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Scheibes Kolumne: Die Redaktionsrennmäuse

Damit ein wenig Leben in unser Büro kommt, haben wir uns vor knapp zwei Jahren Redaktionsmäuse angeschafft. Zum Glück gibt es das Internet, das Haustierhaltern inzwischen mehr Informationen verschafft als der Verkäufer im Zooladen.

Aus meinem Biologiestudium her weiß ich, dass mongolische Rennmäuse (auch Gerbile oder Wüstenrennmäuse genannt) schlau sind, kaum Dreck machen und auch nicht stinken. Als unser Redaktionsleguan vor einiger Zeit das Zeitliche segnete und das große Wandterrarium im Büro plötzlich leerstand, entschied ich mich dafür, anstelle von Reptilien lieber Rennmäuse anzuschaffen. Die sorgen einfach für mehr Action, sind prima Haustiere für die Kinder und können anstatt mit selbst gesammelten Grashüpfern mit Fertigfutter aus dem Zooladen gefüttert werden.

Mäusealarm im Auto

Wie so viele angehende Haustierhalter besuchte ich ganz unbedarft zusammen mit meinen Kindern den Zooladen meines Vertrauens. So niedlich sahen die wenige Wochen alten Rennmäuse aus. Wir kauften vier aus einem Wurf und setzten sie in eine Pappschachtel – für den Transport. Ob noch etwas zu beachten wäre, fragten wir den Verkäufer. Der winkte ab: Nö, alles paletti, sind ganz tolle Haustiere, die müssen Sie nur füttern. Bereits auf der Heimfahrt hatten die Mäuse die Pappschachtel durchgenagt und flitzten durch das Auto. Na prima.

Kleine Killer

Inzwischen sind wir echte Profis, was die Haltung der Tiere anbelangt. Hätten wir damals Mäuse aus verschiedenen Terrarien gekauft – etwa zwei schwarze und zwei sandfarbene -, so hätten wir zu Hause vor den Kinderaugen das große Drama miterlebt. Rennmäuse sind echte Familientiere, die "fremde" Mäuse am Geruch erkennen und sofort blutige Kämpfe um ihr Territorium ausfechten. Da die unterlegene Maus im Terrarium nicht fliehen kann, wird sie binnen eines Tages totgebissen. Dieses Schicksal droht auch Meerschweinchen, Hamstern oder Kaninchen, die mit den kleinen "Killern" zusammen gehalten werden sollen.

Mäusenetz

Auf den Kauf eines Buches passend zu den Mäusen haben wir damals verzichtet. Was kann man denn da auch schon beachten? Das war eine krasse Fehlentscheidung, denn die Mäusehaltung ist eine Wissenschaft für sich. Zum Glück gibt es ja noch das Internet. Google.de half dabei, zahllose kompetente Seiten zum Thema zu finden. Die Kompetenz und Vielseitigkeit des Angebots sollte jeden Haustierfreund dazu bewegen, sich im Internet schlau zu machen. Wir besuchten jedenfalls gleich die deutschsprachigen Seiten des "Tierheim Bayreuths", der "Wüstenrennmäuse" und der "Rennmaus City". Hier lernten wir, dass unser geschlossenes Terrarium goldrichtig gebaut ist. Die Nager wühlen gerne den ganzen Tag in der Streu und würden die Sägespäne bei Verwendung eines Gitterkäfigs sofort durch die Stäbe werfen. Basierend auf den Vorgaben im Internet füllten wir unser Drei-Meter-Wandterrarium mit Sägespänen, Sand und Heu, bauten Verstecke für die Nester und errichteten einen zwei Meter hohen Kletterparcours, der von den Mäusen auch gerne genutzt wird. Wir fanden heraus, welches Futter die Tiere brauchen und wie ihr Verhalten zu deuten ist. So gibt es in der Familie immer einen Aufpasser, der sofort mit den Füßen trommelt, sobald sich ein mutmaßlicher Feind nähert. Alle Mäuse schlafen zusammen in einem Nest aus Papierschnipseln und zerkauten Pappklorollen – und zwar in den unmöglichsten Stellungen. Eine Rennmaus darf nie alleine gehalten werden, denn dann vereinsamt sie. Die Mäuse balgen viel, kämmen sich gegenseitig mit den Zähnen, lecken sich den Hintern ("Papa, was machen die da?") und jagen sich durch das Terrarium.

