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Scheibes Kolumne: Im Lotto gewonnen!

stern.de-Kolumnist Scheibe hat die Nase voll vom Standard-Lotto. Er will endlich einmal den Hauptpreis gewinnen! Zum Glück ist das beim Internet-Lotto deutlich einfacher. Eine Million Dollar hat er gerade abgesahnt. Und das, ohne vorher ein Los gekauft zu haben!

Ich gebe auf. Seit einem Jahr spiele ich jetzt schon das klassische Lotto. Wie es sich für einen echten Computerfreak gehört, habe ich den Gang zum nächsten Kiosk längst eingestellt. Stattdessen habe ich mich bei der für mich zuständigen Homepage "Lotto-Brandenburg.de" angemeldet und hier per Mausklick einen virtuellen Schein ausgefüllt. Das hat durchaus Vorteile - ich muss den Zettel nicht mehr jede Woche von Hand kontrollieren. Stattdessen bekomme ich erst eine E-Mail mit den Zahlen und Quoten der aktuellen Ziehung zugeschickt. Und dann noch eine, die mir mitteilt, ob ich gewonnen habe oder nicht. In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich immer wieder abgesahnt. Mal waren es 2,20 Euro für eine richtige Endziffer beim Spiel 77, manchmal sogar sagenhafte zehn Euro für drei Richtige. Die Gewinne reichten aber nicht einmal aus, um die Einsätze zu decken. Im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen habe ich den Dauerauftrag für das wöchentliche Lottospiel nun gecancelt. Warum sollte ich auch weiter Lotto spielen? Es geht doch auch viel billiger. Und mit höheren Gewinnen.

Wohin mit dem ganzen Geld?

Denn gerade bekomme ich eine Mail aus Holland - von Mrs. Pineda Marcos. Mrs. Marcos teilt mir mit, dass ich der Gewinner der ganz speziellen Olympia-2004-Ziehung bin. Mein Gewinn kann sich sehen lassen. Eine Million Dollar bekomme ich. Das ist eine Zahl mit sechs Nullen. Ausgeschrieben sieht das so aus: 1.000.000. Was tue ich nur mit diesem mir so unerwartet zugesprochenem Geld? Ich zahle mein Haus ab, buche vier Wochen Robinson-Club-Urlaub, kaufe mir einen Beamer samt Leinwand, sponsor unser Falkenseer Karateteam auf ihrem Weg zur Weltmeisterschaft in Südafrika und gönne mir einen festangestellten Cocktailmixer, der mir abends passend zum DVD-Film eine Caipirinha nach der anderen mixt. Und stern.de teile ich mit, dass ich ab sofort doppelt so viel Geld für die Kolumne berechne, weil ich nicht mehr so viel Zeit fürs Schreiben habe.

Ich beende die Tagträumerei und lese weiter. Meine E-Mail-Adresse sei fest mit der Gewinner-Losnummer 432-698-200 verknüpft. Außerdem: Ich solle mich doch bitte nicht allzu sehr wundern, dass ich gewonnen hätte, ohne überhaupt ein Los gekauft zu haben. Alle Teilnehmer der Lotterie seien nach dem Zufallsprinzip aus einer Datenbank mit E-Mails ausgewählt worden. Und diese wiederum würden aus den Datenbanken der Sponsoren stammen, die das Preisgeld gestiftet haben. Hier wendet sich also alles zum Guten. Nicht nur Spammer kennen inzwischen meine E-Mail-Adresse, sondern auch die Lotterien, die viel Geld zu verschenken haben. Gerne nehme ich dieses kleine Präsent entgegen. Ich meine, wer schaut einer geschenkten Million schon auf die Scheine? Endlich kann ich mir meine Palette Red Bull in der Woche wieder leisten, abonniere das Lustige Taschenbuch von Ehapa neu und kaufe mir alle DVDs, die mir in den letzten Monaten durch die Lappen gegangen sind. Und ich miete das komplette Kino in der Spandauer Altstadt, um mit all meinen Freunden noch mal "Herr der Ringe" 1 bis 3 am Stück sehen zu können. Das Popcorn spendiere ich am besten auch.

Da wären nur noch ein paar Gebühren...

Aber dann zweifle ich doch. Miss Marcos verrät mir in der Mail, "that your sum is cover with high policy", was ich nicht so recht verstehe. Ich verstehe aber durchaus den nächsten Satz, der mir mitteilt, dass ich auf meinen Gewinn noch Steuern und Versicherungsgelder zu bezahlen hätte. Um den ganzen Vorgang abzuwickeln, soll ich mich schnell bei der Tafinance Bank BV in Holland melden - bei einem Herrn S. O. Dreek. Was mich wundert, ist, dass die Bank eine olle Netscape-Adresse besitzt. Warum nimmt sie denn nicht eine eigene von der Domain der Bank? Leider finde ich auch keine Homepage-Adresse, die es mir erlaubt, weitere Fakten über das Geldhaus in Erfahrung zu bringen. Langsam argwöhne ich Schmu hinter der ganzen Angelegenheit. Wahrscheinlich gibt es gar keine Million Dollar, sondern nur eine endlose Liste mit Zahlungsanweisungen, die ich zu befolgen habe, um den Gewinn bei der "Bank" auszulösen. Mein Kollege Gregor nickt bedauernd: Er bestätigt, was ich bereits ahne. Dahinter stecken Betrüger.

Der Lottogewinn artet schnell zur Masche aus, als ich in schneller Folge weitere Gewinnbestätigungen per E-Mail erhalte. Mal sind es 100.000 Dollar, die ich gewonnen habe, mal zwei Millionen. Ich lösche alle Mails mit schwerem Herzen, verabschiede mich von meinen Träumen und richte mich darauf ein, für stern.de fortan nur noch zum halben Preis zu arbeiten. Immerhin: Auf dem Bildschirm war ich inzwischen schon mehrfacher Millionär. Schade ist nur, dass manche Märchen einfach nicht wahr werden. Ich hatte mich schon so gefreut.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania