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Scheibes Kolumne: Auch Brettspiele brauchen Strom

Wenn der Strom ausfällt, lässt sich in Zukunft nicht einmal mehr ein klassisches Brettspiel starten. Das argwöhnt jedenfalls Stern.de-Kolumnist Scheibe. Er hat sich die neuesten Brettspiele einmal angesehen - und allerhand technische Spielereien entdeckt.

Fiel früher einmal der Strom aus, so konnte man immer noch ein paar dicke Kerzen auf den Tisch stellen und Omas gute alte Brettspielsammlung hervorkramen. Damit ist jetzt - und ein bisschen unheilschwangere Dramatik darf mir an dieser Stelle zugebilligt werden - Schluss. Aber so etwas von Schluss.

Das neue

"Cluedo Live"

(Hasbro, 50 Euro) muss zwar nicht an die Steckdose angeschlossen werden, schluckt aber ein paar Batterien. Nur dann ist Butler James nämlich in der Lage, bis zu vier Spieler ab acht Jahren stimmlich zu begrüßen - zu einem neuen interaktiven Kriminalfall. Denn mitten in der Schlossresidenz von Graf Eurin hat es einen Mord gegeben. Walter Wiesenthal wurde auf gewaltsame Weise vom Leben in den Tod befördert. Prompt können die angehenden Detektive die Fährte aufnehmen. Wie beim Cluedo-Klassiker gilt es nun, nicht nur den Mörder zu enttarnen, sondern auch den Tatort zu benennen und die Mordwaffe zu finden. Zu diesem Zweck müssen in den verschiedenen Zimmern und Außenanlagen des Schlosses Neubrunn Indizien gesammelt und Tipps gehört werden.

Das Spiel setzt auf Figuren, deren Unterseite speziell beschichtet ist. Dank leitfähiger Tinte auf dem Spielbrett erkennt die Elektronik des Brettspiels, welche Figur sich wo befindet. Prompt ertönt Wassergegurgel im Bootshaus und ist Gewieher aus dem Pferdestall zu vernehmen. Passend dazu erzählt eine körperlose Stimme, was der Spieler vor Ort wissen muss. Auf diese Weise gewinnt "Cluedo" eine völlig neue Note, zumal sich die Indizien, Mörder und Tipps bei jeder Spielrunde ändern.

In eine ganz neue Richtung geht das neue Brettspiel "Scene it?" (Mattel, 55 Euro). Das Brettspiel für bis zu vier Spieler ab 16 Jahren sucht den ultimativen Filmkenner. Ganz in diesem Sinne bringt das Spiel über 1.550 Quizfragen zum Vortrag. Wer sich am besten an berühmte Schauspieler, bekannte Szenen aus Klassikern und an spezielle Hintergrundfakten erinnert, kann an dieser Stelle punkten und seine Figur um ein paar weitere Felder über das Brett tragen. Doch auch "Scene it?" kommt ohne moderne Medien nicht aus. Die DVD, die dem Spiel beiliegt, wird am besten gleich im DVD-Player versenkt. In diesem Fall ist es möglich, auf dem Fernseher einen Filmausschnitt oder ein Foto passend zur Frage abzurufen. Da in den meisten Wohnzimmern ein Tisch gleich neben dem Fernseher steht, sollte es kein Problem sein, sich einmal auf diese multimediale Weise als intimer Kenner der Materie zu beweisen. Notfalls kann natürlich immer noch das Notebook auf den Tisch gestellt werden, das dann die DVD-Filmchen auf den Bildschirm bringt.

Kinder lieben Ministeck. Dabei bekommen sie ein weißes Rasterbrett aus Plastik in die Hand gedrückt - zusammen mit einer bunten Vorlage, die vielleicht ein süßes Kätzchen oder einen farbenprächtigen Schmetterling zeigt. Unzählige winzige Plastikstecker in den verschiedensten Farben müssen dann mit sanftem Fingerdruck in das Rasterbrett eingestöpselt werden, um auf diese Weise das Originalbild nachzubilden. Kindern macht es einen Heidenspaß, ein Bild auf diese Weise selbst anzufertigen. Sie können Stunden damit zubringen, nach einem "Dreier, grün" oder einem "Quadrat, gelb" zu suchen. Die Herstellerfirma treibt den Spaß jetzt auf die Spitze und stellt das Starter Set für das "Ministeck Creativ Atelier" (Ministeck, 19,95 Euro) vor. Der dicke Karton enthält gleich sieben Rasterbretter in verschiedenen Größen, 240 Farbstreifen und eine CD-ROM. Die CD erlaubt es, ein eigenes Bitmap-Foto zu laden und aus diesem Motiv eine Ministeck-Vorlage zu zaubern. Aufgrund der extremen Rasterung und der geringen Farbtiefe fühlt sich jeder PC-Freak natürlich sofort in das Zeitalter der EGA-Bildschirme zurückversetzt, als Fotos mit 16 oder 256 Farben noch an der Tagesordnung waren und Auflösungen von 640 x 480 Pixeln das Nonplusultra der Computergrafik darstellten. Aber hier geht es ja schließlich um Ministeck. Auch wenn die gesteckten Fotos am Ende alle etwas zu bunt und zu unscharf aussehen, so haben Kinder doch viel mehr Spaß daran, das eigene Gesicht oder ein bekanntes Motiv nachzubauen.

Doch komisch ist es schon, wenn Elektrik und Elektronik auch immer mehr ins Kinderspielzeug Einzug halten. Als Kontrastprogramm empfiehlt es sich da immer wieder, eine klassische Brettspielsammlung hervorzuholen und einmal eine Runde Mensch Ärgere Dich Nicht, Dame, Schach oder Mühle zu spielen. Und das ganz ohne Elektrosmog.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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