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"Fable II": Jenseits von Gut und Böse

Microsofts exklusiver Xbox-360-Titel "Fable 2" ist eine Moral-Mär mit unglaublich vielen Möglichkeiten - und wenigen Schwächen.

"Fable 2" mag auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Genre-Vetreter mit farbenfroher 3-D-Grafik wirken. Doch es steckt viel mehr hinter dem ambitionierten Konzept, das unverkennbar die Handschrift von Peter Molyneux trägt. Im Grunde ist sein Spiel halb Grimm'sches Märchen, halb digitaler Bildungsroman: Die Geschichte, die 500 Jahre nach dem Original angesiedelt ist und mit einem tragisch endenden Tutorial ihren Anfang nimmt, zeichnet die Entwicklung eines naiven Straßenkinds zum gereiften, kampferprobten Helden nach, der den Mord an seiner Schwester rächen will.

Wie sich der Charakter in der Zwischenzeit entwickelt, liegt zum großen Teil in den Händen des Spielers. Der kann durch seine Entscheidungen beeinflussen, wie edel oder abgefeimt sein Alter Ego sein wird. Oft wird man vor die Wahl gestellt: Arbeitet man stundenlang für den Schmied oder greift lieber in die Portokasse, wenn der gerade nicht hinschaut? Befreit man Sklaven oder lässt sie in ihren Käfigen schmoren? Erledigt man zuverlässig einen Botengang oder steckt das anvertraute Kleinod selbst ein?

Die Auswirkungen der moralischen Schwarz-Weiß-Malerei sind aber nicht immer so deutlich und irreversibel wie zu Beginn des Abenteuers. Hilft man etwa im Kindesalter mehrmals einem Gauner, verkommt das Armenviertel der Stadt Bowerstone vollends. Wer jedoch schon früh den Gutmenschen gibt, trifft bei seiner Rückkehr auf adrett gekleidete Menschen, die über die sauberen Straßen flanieren.

Das Verhalten des Helden spricht sich unter den Bewohnern im Fantasyland Albion schnell herum und beeinflusst, wie wohlwollend oder ablehnend sie ihm gegenüberstehen. Auch das Abenteuerleben hinterlässt seine Spuren - sei es in Form von unschönen Narben, gewagten Tattoos oder immer mächtigeren Fähigkeiten durch das Sammeln von Erfahrungspunkten. Das Abbild des Spielers verändert sich ebenfalls entsprechend seiner Handlungs- und Ernährungsweise. Tofu-essende Gutmenschen mutieren zur schlanken Lichtgestalt, Torten-fressende Misanthropen zum adipösen Tyrannen mit blasser Haut und stechendem Blick. Allerdings nichts, was sich nicht wieder revidieren ließe ...

Wer nur der Geschichte folgt, dürfte etwa 15 Stunden beschäftigt sein - verpasst dann aber, was "Fable 2" eigentlich auszeichnet. Das Spiel lockt mit unglaublich vielen Freiheiten und Frivolitäten: Wer will, kann sich als Schmied, Holzhacker oder Wirt in stupiden Minispielchen eine erste Bleibe finanzieren. Die ist auch nötig, um einen Partner zu ehelichen und Kinder in die virtuelle Welt zu setzen, sofern man beim Flirten nicht allzu oft furzt und bei ausgeblendetem Bild ungeschützten Sex praktiziert. Und wer der Meinung ist, Monogamie sei mit Monotonie gleichzusetzen, kann mit anderen Partnern anbandeln und mehrere Familien gründen - sofern man genügend Geld für einen Zweit- oder Drittwohnsitz besitzt. Gleichgeschlechtliche Liebe, Großgrundbesitz, die Krönung zum König über Albion - auch das ist alles möglich! Selbst nach dem Ende der Geschichte. "Fable 2" geht einfach weiter.

Innerhalb der Rahmenhandlung muss der Spieler unzählige kleine, manchmal auch skurrile Aufträge erfüllen und sich mit Schwert, Flinte und Magie durch Horden von Banditen und Biestern kämpfen. Dabei stets an seiner Seite: ein treuer Köter mit einem ausgezeichneten Spürsinn für vergrabene Schätze, einer Abneigung gegen dunkle Höhlen und einer Vorliebe für Streicheleinheiten, Gummibälle und drollige Tricks. Der tierische Begleiter ist allerdings mehr Werkzeug als echter Gefährte - entgegen den Ankündigungen von Peter Molyneux.

Fable II

Hersteller/Vertrieb

Lionhead Studios/Microsoft

Genre

Rollenspiel

Plattform

Xbox 360

Preis

ca. 70 Euro

Altersfreigabe

ab 16 Jahren

Leider nicht die einzige Schwäche, die sich diese sonst farbenfrohe Moral-Mär leistet: Die Kameraführung zickt zuweilen, die Menü-Führung und das Inventar-Management sind im Vergleich zur restlichen Handhabe unverständlich umständlich. Hinzukommen die langen Ladezeiten der eigentlich komfortablen Schnellreise-Funktion und die eingeschränkten Areale, die Bewegungsfreiheit nur vorgaukeln. Dafür überzeugen die ebenso effektreiche, liebe- und humorvolle Inszenierung in nahezu allen Belangen sowie der enorme Wiederspielwert von "Fable 2". Und wer nicht alleine durch Albion streifen will, kann sich dank eines Online-Updates, das allerdings erst zum Verkaufsstart zur Verfügung stand, auch über "Xbox Live" mit einem Kumpel ins Coop-Abenteuer stürzen.

Gerd Hilber/Teleschau / TELESCHAU
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