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Scheibes Kolumne: PC-Nostalgie: Rubbeln fürs Fanzine

stern.de-Kolumnist Scheibe wollte schon immer eins machen: Magazine! Das fing schon in der Schule an. Damals gab es allerdings noch keine Computer und kein Corel Draw. Die ersten Fan-Magazine entstanden deswegen mit Schreibmaschine, Letraset-Rubbelbögen und der Hilfe des örtlichen Copycenters.

Ich habe mein Abitur 1984 gebaut - am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf. Also fingen wir damals wohl so um 1980 herum an, erste Fanzines herauszugeben. Die Idee kam Norbert Schulz und mir mitten im Matheunterricht. Erste Ideen skizzierten wir direkt auf das Karopapier unseres Mathehefters. Sollte doch Herr Frank vorne über Vektoren oder Kurvendiskussionen palavern, wir dachten uns bereits Namen für ein Science-Fiction-Magazin aus und skizzierten erste Schriftzüge. In der Pause kamen noch Martin Wollny, Michael Surma, Andreas Ulich, Andreas Galandi und Patrick Kanold mit dazu. So schnell konnte man damals eine motivierte und vor allen Dingen unbezahlte Redaktionsmannschaft zusammenbringen.

Ich las damals die "Terranauten"-Heftromanserie und nicht "Perry Rhodan", wie alle anderen. Norbert war damals schon im Taschenbuch angekommen und schmökerte die alten Meister der Science Fiction weg. Damit waren wir ausreichend qualifiziert dafür, ein SciFi-Fan-Magazin herauszugeben. Der Rest der Redaktion hatte keine wirkliche Ahnung, um was es eigentlich ging, machte aber trotzdem fleißig mit. Vor allem die Zeichner, die sonst nur ihren Deutsch-Ordner vollkritzelten, hatten viel Spaß dabei, fantastische Titelbilder und Innenillustrationen zu malen. Nackte Miezen, riesige Kanonen und waffenstarrende Raumschiffe waren dabei der Hit. In kürzester Zeit hatte ich damals den ganzen Schüler-Schreibtisch voll mit handgeschriebenen Texten und akribisch gemalten Bildern, die alle von den Mitschülern stammten.

Karopapier ging gar nicht

Schon damals war ich extrem ehrgeizig und nahezu pedantisch in der Umsetzung. So verbot ich den Zeichnern zuerst, auf Karopapier zu malen, weil man das Karomuster beim Kopieren weiterhin sehen konnte. Auch Bleistift-Zeichnungen waren ein echtes No-Go: Die ließen sich überhaupt nicht gut vervielfältigen. Schwarzer Stift auf weißem Blatt - die erste offizielle Richtlinie aus der Redaktion.

Die Texte tippte ich alle noch einmal ab. Damals hatte ich eine elektrische Scheibmaschine mit Typenrädern. Fünf Typenräder hatte ich mir vom Taschengeld zusammengekauft, damit konnte ich verschiedene Schriften wie Times, Courier oder OCB-R umsetzen. Damals war ich echt nicht ganz normal. Ich wollte unbedingt einen zweispaltigen Blocksatz bei den Magazinen erzwingen. Das ging damals mit der Schreibmaschine noch nicht. So arbeitete ich mit zwei oder drei Leerzeichen nacheinander, um den Text auseinanderzuziehen und einen Blocksatz wenigstens ansatzweise zu simulieren. Das kostete viel Zeit, zumal man sich nicht zu viele Tippfehler erlauben durfte. Tipp-ex war damals eine wertvollere Flüssigkeit in der "Redaktion" als Cola.

Wo sind die Vokale?

Ein echtes Problem beim Layouten waren die Überschriften. Die sollten ja in einer größeren Schriftart erscheinen als die Fließtexte. Nun kann eine elektronische Schreibmaschine ja viel. Aber größere Buchstaben erzeugen - Fehlanzeige. Norbert und ich kratzten dann immer unsere letzten Penunsen zusammen, hauten die Großeltern an und fuhren mit der U-Bahn bis zum Hohenzollernplatz in Berlin. Da gab es damals neben der Disco Riverboat einen Bürozubehörladen namens Spitter&Lloyds (oder so ähnlich). Das war ein Tempel für mich Layout-Fetichisten, denn hier gab es die begehrten Buchstaben-Rubbelbögen von Letraset. Passend zu Dutzenden von ausgefallenen und spacigen Schriften konnte man hier durchsichtige A-3-Folien kaufen, auf denen schwarze hauchdünne Buchstaben klebten. Die konnte man dann mit der Hilfe eines Geldstückes auf ein Blatt Papier "rubbeln". So gestalteten wir unsere Überschriften. Ärgerlich war nur, dass die Rubbelbögen immer so wenige Vokale enthielten. Im Nu gab es keine As, Os oder Es mehr und wir mussten ganz schön tricksen, um das Letzte aus so einem Bogen herauszuholen. Zuerst nahm man eben die Äs ohne Punkte, dann wurden andere Buchstaben "ungebaut" und am Ende malten wir einzelne Buchstaben mit Filzer aufs Blatt. Natürlich sah man das später und es versetzte mir jedes Mal einen Stich ins Herz. Aber mehr Geld für Bögen hatten wir einfach nicht.

