intensiv-Rennstrecken Training geben würde, ginge mir das Herz auf", strahlt sie. Und wer diese Frau kennt, weiß, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird. Doch zunächst ruft die Pflicht: Das erste Fahrertraining für Menschen mit Behinderung findet bereits am 1. Juli statt und die zehn Plätze sind bereits ausgebucht.

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