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Gepanzerte Limousinen Völkerverständigung

BMW 733i Generation E23 ab 1977
BMW 733i Generation E23 ab 1977
© press-inform - das Pressebuero
Sie sehen auf den ersten Blick aus, wie ganz normale Luxuslimousinen und sind doch rollende Trutzburgen, gepanzerte Kommandozentralen auf schusssicheren Reifen. Politiker, Königshäuser und Firmenchefs lassen sich seit Jahrzehnten in gepanzerten Fahrzeugen chauffieren. Den meisten Fahrzeugen sieht man die Panzerung allenfalls auf den zweiten Blick an.

Helmut Kohl, Kanzler der Einheit, schwor auf seine gepanzerte Mercedes S-Klasse vom Typ W 126. Der graue Mercedes 500 SEL des Jahrgangs 1983 fiel im Straßenverkehr an sich nicht sonderlich auf. Helmut Kohl saß meistens vorne rechts, während die Rückbank, ebenso mit grauem Flockvelours bezogen wie die vorderen Sitze, leer blieb. Der Personenschutz fuhr vorne weg und schloss den automobilen Entenmarsch nach hinten ab. Egal, ob Helmut Kohl in Bonn, Berlin oder im heimatlichen Oggersheim unterwegs war - man reiste gepanzert und zwar schwer, denn die Angriffe der RAF hatte die deutsche Bundesrepublik in den 1970er Jahren in Angst und Schrecken versetzt. Der graue 500er unterscheidet sich von einem Serienmodell aus den 80er von außen durch den Standartenhalten an den beiden vorderen Kotflügeln und die auffällige Schutzleiste an der Unterseite der Windschutzscheibe.

Gepanzerte Limousinen gab es nicht erst seit der Zeit, als die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik vor ihre härteste Bewährungsprobe nach dem Zweiten Weltkrieg stellte. Die Historie der Panzerfahrzeuge begann in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bereits der Mercedes Nürburg 460 aus der Baureihe W 08 war in politisch schweren Zeiten als gepanzerte Variante zu bekommen. Als erster internationaler Staatsmann ließ sich der japanische Kaiser Hirohito zu Beginn der 1930er Jahre von einem gesicherten Mercedes Typ 770 durch sein asiatisches Reich bewegen. In der gleichen Ära gab es gepanzerte Versionen von Mercedes und Auto Union für das Vorkriegs-Deutschland.

Bevor der legendäre Mercedes 600 der Baureihe W 100 ab Mitte der 60er Jahre bei vielen Nationen als Staatslimousine Einzug in den Fuhrpark hielt, produzierte Daimler auf besonderen Wunsch gefährdeter Kunden Sonderschutzvarianten des Typs 500 (Baureihe W 08) und des 770ers (Baureihe W 150). Ihnen allen gemein war eine tonnenschwere Stahlpanzerung an Türen und Karosserieteilen, während die Sicht nach außen wie innen von zentimeterdickem Panzerglas gewährleistet wurde. Bis heute gilt der 1963 vorgestellte Mercedes 600 als Pullman-Version weltweit als die Staatslimousine schlechthin. Der legendäre 600er war bis in die frühen 90er Jahre die deutsche Staatslimousine und zurückhaltender Ausdruck einer selbstbewusster werdenden Bundesrepublik. Mit ihr untrennbar verbunden Fahrer wie Wolfgang Wöstendieck, der die Staatsgäste mit seinem automobilen Liebling über Jahrzehnte in aller Zurückhaltung gefahren hat: den Kaiser von Japan, Lady Di oder Johannes Paul II. Von 1971 bis 1993 war er zusammen mit drei anderen Fahrern der offizielle Chauffeur der deutschen Staatslimousine. Wenn der Besuch eines hohen Gastes anstand, orderte das Auswärtige Amt bei Mercedes-Benz in Stuttgart das bewährte Doppel aus Wöstendieck und seinem schwarzen Pullman, Kennzeichen S-VC 600. Die exklusivste deutsche Nachkriegslimousine wurde von 1963 bis 1981 2677 Mal gebaut. Viele der 477 Pullman-Langversionen gingen in den Besitz von Regierungen und hoch gestellten Persönlichkeiten über.

