Scheibes Kolumne Immer schön langsam!


stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe wundert sich: Die Computertechnik erobert sich immer mehr Bereiche des täglichen Lebens. Aber mit welchem Erfolg? Auf einmal dauert alles doppelt so lange wie vorher. Das kann es doch auch nicht sein.

Meine Familie trinkt viel. Wir kaufen unser Wasser, die Apfelschorle und oft auch die Cola bei ALDI, LIDL und bei ähnlichen Supermärkten. Das ist schön preiswert und die Flaschen bestehen aus trageleichtem Plastik. Die Kinder kriegen jeden Morgen zwei Flaschen mit in die Schule. Da kommt ganz schön viel Leergut zusammen, das ja zum Glück auch leicht recycelt werden kann. So alle zwei bis drei Wochen schleppe ich dann mehrere blaue Müllsäcke voll mit leeren Plastikflaschen zum Supermarkt.

Früher gab es da immer eine schlecht gelaunte Kassiererin, die die Augen verdreht hat, sobald sie mich mit meinen Tüten anrauschen sah. Dann aber wurde sie zum Turboblitz und hat die Flaschen in wenigen Augenblicken in die verschiedenen Kartons einsortiert. Schwupps hatte ich mein Flaschenpfandgeld und konnte den Laden wieder verlassen.

Riesiger Hightech-Automat

Inzwischen sind die Kassiererinnen nicht mehr zuständig für meine Flaschen. Ein riesiger Hightech-Automat ist nun in die Wand eingelassen. Er hat sicherlich ein Vielfaches dessen gekostet, was die Kassiererinnen im Jahr verdienen. Hier stelle ich mich an und füttere die Maschine Flasche um Flasche mit den begehrten Plastik-Leckereien. Das Problem ist nur: Die Maschine "kaut" ganz langsam auf den leeren Flaschen herum, dreht sie, scannt Symbole, überlegt, überlegt es sich anders, und schiebt dann die Flasche mit viel Glück nach hinten in den Schlund - zum Zusammenpressen.

Das dauert. Inzwischen kann ich auf den Sekundenbruchteil genau fühlen, wann es erlaubt ist, eine neue Flasche in die Maschine zu stopfen, ohne dass der Alarm losgeht und der ganze Laden erfährt, dass man bloß ja nicht zwei Flaschen auf einmal in die Maschine legen darf. Hinter mir wächst die Schlange derer, die nur ein paar wenige Flaschen in der Hand halten und mir nun ein Loch in den Rücken starren. Denn es dauert locker eine halbe Stunde oder mehr, bis ich meine Flaschen alle los bin. Das ist echte Lebenszeit, die mir im Vergleich zum früheren System verloren geht, nur weil eine Maschine einen menschlichen Job übernommen hat. Immerhin kriege ich nun mehr Anerkennung. Hinter mir steht ein pickliger Jüngling mit drei leeren Bierflaschen. Er staunt und starrt meinen Flaschenpfandzettel an: "Ey, Alter, jetzt bist du ja echt voll reich."

Prinzip Langsamkeit

Das Prinzip Langsamkeit durch Technik greift inzwischen auch in meinem REAL. An der Obsttheke gibt es nun eine ganz neue Hightech-Waage. Früher habe ich Äpfel genommen, mir die Nummer gemerkt, eben diese Nummer auf der Waage gedrückt und dann einen Aufkleber erhalten, der auf meine Tüte kam. Heute lege ich meine Äpfel auf die Waage und setze damit einen Scan in Gang. Eine Kamera nimmt meine Äpfel auf und ein interner Bildberechnungsalgorithmus probiert herauszufinden, was da wohl auf der Schale liegt. Ich könnte es der Maschine ja sofort sagen - A - P- F -E - L -, aber eine Balkengrafik als Äquivalent einer Sanduhr zeigt, dass die Maschine derzeit heftig am Denken ist. Oft kriegt sie dann am Ende wirklich heraus, was da auf dem Tablettchen liegt. Manchmal muss ich aber die Auswahl noch verfeinern, während mir eine Oma von hinten bereits dezent ihren Einkaufswagen in die Hacken rammt, um so zu verdeutlichen, dass ich schneller machen soll.

Auch an der neuen Obstwaage verliere ich Zeit, richtig viel Zeit. Das kann doch mit neuer IT-Technik im Alltag nicht das Ziel sein. Inzwischen verbrauche ich bei ganz simplen alltäglichen Handlungen viel zu viel Zeit.

Wer weiß, was jetzt noch kommt. In den USA, wo ich gerade bin, gibt es bereits die ersten menschenfreien Kassen. Hier scannen die Kunden ihre Waren selbst, ziehen dann die Kreditkarte durch einen Slot und zahlen auf diese Weise. Ich möchte gar nicht erst wissen, wie lange das dauert, wenn sie das auch in Deutschland einführen.


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