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Scheibes Kolumne: Ich werde reich

Wichtige Nachricht vom Kolumnisten Scheibe: "Es tut mir sehr leid, werte Leser: Ich höre auf zu arbeiten. Ich werde jetzt nämlich reich, richtig reich. Gerade habe ich eine E-Mail erhalten, die mir zu ausreichend Kohle verhelfen soll, um halb Deutschland zu übernehmen.

Es tut mir sehr leid, werte Leser: Ich höre auf zu arbeiten. Ich werde jetzt nämlich reich, richtig reich. Gerade eben habe ich eine E-Mail erhalten, die mir zu ausreichend Knaster und Kohle verhelfen soll, um halb Deutschland zu übernehmen. In Zukunft habe ich sicherlich keine Zeit mehr, um neue Kolumnen zu schreiben: Ich muss die ganzen Moneten unters Volk bringen.

Am linken Außenspiegel meines Golfs hängen sie immer, die bunten Zettelchen. Wenn sie nicht gerade fragen, ob ich in zehn Tagen zehn Kilo abnehmen möchte (aber immer!), versprechen sie mir das: "Reich werden? Kein Problem. Rufen Sie mich an." Und dann steht da immer eine Telefonnummer. Bisher habe ich mich nicht getraut, da einmal anzurufen. Irgendwie kam mir das nicht ganz seriös vor.

Ralfi will nur mein Bestes

Im Internet ist das freilich anders, da wirken selbst unseriöse Machenschaften auf einmal ganz amtlich. Heute Morgen erst habe ich wieder eine Mail von einem freundlichen Menschen bekommen, der mir nur Gutes möchte. Ein gewisser Ralfi schreibt mir. Mir gefällt das mit dem Namen Ralfi, das klingt gleich so freundschaftlich und intim. Und wahrscheinlich duzt man sich unter Millionären sowieso. Also ist es ganz nett von Ralfi, mich durch das Duzen gleich mit in den inneren Zirkel aufzunehmen. Ralfi schreibt mir:

"Hallo….. Ich biete Ihnen IHRE persönliche Chance mit dem Internet Geld zu verdienen. Womit ich nicht 2 - 3 Euro meine es handelt sich um wesentlich mehr!! Es handelt sich um nichts unseriöses! Klicken Sie einfach auf mein Link und nehmen sich einfach mal einen Moment Zeit! Dies ist keine Spam Mail ;) Mit freundlichem Gruß."

Ich bin begeistert

Ich bin ganz begeistert. Ralfi hat es so eilig, mich zum Millionär zu machen, dass er die persönlich nur an mich gerichtete Mail besonders schnell tippt. Dass ihm dabei ein paar wenige Tippfehler unterlaufen sind, ist doch verständlich. Meine Frau meint zwar, der Mann habe noch nie etwas von dem Wort Grammatik gehört, aber das macht mich echt wütend. Da will mich der Mann ganz uneigennützig zum Millionär machen, und meine Frau reitet auf solchen Kinkerlitzchen herum. Fürs Briefeschreiben könne der Ralfi doch sicherlich einen ganzen Schreibpool beschäftigen. Natürlich konnte er meine Mail nicht von diesem aufsetzen lassen. Sonst würde sich der Schreibpool doch sofort mit den geheimen Informationen auf und davonmachen, um selbst reich zu werden.

".de.vu" ist immer verdächtig

Apropos Informationen. Die gibt es auf einer Homepage, deren URL mir die E-Mail gleich mit verrät. Dass die Homepage-URL ein "de.vu" am Ende aufweist, macht mich stutzig. Denn wer sich nicht einmal eine anständige deutsche .de-Domain leisten kann, ist in meinen Augen sowieso schon verdächtig. Aber nicht Ralfi. Der hat seine Informationsseite sicherlich nur gut versteckt, damit sie nicht jeder findet. Denn wenn wir alle Millionäre werden, dann macht das doch keinen Spaß mehr.