Gleichermaßen spektakulär und doch unauffällig waren die beiden Versionen, die Mercedes-Benz seinerzeit zusammen mit Wolfgang Wöstendieck für Staatsbesuche bereithielt. Beide 600er Pullman waren schwer gepanzert und sollten gefährdeten Staatsgästen wie Prinz Charles, Erich Honecker, Boris Jelzin oder Leonid Breschnew nicht nur Komfort, sondern auch die nötige Sicherheit auf deutschen Straßen geben. "Insgesamt war ich zwischen 1971 und 1993 bei 116 Staatsbesuchen dabei", so vor Jahren der aus Bremen stammende Wolfgang Wöstendieck, "ich kam über meine Fahrlehrertätigkeit bei der Bundeswehr nach Stuttgart. Hier fing ich bei Mercedes als Werksfahrer an und wurde nach ein paar Jahren Fahrer der Staatslimousinen." Zwischen dem Bonner Dreieck aus Villa Hammerschmidt, Petersberg und Bad Godesberg fühlte sich der Wahlschwabe einst wie zu Hause. Seine Übernachtungen am Petersberg, dem ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung oder in einer kleinen Pension in Bonn sind ungezählt.

Weniger repräsentativ, aber von zahlreichen Politikern und Wirtschaftsgrößen innig geliebt waren die Panzerversionen der späteren Mercedes S-Klassen. Egal ob die frühe Chrombaureihe W 116, der modernere W 126er oder der opulente W 140 - es gab keinen Staatsbesuch, keinen Wirtschaftskongress, auf der die gepanzerten S-Klassen die gefährdeten Personen nicht nur sicher, sondern auch überaus komfortabel an Ziel gebracht hätten. Während das Personenschützer von BKA oder Polizei während der 70er Jahre im W 116 zumeist im gesicherten Mercedes 350 SE unterwegs waren, reisten die Politiker bevorzugt im kraftvolleren 450 SEL mit langem Radstand oder gar um 6.9er. Das wollte der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß nicht auf sich sitzen lassen und ließ 1977 zwei gepanzerte BMW 733i bauen, weil der bekennende Mercedes-Fan Strauß nicht in einem Fremdfabrikat aus dem Nachbarbundesland unterwegs sein wollte.

Der französische Staatspräsident Emmanuel ist mit einem gepanzerten Renault Espace oder einem DS5 unterwegs. Was bei Macron aussieht wie eine ganz normale französische Limousine in dunkler Lackierung hat mit den Serienmodellen von PSA oder Renault nicht viel gemein. Zentimeterdickes Panzerglas, mit Stahl, Karbon und Kevlar verstärkte Türen und Hauben - selbst gegen einen schweren Beschuss halten die Panzerungen allem stand. Donald Trump und sein Vorgänger Barack Obama setzen bei der Sicherheit auf "The Beast" die wohl bestgesicherte Limousine der Welt von GM. Was aussieht wie ein Cadillac STS hat mit dem Luxusmodell jedoch kaum mehr Leuchteinheiten und Kühlergrill gemein.

Angela Merkel ist in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin fast ausschließlich mit einem gepanzerten Audi A8 unterwegs. Granatenbeschuss, Schnellfeuerwaffen oder Sprengsätze bringen die Panzerung der Neckarsulmer Luxuslimousinen nicht zum bärsten. Reifen mit Notlaufeigenschaften sorgen dafür, dass die Personenschützer die Fahrzeuge selbst bei zerstörten Reifen aus der Gefahrenzone bringen können. Während Angela Merkel bisher zumeist mit einem gepanzerten Audi A8 mit knapp 600 PS unterwegs ist, lässt sich Bundespräsident Walter Steinmeier bevorzugt mit einem BMW 7er älteren Baujahrs chauffieren oder fährt in einem Mercedes S 600 L zu Terminen im In- und Ausland. BMW hat vom aktuellen 7er BMW keine Schwerpanzervariante aufgelegt, so müssen BMW-Fans in Politik und Wirtschaft auf die alte Generation von 750 Li / 760 Li setzen.

Wer einen neuen 7er BMW mit Panzerung fahren will, kann allenfalls zu einer Nachpanzerfirma wie Trasco wechseln, die den 7er sogar als gepanzerte Hybridvariante - allerdings als Leichtversion anbieten. Überhaupt kommt den Hybridmodellen zunehmend eine Rolle in den Sicherheitsfuhrparks zu. Die letzten Meter zum jeweiligen Termin fahren gerade die Ministerpräsidenten aus Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen gerne mit einem vermeintlich sparsamen Hybridmodell. Immer dabei ist jedoch eine schwer gepanzerte Luxuslimousine mit normalem Verbrenner, wenn es brenzlig werden sollte. Die sieht dem anderen Modell zum Verwechseln ähnlich oder deckt eben eine zweite Marke ab. So fährt Winfried Kretschmann im Alltag oftmals eine Mercedes S-Klasse mit E-Kennzeichen und Hybridantrieb. Das zweite Fahrzeug ist zumeist ein gepanzerter Audi A8. Grund: beide Autohersteller haben ihre Fertigung in Baden-Württemberg und da soll niemand bevorzugt werden.

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