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SCHEIBES KOLUMNE: Finanzmogul Scheibe

Sie kennen das vielleicht: Ein Banker aus Afrika bietet Ihnen per Mail die Chance zu ewigem Reichtum. Kolumnist Scheibe musste ganz tapfer sein, als mal wieder so ein Traumangebot eintrudelte.

Meine Frau vertraut mir keine fünf Mark an. Schreibe ich Texte, kommt es mir erst auf den Fun und erst danach auf das Honorar an. Ich zocke leidenschaftlich gerne und träume davon, einmal eine ganze Woche lang nach las Vegas zu düsen, um Tag und Nacht Münzen in den Groschengräbern zu versenken. Zum Glück gibt es aber anscheinend doch noch jemanden, der mich für vertrauensselig genug hält, um mit mir ganz große Geschäfte abzuwickeln. Mr. Peter Hyunda (Name geändert) aus Westafrika hat mir deswegen extra eine E-Mail geschickt.

Ich bin ein Star in Afrika?

Ich muss zugeben: Zunächst war ich überrascht. Überrascht, dass mein Name nicht nur beim Bäcker von Falkensee bekannt ist, sondern anscheinend auch bei den Finanzmogulen in Westafrika. Der mir bis dahin völlig unbekannte Peter Hyunda schrieb mir jedenfalls eine Mail, als ob mein Name ständig auf dem Wirtschaftsteil der internationalen Presse erscheint. Ich hab extra geguckt. Aber leider war aus mir über Nacht kein zweiter Bill Gates oder Rockefeller geworden. Sei es drum. In Westafrika ist man vielleicht schon mit geringerer Reputation eine große Nummer. Vielleicht reicht es ja bereits aus, für stern.de launige Kolumnen zu schreiben.

Kommen wir zum Punkt, Ihre Zeit ist ja auch wertvoll. Peter Hyunda schrieb mir in blumigen Worten, dass er dringend meine Hilfe bei einer sehr lukrativen Business-Transaktion benötigt. Peter arbeitet für eine internationale Firma, die Eisen in der afrikanischen Region fördert. Im Mai letzten Jahres nahm Peter deswegen an einem Business-Seminar teil. Hier traf er Antaja Bistru (Name auch geändert), einen Millionär, der in diesem Teil der Welt etliche Farmen unterhält. Bistru kam mit Peter ins Gespräch und verriet ihm, dass er dringend Medizin für seine vielen Farmtiere kaufen müsse. 5.000 US-Dollar würde ein einzelner Karton Medizin kosten. Und unter 200 Kartons pro Bestellung würde es der millionenschwere Farmer nicht machen. Zu dumm, dass es keine preiswertere Quelle für die Medizin gibt, was?

Psst, geheim..!

Ich las weiter, verschloss aber erst die Tür zu meinem Büro und drehte die Musik lauter, um verdächtige Lesegeräusche zu überdecken. Schließlich wies Peter alle zwei Zeilen verschwörerisch darauf hin, wie geheim die Informationen seien, die er mir da ungeschützt per Mail übermittelte. Um Himmels Willen, nichts davon dürfe nach außen dringen. Denn das wäre die Chance meines und seines Lebens.

Zurück zur Geschichte: Peter fand zusammen mit seinem schon bald eingeweihten Boss heraus, dass man die Medizin auch für mickrige 2.000 Dollar pro Kiste einkaufen könnte. In Holland. Die findigen Geschäftsleute machten daraufhin dem Millionär weis, dass sie das Paket für 4.800 Dollar organisieren könnten. Die Differenz von sagenhaften 2.800 Dollar pro Paket würde als Gewinn der Transaktion übrigbleiben. Mal 20. Und das bei jeder Bestellung. Ein gutes Geschäft. Peter sollte 15 Prozent davon erhalten, wurde dann aber von seinem Boss übervorteilt. Jawoll, so ist es. Peter hat keinen Pfennig erhalten. Da war der aber sauer.

Es winkt ein leckerer Reingewinn

Jetzt kommt der Hammer. Peter fängt schon bald eine neue Bestellung des Millionärs ab, um sie nun im Alleingang durchzuziehen. 250 neue Medizinkisten müssen vor dem 25. August 2001 eingekauft und ausgeliefert werden. Der Millionär ist bereit, 100 Kisten im Voraus zu bezahlen, sodass die Finanzierung schon fast gesichert ist. Ziel ist es einmal mehr, die Chemikalien für 2.000 Dollar in Holland einzukaufen und sie für diesmal 4.400 Dollar weiterzuverscherbeln. Jetzt scheint es in der Mail so, als würde Peter mir anbieten, mit ins Boot zu springen. Eine Telefonnummer in der Mail legt nahe, dass ich einen Anruf tätigen soll. Okay, okay, die Hände werden nass. Soll ich oder nicht? Ich muss das Ganze mal durchrechnen. 250 Kisten à 4.400 Dollar kosten 1,1 Millionen Dollar. Das Geld für 100 Kisten würde der Millionär sofort bezahlen. Das sind 440.000 Dollar. Real müssten in Holland aber nur 250 mal 2.000 Dollar bezahlt werden, das sind 500.000 Dollar. Fehlen also laut Adam Riese 60.000 Dollar. Das ist wohl die Summe, um die ich angegangen werden soll. Strecke ich die vor, wird ein Gewinn von 250 mal 2.400 Dollar gleich 600.000 Dollar erzielt. Erhalte ich neben meinem Einsatz vom Reingewinn auch noch 15 Prozent ausbezahlt, sind das immerhin noch 90.000 Dollar. Das Anderthalbfache meines Einsatzes. Super.

Natürlich lösche ich die Mail. Ich verdiene zwar gerne Geld, weiß aber, dass diese Finanzmails aus Westafrika nur geschickter Schummel sind. Tausende Anwender erhalten diese Briefe zur gleichen Zeit. In der Vergangenheit wurde der Empfänger oft darum gebeten, ein paar Millionen Dollar aus Afrika auf dem eigenen Konto zu parken, weil die afrikanischen Geschäftsmänner kein deutsches Konto haben. Für die Bemühungen gäbe es dann auch zehn Prozent Provision. Man müsse nur vorher mal eben rasch ein paar Tausender für bürokratische Vorgänge überweisen. Holzauge, sei wachsam: Das Geld sieht niemand wieder. Also passen Sie auf: Ich bin kein Finanzgenie. Sie vielleicht auch nicht. Also besteht auch kein Grund, warum man Sie in Afrikas Finanzkreisen kennen sollte. Belassen Sie es lieber dabei.

Carsten Scheibe

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