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Scheibes Kolumne: Infiziert vom eBay-Virus

Unbemerkt von mir hat sich in der Bekanntschaft ein gefährlicher Virus ausgebreitet. Ganz normale Freunde, die bislang dem Computer nur Verachtung entgegengebracht haben, sind auf einmal nicht mehr von der PC-Glotze wegzulocken. Sie alle haben nur eines im Sinn: Das nächste Schnäppchen bei eBay zu finden.

Unbemerkt von mir hat sich in der Bekanntschaft ein gefährlicher Virus ausgebreitet. Ganz normale Freunde, die bislang dem Computer nur Verachtung entgegengebracht haben, sind auf einmal nicht mehr von der PC-Glotze wegzulocken. Sie alle haben nur eines im Sinn: Das nächste Schnäppchen bei eBay zu finden.

Plötzlich will die Schwägerin DSL

Neulich war ich wieder einmal bei meiner Schwägerin. Die ist Ärztin, was dazu führt, dass die meisten Anwesenden ebenfalls Ärzte sind. Inzwischen haben sie alle so viel Berufserfahrung, dass sie nicht mehr beim Essen darüber kichern, dass die Käsekruste auf einer Lasagne ja aussieht wie das Unterhautfettgewebe bei einem frisch Obduzierten. Nein, längst ist die Medizin kein Thema mehr, und wir bekommen auch alle nicht mehr länger ganz besonders seltene und tödliche Krankheiten diagnostiziert, die sich am Anfang noch ganz harmlos in einer Schnupfnase äußern. Stattdessen fragt mich eine der Schönheiten im weißen Kittel, wie sie zu Hause am besten einen DSL-Anschluss einrichtet.

"Oh toll", frage ich, "Willst du Spiele downloaden, Klatschmagazine online lesen und deine Reisen im Netz buchen?"

Sie schaut mich an wie eine hässliche Kröte, die ihr gerade auf den nackten Fuß gesprungen ist. "Nein, ich will nur rund um die Uhr meine eBay-Auktionen nicht aus den Augen verlieren. Und mit ISDN ist mir das zu teuer. Ich brauche eine Flatrate."

"Die ersteigert den größten Quatsch"

Ihr Freund, der kein Mediziner ist, verdreht die Augen: "Die ersteigert rund um die Uhr den größten Quatsch. Und dann auch noch alles gebraucht. Ist doch alles ganz muffig."

Von Ersatzteilen...

Ich staune. DSL nur für eBay anzuschaffen, das ist doch einmal eine ganz neue Ansage. Was ich auch tue, überall ist eBay das beherrschende Thema. Auf einer anderen Party frage ich meinen Kumpel Micha, was denn eigentlich sein Sport-Cabrio macht. Micha setzt auch prompt zu einem längeren Vortrag an: "Das Auto ist ja schon älter und fällt langsam auseinander. Das große Problem ist, dass sich neue Teile wie Türen oder Kotflügel nur sehr schwer besorgen lassen. Und wenn, dann sehen sie so neu aus, dass sie einfach nicht zu dem gebrauchten Auto passen. Inzwischen ersteigere ich die Ersatzteile bei eBay, da sind sie nicht mehr ganz neu und außerdem sehr billig."

...bis zu Flensburg-Punkten

Cookie ist auch da und raunt mir zu: "Wenn du mal zu schnell fährst und dabei geblitzt wirst: Auf eBay bieten Leute für hundert Euro pro Flensburg-Punkt an, die Schuld auf sich zu nehmen. So konnte ich letztens die Punkte für eine rote Ampel an so einen armen Kerl abladen, der sich dafür auf eBay zur Verfügung gestellt hat."

Wenigstens mein Nachbar Thorsten hält noch zu mir und stärkt mir den Rücken als Anti-eBay-Propagandeur. Naja, jedenfalls war das bis letzter Woche so. Dann ist seine Billig-DVD-Anlage auseinander gefallen. Bei eBay hat Thorsten erst einen neuen Hightech-Player, dann einen Verstärker und am Ende auch noch ein neues Boxensystem ersteigert: "Gebraucht, aber 50 Prozent preiswerter." Das Ersteigern ist ihm durchaus geglückt. Ich muss es wissen, denn alle Pakete der Straße landen immer bei mir im Redaktionskeller: Der Paketbote weiß schon, wo er die Pakete der arbeitenden Bevölkerung aus unserer Straße deponieren kann.

Die Wände müssen dicker werden

Thorsten ist jetzt glücklich. Er hat einen Bauantrag eingereicht, um die dünnen Wände seines Fertighauses verstärken zu lassen. Dann halten die eigenen vier Wände auch "Star Wars" auf DVD aus – bei aufgedrehten Boxen. Bis es so weit ist, verbringt nun auch Thorsten seine Freizeit vor dem PC. Er darf nur ja keine Auktion verpassen.

Sogar der Sohnemann ist infiziert

Mein Sohn Linus (5) hat seit kurzem die kleinen Legosteine für sich entdeckt und bastelt nun den ganzen langen Tag Dinosaurier, Häuser und Raumschiffe zusammen. Allein – die vorhandenen Steine reichen nicht aus. Der Opa weiß Rat: "Geh zu eBay. Da gibt es Legosteine in allen Farben und Formen. Ich hab letztens einen Anbieter bei eBay gesehen, der hat 50 weiße Vierersteine in der Tüte für zwei Cents das Stück verkauft. Was braucht ihr denn? Rote Dachsteine, schwarze Fenster, Bodenplatten? Gibt es alles im Internet."

Und sollten die gebrauchten Steine müffeln oder dreckig sein, hat der Opa auch einen Tipp parat: "Pack die Steine in eine Jutetasche, binde die zu und dann ab in die Waschmaschine damit."

Die Kindergärtnerin hat auch schon davon gehört: "Passt nur auf, dass die Steine nicht bemalt sind. Das sieht echt ätzend aus."

Ich winke ab und tausche lieber meine Payback-Punkte von meiner REAL-Kundenkarte gegen zwei Koffer mit nagelneuen Steinen.

Der Schummel-Schock

Trotzdem kann ich mich eBay nicht verwehren. Ein Geschäftspartner ruft an und bettelt, ich möge mich doch bitte binnen fünf Minuten bei eBay anmelden, um bei seiner Auktion mitzumachen: "Ich will mein Notebook verkaufen und jetzt bietet nur einer mit. Wenn der gleich den Zuschlag bekommt, muss ich den Notebook unter dem Einkaufspreis abgeben. Bitte überbiete ihn. Du musst den Notebook dann auch nicht wirklich kaufen."

Ich überlege: Ist das nicht Schummel? Aber ich möchte ja mit eBay eh nichts zu tun haben. Obwohl: Wie soll ich ansonsten meine alten VHS-Videos verkaufen?

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