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Scheibes Kolumne: Nachträgliches Abkassieren bei iPhone-Apps!

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe sammelt über eintausend Apps für sein iPhone. Immer häufiger werden hochwertige Apps dauerhaft verschenkt. Abkassiert wird später, sozusagen um die Ecke herum. So kommen die Entwickler doch noch auf ihre Kosten.

Die Spiele für das iPhone sind sehr preiswert. In der Regel kosten sie nicht mehr als 79 Cents - und damit einen Bruchteil der Summe, die von den Entwicklern für Windows-, PSP-, Nintendo-DSi- oder Wii-Spiele verlangt werden. So ist es gerade für die Kids möglich, sich mit ihrem Taschengeld problemlos alle wichtigen, coolen und neuen Spielen zu kaufen, die im AppStore aufschlagen.

Das Problem für die Entwickler ist: Um bei diesem niedrigen Preis, von dem ja Apple auch noch seinen Teil abhaben möchte, überhaupt Kasse machen zu können, müssen sehr viele Spieleeinheiten verkauft werden, am besten zig tausende. Das geht aber nur, wenn das Spiel nicht gleich nach dem Release wieder in der völligen Bedeutungslosigkeit verschwindet. Das passiert aber sehr schnell, weil jeden Tag neue Spiele erscheinen, die um die Aufmerksamkeit der Gamer buhlen.

Digitaler Goldesel

Es gibt einen Kniff, der den Entwicklern wieder die volle Aufmerksamkeit der Spieler sichert: Sie senken einfach den Preis ihrer App auf Null. Es gibt zig Spiele wie etwa Mega Jump, die erst für 79 Cents verkauft wurden und nun plötzlich gratis im App Store zu downloaden sind. Die Gratis-Nummer führt oft dazu, dass die Apps in den AppStore-Charts wieder ganz nach oben schießen und so die maximal mögliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mega Jump wurde auf diese Weise schon über eine Million Mal heruntergeladen. Irgendwann ist ein Spiel dann so populär, dass es die Entwickler wieder auf 79 Cents setzen kann. Dann kaufen es die Gamer wieder, weil ihre Freunde, die das Spiel umsonst gezogen haben, ihnen dazu raten. Oder weil es so viele Reviews in den Blogs gibt.

Die Crux: Der Gratis-Kniff ist inzwischen so populär, dass ihn immer mehr Entwickler anwenden. Pfiffige Anwender überwachen in der Folge Blogs wie Apfelticker (www.apfelticker.de), um nur ja keine zeitlich befristete Gratis-Aktion mehr zu verpassen. Auf diese Weise bin ich auch zu einem Großteil meiner Apps gekommen. Das bedeutet, dass viele Spieler gar keine Apps mehr kaufen, weil sie jeden Tag so viele geschenkt bekommen, dass nicht einmal Zeit bleibt, diese alle auszuprobieren.

Die App-Entwickler sind aber alles andere als denkfaul. Der Entwickler des Stapel-Spiels Glass Tower etwa verschenkt seinen Nachfolger Glass Tower 2 von Anfang an konsequent. Das optisch wunderschön gemachte Spiel bietet in der Gratis-Version gerade einmal so viele Levels an, um den Spieler "anzufixen". Findet dieser das Spiel dann cool und reiht es bei seinen Lieblings-Games ein, so sind die Levels auf einmal alle. Bislang drei Levelpacks können für jeweils 79 Cents nachgekauft werden. Und ein Leveleditor zum Erstellen eigener Spielaufgaben kostet noch einmal 79 Cents. So kann eine Gratis-App am Ende doch noch zum digitalen Goldesel werden.

Der neue Kniff scheint Methode zu werden. Die Tower Studios aus England bieten ab heute ein neues Ballerspiel namens Shoot to Kill an, das absoluten Kultstatus erringen kann. Ausgestattet mit jeder Menge Ballerkraft landet ein Söldner mitten in den sieben Kreisen der Hölle. Während die Dämonen von allen Seiten herankrauschen und definitiv nichts Gutes im Sinn haben, muss der Spieler aus allen Rohren schießen, was das Zeug hält - sonst erwischen ihn die Dämonen und zerlegen ihn in alle Einzelteile. Eine phantastische Optik, jede Menge Horror und ein sauschnelles Gameplay bei einem wummernden Sound: Die männlichen Teenager werden auf diesen Titel völlig abfahren.

Normale Spieler beißen schnell ins Gras

Allerdings bekommt der Spieler nur drei Leben zur Verfügung gestellt. Ein weiteres gibt es für die Preisgabe der eigenen E-Mail-Adresse geschenkt. Profis können durch ein perfektes Spiel weitere Leben freispielen und so schier endlos ballern. Normale Spieler allerdings beißen schnell ins Gras und müssen dann zehn neue Leben für 79 Cents einkaufen. Auf diese Weise können die Entwickler mit nur einem Anwender deutlich mehr als die sonst üblichen 79 Cents verdienen. Die Entwickler nennen das Prinzip "Free for Freaks" - und kündigen weitere Spiele mit dieser Bezahlmethode an.

Als Spieler finde ich diese Entwicklung doof. Ich bin es nach einem Jahr iPhone-App-Downloaderei inzwischen gewohnt, alles umsonst zu bekommen und von lebenslangen Gratis-Updates zu profitieren. Und auf einmal soll ich nachträglich ins Portemonnaie greifen? Das kann doch nicht wahr sein!

Denke ich emphatisch an die Entwickler, so wird der Schritt wohl notwendig sein. Für eine solide Arbeit muss auch solides Geld fließen. Und wenn ich früher am Automaten "Space Invaders" gespielt habe, musste ich auch eine Mark nachwerfen, sobald das Spiel vorbei war und ich noch eins "brauchte". Ich hoffe nur, dass der Trend sich nur langsam entwickelt und ich die nächsten tausend Apps noch ohne störende In-App-Käufe einsacken kann.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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