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Neue Spielkonzepte: Die große Wii-talisierung

Nintendo hat's mit der Wii vorgemacht, jetzt ziehen Sony und Microsoft nach: Künftig können Spiele für alle Konsolen allein durch Körperbewegung gesteuert werden. Auf der E3 in Los Angeles, eine der wichtigsten Spielemessen der Welt, zeigen die drei großen Hersteller ihre neuesten Entwicklungen.

Von Sven Stillich, Los Angeles

Es ist bemerkenswert: Da stehen innerhalb von einer guten Stunde Paul McCartney und Ringo Starr, Yoko Ono und Olivia Harrison sowie Steven Spielberg auf der selben Bühne - und am Ende erscheint ein kleiner Junge namens Milo und schlägt sie alle. So gerade geschehen in Los Angeles bei Microsofts traditioneller Pressekonferenz im Rahmen der Videospielmesse "Electronic Entertainment Expo" (E3).

Dass Milo kein echter Junge ist, sondern ein digitales Wesen, das in einem Xbox 360-Technikdemo lebt, verwundert in diesem Rahmen natürlich niemanden - was das Publikum jedoch umgehauen hat, ist gerade seine Echtheit: Milo versteht, was der Spieler sagt, kann anhand der Stimmlage dessen Gefühlzustand einschätzen und in sinnvollen Sätzen antworten. Milo wendet sich dem Spieler zu und blickt ihm dabei in die Augen, er kann sogar Nachrichten entgegen nehmen, die ihm der Spieler vor dem Fernseher auf ein Blatt Papier geschrieben hat. Er erkennt dessen Gesicht wieder und kann Menschen unterscheiden - und wenn Milo dem Spieler (wie auf der Bühne in LA) etwas zuwirft, dann versucht der Mensch unweigerlich, es zu fangen, obwohl er weiß, dass da eigentlich nichts ist außer Illusion. Und diese Illusion gab es so perfekt in einer digitalen Welt noch nie. "Das wird die Videospiellandschaft für immer verändern", sagt dann auch der Gamedesigner Peter Molyneux - und obwohl alle im Saal wissen, dass der Brite sich oft einmal von seiner eigenen Begeisterung zu großen Sätzen hinreißen lässt - dieses Mal wissen sie, dass er Recht behalten könnte. Ein lang gehegter Traum vieler Videospieler würde in Erfüllung gehen: mit virtuellen Wesen auf dem Bildschirm interagieren zu können, als seien sie echt.

Welches ist die beste Spielplattform?

Möglich macht das alles "Project Natal". So lautet der Arbeitstitel eines 3D-Scanners für Microsofts Xbox 360, der nicht nur äußerst genau die Körperbewegungen des Spielers im Raum erfassen soll - und zwar seines gesamten Körpers, nicht nur der Handbewegungen wie der Controller von Nintendos Wii-Konsole - sondern überdies dessen Stimme analysieren sowie seine Gesichtsausdrücke reagieren soll. Sollte das System wirklich so gut funktionieren, wie Microsoft es auf seiner Veranstaltung gezeigt hat, wären auf einen Schlag Spiele und Anwendungen möglich, die bislang niemand für möglich gehalten hat: von digitalen Shopping-Angeboten, bei denen sich Kleider virtuell anprobieren ließen über weitaus komplexere Sport-, Action und Bewegungsspiele bis zu Games, die völlig auf die Interaktion mit Personen setzen und mit der neuen Technologie tiefere und emotionalere Geschichten zu erzählen könnten als je zuvor. Noch ist "Project Natal" ein Prototyp, einen Verkaufstermin oder gar einen Preis für die neue Technik nannte Microsoft auf der E3 nicht.

Bei der Nintendo-Konkurrenz hat sich viel getan

Nachdem Nintendo vor Jahren die neuartigen Steuerungsmöglichkeiten der Wii angekündigt hatte, muss sich in den Entwicklungsabteilungen der Konkurrenz einiges getan haben: Auch Sony hat auf der E3 - neben einer neuen Ausgabe ihrer Mini-Konsole Playstation Portable (PSP) - den Prototypen eines "Motion Controllers" vorgestellt. Ähnlich dem das Eingabegerät der Wii halten die Spieler diesen in der Hand, und die Playstation 3 erkennt mit einer Kamera sehr präzise, welche Bewegungen die Spieler mit dem neuen Controller ausführen. Der Clou: Die Spielkonsole kann sogar den Spieler auf dem Fernseher anzeigen und den Controller in der Hand mit einem beliebigen virtuellen Gegenstand ersetzen - mit einem Tennis- oder Golfschläger zum Beispiel, mit einer Taschenlampe oder gar einer Pistole. Das ergibt einen überraschenden "Roger Rabbit"-Effekt, also die Verschmelzung von realen und erdachten Inhalten. Der Spieler wird dadurch viel stärker an das Spiel gebunden als mit einem herkömmlicher Controller und kann ein Stückchen weiter in die digitale Welt eintauchen. Ob das neue Eingabegerät auch für komplexere Videospiele geeignet ist, wird sich ab kommendem Frühling zeigen, dann soll Sonys "Motion Controller" zu einem bislang unbekannten Preis erhältlich sein.

Und Nintendo selbst, die großen Innovatoren der vergangenen Jahre? Die halten sich auf dieser Messe sehr zurück. Vielleicht hat es das Unternehmen derzeit nicht nötig, der Konkurrenz noch ein paar Schritte mehr davon zu laufen - vielleicht aber auch brauchen die Japaner nach all den risikoreichen Jahren eine Pause. Denn viel Neues zeigen sie nicht. Es wird zwar einen Zusatz namens "Wii Motion Plus" zur Wii-Konsole geben, die deren Controller präziser machen soll - aber das war bereits seit langem bekannt. Die einzige Überraschung auf der Hardwareseite: In absehbarer Zeit soll für die Wii ein "Vitalitäts Sensor" erscheinen, in den man seinen Finger steckt, woraufhin der Puls und andere Körperfunktionen des Spielers angezeigt werden. Das ist vielleicht keine schlechte Idee, schließlich wird die Gesellschaft immer älter, und wer dank "Gehirnjogging" schon einmal "Nintendo" mit "Gesundheit" assoziiert hat, wird sich unter Umständen auch von einer Spielkonsole medizinisch betreuen lassen. "Das Gerät könnte auch anzeigen, wie aufgeregt ich gerade bin", hat Nintendos Präsident Satoru Iwata auf der Bühne in Los Angeles gesagt - und dabei einen recht ruhigen Eindruck gemacht. Es wäre wohl viel interessanter gewesen, seinen Puls zu messen, als Sony und vor allem Microsoft ihre neuen Produkte vorgestellt haben. Denn wenn die auf dem Markt sind, ist das Alleinstellungsmerkmal seiner Konsole erst einmal dahin. Nintendo muss also handeln. Man kann davon ausgehen, dass in den Entwicklungsabteilungen der Firma die Nächte nun wieder länger werden.