Andere haben es schon geschafft

Ich lande auf der Homepage "Geld verdienen im Internet". Der Text der Homepage scrollt bestimmt über drei bis vier Meter, so lang ist er. Mensch Ralfi, so viel Zeit habe ich aber auch nicht. Ich wollte eigentlich nur rasch lesen, wie ich an mein Geld komme. Stattdessen muss ich lesen, wie viele andere Menschen bislang mit der gleichen Methode reich geworden sind und dass es nicht gut ist, alle Gewinne an der Steuer vorbei zu schleusen. Ich werde misstrauisch, aber Ralfi beruhigt mich gleich wieder. Selbst wenn alles schief geht, verdiene ich in den ersten vier bis sechs Wochen zwingend 84.200 Euro. Nach oben hin würde es keine Grenzen mehr geben. 84.200 Euro. Damit könnte ich das Grundstück nebenan kaufen. Oder besser noch ein nachtschwarzes Audi TT Cabrio – für die Midlifecrisis und als Ausgleich dafür, dass mir oben herum alle Haare ausfallen. Oder ich fliege nach Hawaii und lass es mir mal richtig gut gehen. Bei Mai Tai und Hula-Tanz. Vielleicht legen die Hula-Tänzerinnen auch mal die Kokosnussschalen ab, wenn ich mit einem Tausender winke.

Das Zauberwort: Mulit-Level-Marketing

Doch wie wird das Geld eigentlich verdient? Ich scrolle durch die endlosen Meter klein gesetzter Texte. Anscheinend geht es hier um Multi-Level-Marketing, also um die Werbung über verschiedene Ebenen hinweg. Ich soll fremden Leuten über das Internet Sachen verkaufen. Nein, doch nicht. Ich soll selbst ein Werk namens "PC" Teil 1 bis 5 kaufen, um es dann an beliebig viele Leute weiterzuverkaufen. Im Schneeballsystem. Dieses Werk namens "PC" enthält "nützliche Leitfäden, Anleitungen und Beschreibungen über die Funktionsweise des Internet und die Möglichkeiten, die das Internet uns bietet. Diese Dateien sind die eigentliche Ware in diesem Geschäft, die Sie selber einmal erwerben müssen, um sie dann mit Hilfe des Konzeptes Persönliche Chance x-malig weiterverkaufen und per E-Mail ebenfalls liefern zu können."

"Alles nicht so kompliziert"

Ich verstehe das Ganze noch nicht so ganz. Wir alle sollen also nur die Anleitung zum Geldverdienen weiterverkaufen, und auf diese Weise reich werden, ohne die Anleitung dafür selbst zu nutzen. Mir schwirrt der Kopf. Aber Ralfi hat schon vorgesorgt: "Keine Angst, es ist bei weitem nicht so kompliziert wie es sich bis jetzt anhört. Das ganze System ist nahezu vollautomatisch, und wenn Sie alles gelesen haben finden Sie am Ende nurmehr einige wenige Tasten-Klicks damit die Sache in Ihrem Sinne läuft!!" Tatsächlich ist es so, dass ich andere Leute vom System begeistern muss. Und wer dann tatsächlich zuschlägt und dieses "PC"-Dingens kauft, muss mir zehn Euro bezahlen. Schnell soll ich so 1.684.000 Euro verdienen. Eine Rechnung zeigt mir sogar ganz detailliert auf, wie das geht: Ich verschicke so viele Mails wie möglich an fremde Leute, die sicherlich ebenso gerne Post von mir erhalten wie ich von Ralfi. Wer "PC Teil 1" kaufen möchte, bestellt das Dingens bei mir und legt seiner Bestellung einen Zehn-Euro-Schein bei. Dann verschickt dieser Käufer wiederum seine Mails. Dessen Kunden können Teil 1 bei meinem angeworbenen Untertan bestellen, müssen Teil 2 aber bei mir erwerben. So gesehen verdiene ich bis zum Teil 5 bei der ganzen Kette mit. Genial. Mensch, Ralfi, was hast du dir da nur ausgedacht?

So dicht an den Millionen…

Aber das mit dem Schneeballeffekt läuft sich doch irgendwann einmal tot, oder? Ich raufe mir die Haare. So dicht bin ich am Millionärsein und verstehe doch überhaupt nichts mehr. Ralfi beruhigt mich auch jetzt wieder. Das stimmt alles überhaupt nicht mit dem Totlaufen. Tatsächlich ist es doch so, dass es im Internet drei Milliarden Anwender gibt. Und täglich kommen zwei Millionen neue Anwender dazu. Die können die "PC"-Dinger doch auch noch kaufen. Machen sie bestimmt auch ganz gerne.

Ich bin begeistert. Zu jedem Teil der "PC" gehört sogar ein Adresspool mit 200.000 Mail-Adressen mit dazu. Da habe ich doch gleich meine Kunden, die ich anmailen kann. Schnell rufe ich bei Stern.de an, kündige meinen Job, bestelle mein Cabrio und fange dann an, mit Ralfis Hilfe reich zu werden. Also liebe Leser: Es war schön mit Euch. Jetzt fängt für mich der schöne Teil des Lebens an.

Carsten Scheibe
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