Wie die Rennmäuse…

Natürlich dauerte es nicht lange, bis wir Redakteure öfters vor der Glaswand des Terrariums standen als vor dem Monitor des Computers saßen. Eine unserer vier Mäuse vertrieb nämlich die übrigen Kollegen aus dem gemeinsamen Nest und baute dann aus Streu einen riesigen Wall. Aus welchem Grund? Tagelang hörten wir dann ein Fiepen aus der Ecke und argwöhnten schlimme Schmerzen bei unserer sich so merkwürdig verhaltenden Maus. Und dann kamen auch schon die ersten Babymäuse zum Vorschein – tapsig, fertig behaart, aber noch mit geschlossenen Augen. Alles klar: Nach einem Besuch bei der "Rennmaus" und einem regen Gedankenaustausch mit anderen Haltern im Forum ist klar, dass die Weibchen wirklich vor dem Wurf das Nest übernimmt und sich zurückzieht. Wer nur ein einzelnes Pärchen hält, bemitleidet den armen Papa, der dann irgendwo einsam an einer unbequemen Stelle im Terrarium nächtigen muss. Der arme Tropf darf aber wieder ins Nest, sobald die Jungen etwas größer sind. Zwischendurch kümmert er sich ebenfalls um seine Jungen, schleckt sie ab und spielt mit ihnen. Das Weibchen bleibt auch nicht ständig bei den Babys, sondern lässt sie auch stundenlang alleine. Normal ist es auch, wenn das Weibchen mit dem Nest umzieht und sich öfters einmal eine neue Ecke im Terrarium aussucht. Nützlich sind kleine Holzkisten mit Einstiegsloch, die mit Papiertaschentüchern gefüllt werden. Die werden gerne angenommen. Inzwischen können wir auch endlich Männchen und Weibchen unterscheiden.

Wer Mäuse züchtet, muss damit rechnen, dass die Tiere alle sechs bis acht Wochen Nachwuchs bekommen. Beim ersten Wurf sind es nur zwei bis vier Babys, später kann die Maus das Dutzend leicht voll machen. Bis die Jungen etwa zehn Wochen alt sind, lassen sie sich noch problemlos mit anderen Tieren zusammensetzen, anschließend können die Beißereien losgehen. Hobbyzüchter mit ausreichend Platz sollten immer zwei Würfe bei den Eltern lassen, dann müssen die ältesten Nachkommen unbedingt abgegeben werden – an Zoogeschäfte in der Umgebung. Wer die älteren Kinder nicht schnell genug separiert, riskiert Beißereien. Die treten zwangsläufig auf, wenn die geschlechtsreifen Männchen um den Alphaposten kämpfen und die paarungsbereiten Weibchen sich gegenseitig verbeißen. Wobei sich die Männchen oft wieder beruhigen, während Frauenzickereien kaum noch reparabel sind. Bei uns im Büro haben wir inzwischen drei Terrarien aufgestellt, weil wir einmal einen Wurf nicht schnell genug abgegeben haben. Und in allen drei Terrarien feiern wir zurzeit gleichzeitig Nachwuchs.

Anschauliche Vererbungslehre

Rennmäuse gibt es übrigens in den verschiedensten Farben. Wer Mendels Gesetze der Vererbung kennt, kann leicht Tiere in Platin, Schimmel oder Apricot züchten. Welche Farbschläge es gibt und was es mit der Genetik auf sich hat, verraten "Jörg Eberbecks Rennmausseiten". Die Züchter selbst haben sich in der "Interessengemeinschaft Rennmäuse" zusammengeschlossen.

Das große Problem für viele Züchter: Wohin mit den neu geborenen Mäusen? Auch hier hilft das Internet weiter. "Heimtiere Online" bietet etwa eine Nagerbörse an, in der Züchter ihre Tiere annoncieren können.

PS: Junge Rennmäuse (Farbe Agouti und Agouti-Kragenschecke) ständig in liebevolle Hände abzugeben. Selbstabholer (Berlin und Umgebung) bitte per Mail bei mir melden.

Carsten Scheibe
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