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Scheibes Kolumne: Komm ich jezz in Fernsehn?

stern.de-Mitarbeiter Scheibe war schon oft im Fernsehen - bei Lilo Wanders ebenso wie bei "Sat.1 Planetopia". Eine Einladung in eine bekannte Ratgebersendung lehnt er aber jüngst dankend ab - mit erschreckenden Folgen. Am Telefon soll er erpresst werden, doch noch mitzumachen. Das ist ihm in 15 Jahren Journalismus noch nicht passiert.

Fernsehen ist cool. Vor über zehn Jahren wurde ich das erste Mal eingeladen. Damals hatten wir im GIB-Verlag gerade das erste Erotik-Magazin für den PC erfunden, die Erotik Digital. Die Redaktion von "Wa(h)re Liebe" hat das Hochglanzheft am Kiosk gefunden und mich nach Hamburg eingeladen, um live mit Lilo Wanders auf der Couch zu kuscheln. Ich war im Stress und bat darum, die Termine eng zu stecken. So flog ich auf Vox-Kosten nach Hamburg, wurde direkt vom Flughafen ins Studio geleitet, kurz geschminkt und für fünf Minuten am Schreibtisch von Stefan Aust (der sein Büro auf der gleichen Etage hatte) ruhig gestellt, bis ich an der Reihe war. Knapp eine Viertelstunde war ich live auf Sendung. Es hat viel Spaß gemacht. Vor allem die Reaktion danach, als herauskam, wer denn so alles nachts Erotiksendungen sieht. Nämlich alle.

Drei Stunden Dreh, zehn Sekunden Sendung

In den nächsten Jahren hatte ich immer wieder einmal mit dem Fernsehen zu tun. Wir machten noch einen Erotik-Beitrag für "Sat.1 Blitz", mussten irgendwann einmal etwas über Internet-Kindersicherungen am PC vorführen und wurden von "Sat.1 Planetopia" besucht, um zu zeigen, was ich für verrückte Dinge bereits bei Ebay ersteigert habe. Der Planetopia-Gig zeigte mir wieder deutlich, wie Fernsehen funktioniert: Vier Mann stellten mein ganzes Büro um, filmten dann drei Stunden lang nonstop und am Ende war ich zehn Sekunden lang im Fernsehen.

Keine Frage: Es macht Spaß, so einen Dreh mitzumachen und sich nachher im Fernsehen zu sehen. Es kostet aber auch sehr viel Zeit und bringt einem nicht viel, da die Sender für diese Originaltöne kein Geld bezahlen. Nachdem die Strom fressenden Kameralampen beim letzten Mal mit irgendeiner Art Netzüberlastung meine Boxen gegrillt hatten, beschloss ich, der Sache erst einmal abzuschwören. Seitdem habe ich alle Einladungen zu einem TV-Statement abgelehnt und mich lieber wieder der Anonymität hingegeben.

Bis vorgestern. Da rief ein Journalist aus Berlin an und erbat sich Informationen passend zu einem Pressetext, den ich geschrieben hatte. Es ging um eine ostdeutsche Firma, die eine kleine aber feine Hardware für Handy-Besitzer anbietet. Wir haben letztes Jahr dazu die Pressemitteilung verfasst, verbreitet und auch auf unseren Presseserver gestellt. Bei der Auftrag gebenden Firma scheint es sich aber um ein faules Ei zu handeln. Unsere Rechnung wurde nicht bezahlt und alle Kontaktversuche von unserer Seite und auch von einigen interessierten Medien (u.a. das interne Magazin der Kriminalpolizei) zielten ins Leere. Just über diese Pressemitteilung war der Journalist nun gestolpert. Ich erzählte ihm wahrheitsgemäß, dass es die Firma anscheinend nicht mehr gibt und dass Kontaktversuche vergebens sind. Zugleich nutzte ich die Gelegenheit, um die Meldung endlich ganz vom Server zu nehmen.

Zehn Minuten später rief der Journalist noch einmal an. Er bedankte sich für meine Offenheit und erklärte, dass er gerade an einem TV-Beitrag für einen großen öffentlich-rechtlichen Sender arbeitete. Er "ermittelte" gerade gegen die osteuropäische Firma und bat darum, mit einem Fernsehteam in mein Büro kommen zu dürfen. Ich sollte öffentlich erzählen, dass die Firma meine Rechnung nicht bezahlt habe und dass ich nun als geprellter armer Schreiberling am Hungertuch nage.

Plötzlich ein anderer Tonfall

Ich lehnte das Angebot ab. Der Gedanke an einen dreistündigen Dreh für ein nichtssagendes Statement war mir die Zeit nicht wert. Der Anrufer versuchte mich noch weiter zu überzeugen, bis er dann plötzlich umschwenkte. Seine Stimme wurde hart und er sagte: "Ich brauche drei Originaltöne für meinen Dreh. Entweder geben Sie mir einen davon oder ich sage im Bericht, dass Ihre Presseagentur eng mit der Betrügerfirma zusammenarbeitet und mit für den Schaden verantwortlich ist."

Eine Erpressung? Auch nicht schlecht. Das hatte ich in meinen 15 Berufsjahren auch noch nicht erlebt. Ich verbat mir eine solche Verbalattacke am Telefon und steckte dem Anrufer, dass ich auf diese Weise ganz bestimmt nicht zu einer Zusammenarbeit zu bewegen sei. Ich legte dann sehr schnell auf - entsetzt darüber, dass es solche rüden Methoden nicht nur in der Gerüchtewelt, sondern ganz real gibt, und dass selbst seriöse Fernsehsendungen auf diese Weise arbeiten. Das war denn auch das erste Mal in 15 Jahren, wo ich mich für einen Kollegen geschämt habe.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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