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Casual Gaming: Wir alle sind Spieler

Das Computerspiel wird gewöhnlich, denn "Casual Games" bringen alle Alterstufen zum Zocken - und der Industrie fette Gewinne. stern.de wird sich in einer Artikelserie verstärkt mit dem Thema "Spiele für alle" auseinander setzen und beleuchten, wohin die digitale Reise geht.

Von Gerd Blank

Was ist eigentlich ein Gelegenheitsspieler - oder neudeutsch "Casual Gamer"? Im Wörterbuch stehen für das Adjektiv "casual" mehrere Übersetzungen: neben den Begriffen gelegentlich und beiläufig stehen dort auch lässig, locker, salopp, zufällig und zwanglos. Mit dieser Vielzahl an Übersetzungsmöglichkeiten ist der eigentliche Charakter des Spielens an sich treffend umschrieben. Denn in welchen Situationen wird gespielt? Nach dem Job, nach der Schule, zwanglos mit Freunden oder alleine zum Entspannen. Das trifft aufs Bowling im Center genauso zu wie auf Skat in der Kneipe - oder eben Computerspiele.

Natürlich gibt es Hardcore-Gamer, also solche, die das Spielen zur Lebensaufgabe gemacht haben, die die berufliche Karriere so nebenbei gestalten und deren Sozialkontakte auf ein Minimum beschränkt sind. Doch wenn das Hobby zur Sucht wird, ist nicht das Genre schuld, sondern die eigene Persönlichkeit. Ein Blick auf den Fußballplatz zeigt, dass es dieses Phänomen überall gibt. Fans, die über nichts anderes mehr reden als über Bundesliga, Transferlisten und Trainerwechsel. Die in Vereinsbettwäsche schlafen und bei Auswärtsspielen mitreisen und ihr Familienleben komplett nach dem Spielplan abstimmen. Auch das ist extrem. Aber der Griff zum Fan-Schal ist gesellschaftlich eher akzeptiert als der zum Spielecontroller.

Am ehesten lässt sich ein Spieler allerdings mit einem Filmfan oder Musikliebhaber vergleichen. Menschen mit großen Plattensammlungen oder unzähligen DVDs werden selten nicht als verrückte Freaks gebranntmarkt. Selbst, wenn sie mehrmals im Monat ins Kino oder aufs Konzert gehen, wird das eher bewundert als belächelt - schließlich handelt es sich bei Musik und Filmen ja um Kulturgut. Doch was sind dann Spiele? Auch sie erzählen Geschichten, führen Menschen zusammen, bringen zum Lachen und setzen in Bewegung.

Spiele für Millionen

Alleine das Online-Spiel "World of Warcraft" lockt regelmäßig Millionen Spieler an, die gemeinsam Aufgaben erfüllen. Doch während dieses auf dem ersten Blick komplexe Rollenspiel viele Gamer eher abschreckt, zieht ein anderes Online-Spiel gleichzeitig Millionen Fans an: Poker. Hier scheint der Transfer von der realen in die digitale Welt perfekt zu funktionieren. Die Pokerrunde kann mit Spielern aus der ganzen Welt zusammengesetzt sein - die Regeln sind überall gleich. Sicher, es gibt Spieler, die mit Poker ihr Geld verdienen, doch die Mehrheit sucht einfach nur den Spaß, die kurzweilige Unterhaltung.

Der Begriff "casual gaming" ist eigentlich nur eine Hilfskonstruktion der Industrie und der Medien. Gibt es eine abgeschwächte Form von Cineast oder Filmfreak? Vielleicht ist es an der Zeit, Spiele einfach als eine weitere Unterhaltungs- und Kulturform zu akzeptieren. Doch noch immer glaubt ein großer Teil der Öffentlichkeit, dass alle Computerspieler keine Freunde haben, alleine am Rechner oder vor dem Fernseher sitzen, also soziale Versager sind. Schuld an diesem Irrglauben ist der schwere Zugang zu vielen Computerspielen.

Dabei reicht die Bandbreite von Kartenspielen über Abenteuer- und Strategie- bis zu action-lastigen Games. Spiele für jeden Geschmack. Die technische Hürde hinderte aber daran, dass gerade Ältere sich ebenfalls an der virtuellen Freizeitbeschäftigung versuchten. Doch dieser Generationenkonflikt wird immer kleiner. Ehemals junge Gamer haben inzwischen selbst spielende Kinder. Spielkonsolen sind in über der Hälfte der deutschen Haushalte zu finden, Tendenz steigend.

Technik ist keine Hürde mehr

Nintendo hat mit der Wii-Konsole gezeigt, dass auch die Technik selbst keine Hürde mehr darstellt. Die Bedienung von Spielen muss nicht kompliziert sein. Während man früher lernen musste, wie man Hardware richtig nutzt, wurde die Wii-Hardware nun den natürlichen Bewegungsabläufen der Spieler angepasst. Eine Bewegung mit dem Arm kann den Wurf einer Bowlingkugel simulieren oder den Gegner mit einem Schwerthieb vertreiben. Durch diese Konsole wurde bewiesen, dass das Spielen von Videogames nicht erst durch möglichst leistungsstarke Technik schön wird, sondern das Spielen an sich der entscheidende Faktor ist.

Die Wii zeigt aber auch, dass Spiele nicht nur Freudenspender sind. Längst sind Spiele oft erfolgreicher und bringen mehr Umsatz für die Industrie als Filme und Musik-CDs. Und auch hier müssen die Käufer differenzierter angeschaut werden, denn eine Erfolgsformel gibt es nicht. Während Action-Freunde zu "Halo 3" und "Grand Theft Auto 4" griffen, wurden auf der anderen Seite mehr als 100 Millionen Exemplare der spielbaren Soap-Reihe "Die Sims" verkauft. Unternehmen wie Eidos und Ubisoft setzen inzwischen stark auf Produkte für jüngere Spieler, schließlich wird ein Großteil des Millionen-Umsatzes durch eben diese Zielgruppe generiert.

Computer-Spiele sorgen nicht nur für mehr Freude in den Haushalten, sondern auch für strahlende Gesichter bei Software- und Hardware-Unternehmen. Spiele haben inzwischen eine solche Relevanz, dass sich sogar die Politik immer mehr mit diesem Thema auseinander setzt. Nicht nur bei Verboten von jugendgefährdenden Inhalten, sondern auch durch Förderung von jungen Unternehmen oder der Stiftung von Preisen.

stern.de wird sich künftig verstärkt mit dem Thema "Spiele für alle" auseinander setzen und beleuchten, wohin die digitale Reise geht. Der nächste Artikel in dieser Reihe erscheint am Dienstag. Das Thema: "Klassenzimmer für die Hosentasche".

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