Mit den mühevoll zusammengeklebten Druckvorlagen sausten Nobbie Schulz und ich dann ins Copycenter Dahlem Dorf. Dort, wo sonst nur die Studenten der FU Berlin ihre Diplomarbeiten kopierten, stand eine erste lange Kopiermaschinen-Straße. Hier kannte uns bald jeder Mitarbeiter des Copycenters, denn wir waren extrem hysterisch und bekamen manchmal schier Schreianfälle, wenn die Maschine kein perfektes Schwarz produzierte, Blätter schief bedruckte oder "Tonerpech" produzierte, das man nach dem Druck einfach vom Papier wegwischen konnte. Außerdem wollten wir jedes Heft auf einer anderen Papierfarbe produzieren. Am Ende waren wir immer schweißdurchtränkt, aber stolz, einen dicken Packen heißes Papier unter dem Arm nach Hause tragen zu können.

In meinem Schülerzimmer hatte ich damals einen Tisch, den konnte man aus der Schrankwand herausklappen. Das hatte den Vorteil, dass Norbert und ich uns gegenübersitzen konnten. Ich faltete jedes A-4-Blatt penibel genau in der Mitte, sodass ein Viererbogen A-5 entstand. Norbert legte dann die einzelnen vorgefalteten Blätter eines Heftes zusammen. Mit einem ganz speziellen Tacker mit einem besonders langen Arm konnten wir dann die Hefte direkt an der vorbereiteten Falz zusammentackern. Geschafft.

Vertrieb auf Gegenseitigkeit

Unser PHOENIX-Heft brachte es, glaube ich, auf über 20 Ausgaben, die alle eine Auflage um die 100 Stück hatten. Zunächst zwangen wir unsere Mitschüler dazu, das für 3 Mark oder so zu kaufen, später entdeckten wir, dass es in ganz Deutschland eine große Fan-Szene gab, die ähnliche Heftchen herausgab. Da abonnierte man sich gegenseitig, rezensierte die Hefte der anderen und verschaffte sich so einen Abonnenten-Kreis aus dem ganzen Land. Ich weiß noch, dass ich so mehr über die Geografie Deutschlands lernte als in der Schule. Castrop-Rauxel? Mensch, da hab ich doch zwei Abonnenten. Velten? Kenn ich nicht, da liest niemand mein Heft.

Mit der Zeit intensivierten sich die Kontakte zur "Szene" in ganz Deutschland und als Norbert und ich unser Grusel-Horror-Heft TALES (später NACHTSCHATTEN) starteten, hatten wir bereits eine Auflage von 1000 Heften, ließen in einer Druckerei drucken und konnten kreative Leute aus dem ganzen Bundesgebiet zum Mitmachen einladen. Viele Jungs aus unserer damaligen Ich-mache-kostenfrei-bei-euch-mit-Crew haben es später im kreativen Umfeld zu etwas gebracht. Joachim Stahl war lange Jahre Redakteur der "Micky Maus", Klaus N. Frick ist noch heute Chef bei "Perry Rhodan", Thorsten Wolber ist beim Fernsehen gelandet, Anton Atzenhofer und Franz Stummer haben mehrere Comic-Alben veröffentlicht, Alfred Bekker schreibt Bücher, Frank Böhmert auch, und Viktor Pavel ist als professioneller Sprecher immer wieder ein Schockgarant für mich, wenn seine vertraute Stimme plötzlich aus dem Fernseher dröhnt.

Auch vom NACHTSCHATTEN erschienen regelmäßig neue Hefte, das letzte bereits in meinen ersten Uni-Semestern. Lustig: Das alles entstand ohne Computer, ohne Corel Draw und ohne Internet. Wer weiß, was wir alles geschafft hätten, wenn wir die Technik von heute schon damals gehabt hätten.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania