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SCHEIBE: Ich bin ein Messy

Ich muss es endlich zugeben: Ich bin eine männliche Schlampe. Das Geständnis geht mir zum Glück ganz leicht von den Lippen, denn ich bin nicht alleine. Fast alle PC-Anwender sind echte Messys.

Der Schreibtisch biegt sich, bis er bricht

Der Schreibtisch biegt sich so lange, bis er bricht. Frei nach diesem Motto verteile ich alles, was so am Tag in mein Büro hineinschneit, auf meinem Schreibtisch. Hier landen die neuen CD-ROMs auf einem Stapel, dort Faxe, unbeantwortete Briefpost und frisch eingetroffene Zeitschriften. Wie ein echter Messy, so habe auch ich eine ganz eigene Sichtweise der Dinge. Auf meinem Schreibtisch gibt es sogenannte Hot Spots und Cold Spots. Alles, was auf den Hot Spots liegt, ist wichtig für mich, alles andere unwichtig. Ich bin mir sicher, dass man diese Spots mit einer Infrarotkamera sogar sehen könnte. Nun, meine Putzfrau kann es anscheinend nicht. Und so stehen manchmal dort, wo eben noch die wichtigen Schmuddel-Notizzettel mit Aufträgen gelegen haben, auf einmal die fehlgebrannten Rohlinge, die kein Schlunz mehr gebrauchen kann.

Manchmal wird es mir zu viel mit dem Chaos auf dem Schreibtisch. Dann greife ich mit beiden Händen ins Chaos und versuche, abgerissene CD-Schutzfolien, Colaflaschen-Verschlüsse, leere Gummibärchentüten und ähnlichen Unrat mit diesen Zangen zu erwischen. Für den Müll. Die Post wird ebenfalls regelmäßig durchgeguckt. Alles, was sich inzwischen durch Ignorieren erledigt hat, kommt in den Müll, der Rest landet auf einen nicht ganz so wichtigen Hot Spot. Ansonsten gehe ich zu Plan B über. Der ganze Papierkram wird einfach auf den zweiten Schreibtisch umverteilt – vor den Drucker, vor das Fax und vor das Ordnungssystem mit dem Briefpapier. Schnell ist auch da alles voll. Dann landet der Kram eben auf dem Fußboden. Einbrecher würden angesichts meines Büros sagen: »Hier müssen wir nicht rein. Da waren die Kollegen schon vor uns da.« Letztens habe ich ein Foto von meinem Büro gesehen – von vor fünf Jahren. Es sah genauso aus wie heute: Wie bei Oscar in der Sesamstraßen-Mülltonne.

Vielleicht taucht ja etwas wieder auf

Dabei liebe ich es eigentlich ordentlich. Ehrlich. Ich hab nur keine Zeit dazu. Oder keine Lust. Denn es ist ja nicht damit getan, alles wegzusortieren oder abzuheften. Briefe müssen beantwortet, Zeitschriften gelesen, Faxe ausgewertet werden. Pressemitteilungen sind vielleicht fürs übernächste Projekt interessant, also wandern sie erst einmal auf einen Stapel. Irgendwann kippt der um und dann landet eh wieder alles auf dem Fußboden. Der Clou ist: Ich weiß immer ganz genau, wo alles zu finden ist – siehe Hot Spots und Cold Spots. Einmal habe ich mein ganzes Büro aufgeräumt. Blitzeblank. Es war schlimm. Auf einen Blick konnte ich erfassen, dass gesuchte Dokumente definitiv verbummelt waren. Im aktuellen Chaos bleibt immerhin noch die Hoffnung, dass die Texte beim nächsten Aufräumen wieder von alleine auftauchen.

Trotzdem ist es befreiend, alles ordentlich zu haben. Meist räume ich auf, wenn ich auf meine Kids Alisa (2) und Linus (4) aufpassen muss. Die sind mit Begeisterung dabei, alles Überflüssige in die Mülltonne zu werfen. Und vielleicht, irgendwann in weiter Zukunft – verwandele ich mich vom Messy in einen verantwortungsvollen Bürovorsteher, der jeden Brief sofort erledigt und dauerhaft Ordnung hält. Das will ich gerne tun. Vorher muss ich nur noch rasch den Gartenschuppen aufräumen, 500 E-Mails beantworten, wieder mit dem Joggen anfangen, zehn Kilo abnehmen, mehr Zeit mit den Kindern verbringen und mal wieder so richtig ausschlafen. Bis Silvester ist es ja nicht mehr lang hin: Genau die richtige Zeit also, um neue Vorsätze zu fassen.

Carsten Scheibe

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