SCHEIBE Den Bezug zur Realität wiederfinden


Wer seinen Computer beherrscht, fühlt sich schnell allmächtig: Gegen diesen Verlust des Bezugs zur Realität, sollte man ab und zu mal wieder einkaufen gehen.

Wir PC-Schaffenden neigen ja immer schnell zum Größenwahn. Klar, so ganz alleine mit der Maschine: Da kommen schnell Allmachtsphantasien auf. Vor allem, wenn blutrünstige Ballerspiele mit im Spiel sind, oder die folgsame Striptease-Maus im Porno-Chat alles macht, was wir ihr über die Tastatur befehlen. Wer merkt, dass er am Computer allzu rasch den Bezug zur Realität verliert, sollte ab und zu mal wieder einkaufen gehen.

Übrigens: Es gibt noch Münzgeld...

Bereits am Eingang des Supermarktes wird der Computer-Nerd wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Der Einkaufswagen-Bolide ist mit dicken Ketten am Vordermann festgekettet. Eine einzelne Euromünze muss in den Schlitz des Wagens geschoben werden, um die Ketten zu lösen. Natürlich hat der PC-Freak keinen Euro in der Tasche, sondern nur Plastikgeld und große Scheine. Die Würstchenbude in direkter Nachbarschaft verweigert den Tausch eines zerknitterten Scheines in Münzen ebenso wie das Dutzend Passanten, das auf den Knien verzweifelt um Hilfe angebettelt wurde. Auch an der Infotheke des Supermarktes hat man nur verächtliche Worte für den Blödmann übrig, der ohne Euro in der Tasche einkaufen geht.

»Paybox« nützt beim Einkaufswagen wenig

Merke: Nur weil man drei verschiedene Kreditkarten besitzt und im Netz mit der »Paybox« bezahlen kann, heißt das noch lange nicht, dass man zur internationalen Finanzelite gehört. Vor den Einkaufswagen der Nation sind alle Kunden gleich. Hier scheint nur dem die Sonne in die Tasche, der seinen Glückseuro nicht vergessen hat.

Friedlich rollt der PC-Nerd seinen Wagen durch die Gänge des Supermarktes und erfreut sich am Anblick der Produkte. Das ist doch etwas anderes als der innovative Einkauf von Waren per Mausklick im Internet-Supermarkt: Hier lassen sich die Waren noch 1:1 und nicht nur im pixeligen Minibild betrachten. Doch der friedvolle Eindruck täuscht. Ein paar Kinder schieben Mutters vollbeladenen Wagen mit Anlauf in die Kniekehlen des staunenden Anwenders und bringen ihn so zu Fall. Während er noch schmerzerfüllt am Boden winselt, wird er von der erbosten Mutter belehrt, dass er mit seinem Wagen blöderweise auf der falschen Gangseite fährt. Rechts in den Laden hinein, links wieder heraus. Wir sind doch nicht in England hier. Eine genervte Verkäuferin wirft dem Anwender einen stinkenden Wischlappen vor die Füße – zwei Milchbeutel sind bei der Aktion zerplatzt. Tja, das ist ja wie in der New Economy: Wer die Regeln nicht kennt, landet schnell als Ausschuss im Straßengraben.

Beim Tiefkühlgemüse ist es nicht so gefährlich

Regelrecht gefährlich wird es in der Obst-Abteilung. Zahlreiche Rentner nutzen nicht den Vormittag, sondern viel lieber die Rush-Hour nach Arbeitsschluss, um noch etwas Leckeres einzukaufen. So kommen sie unter die Leute und betreiben zugleich noch ein wenig Sport. Was die Oldtimer unter Sport verstehen, weiß das Gros der Nation, nicht aber der Computer-Nerd. Nur weil er zu nah an der Waage steht, bekommt er den wuchtigen Weißkohl von der Oma in den Bauch gerammt, während der Opa ihm von hinten noch eines mit der Schlangengurke überzieht. Nach einem Zehn-Schritte-Spurt gegen Tante Frieda, bei dem die Hand des Anwenders unter den derben Schuhen der laufenden Großmama zerquetscht wird, ist eines klar: Fiese Tricks sind immer erlaubt, wenn es darum geht, das eigene Obst als erster auszuwiegen. Während ein weiteres kleines Mütterchen aus der zweiten Reihe bereits eine hartkochende Kartoffel wie zum Wurf in der Hand wiegt, sorgt unser Geek dafür, dass er lieber schnell das Weite sucht. Gemüse lässt sich schließlich auch an der Tiefkühltheke einkaufen.

An der Wursttheke heißt es einmal mehr: Geschwindigkeit ist keine Hexerei. In einem Tonfall, der an diverse Militärmanöver erinnert, fragen die Thekendamen die Forderungen der Kunden ab. Fromme Wünsche wie »Die rote Wurst da« schätzen sie gar nicht. Während eine Regenschirmspitze im eigenen Rücken bereits wieder von der Kundenseite her zur Eile mahnt, zählt die Verkäuferin im Dieter-Thomas-Heck-Stakkato die verschiedenen Wurstsorten herunter. Der PC-Nerd kann akustisch gerade noch die Wiltmann-Edelsalami von der Cervelatwurst unterscheiden, da gibt er im psychischen Dauerstress auch schon klein bei: »Packen Sie ein, was Sie für richtig halten.« Ein Siegerlachen ertönt von den Lippen der Verkäuferin: »Ich hab gleich gewusst, dass Sie zehn Prager Schinken kaufen wollten, die müssen nämlich weg.«

Keine Harddisk ist so hart wie das Leben

Wer dann auch noch an der Kasse mitgeteilt bekommt, dass seine Kreditkarte nicht lesbar ist, der weiß, dass kein USB-Port so schnell wie eine Wurstverkäuferin und keine Harddisk so hart wie das Leben ist. Gut, dass es eine Möglichkeit gibt, um sich binnen einer halben Stunde vom Gottvater des Internets wieder in einen unwichtigen Wurm zu verwandeln.

Carsten Scheibe


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