Scheibes Kolumne Sieben Jahre Knast


Für sieben Jahre soll Howard Carmack in den Knast einwandern. Der Grund: Er hatte in den letzten beiden Jahren 850 Millionen Werbe-Mails verschickt. Stern.de-Kolumnist Scheibe würde gerne noch mehr PC-Schaffende auf die Liste der zukünftigen Knastinsassen setzen.

Howard Carmack war dreist, keine Frage. In den Jahren 2002 und 2003 hat der 37-jährige Amerikaner 850 Millionen unerwünschte Werbe-Mails verschickt - von mehr als 340 verschiedenen E-Mail-Konten aus, meldet Bild.de. Klarer Fall: Die skrupellosen Spammer kann niemand leiden. Und so kann Carmack auch auf kein Mitgefühl hoffen, wenn er vor Gericht unterliegt und dem Internet-Anbieter EarthLink ein paar Millionen Dollar Schadensersatz zahlen muss. Ganz im Gegenteil: Die Aussicht auf die angekündigte Gefängnisstrafe weckt die eigene Fantasie. Da gibt es doch noch mehr PC-Schaffende, denen eine Extrarunde hinter Gittern nicht schaden könnte.

Die drei von Microsoft

So könnten wir doch prima irgendein armes Opferschaf von Microsoft ins Kittchen einwandern lassen - stellvertretend für die ganze Firma. Denn Microsoft schafft es immer wieder, das eigene Betriebssystem so unsicher zu machen, dass jeder Hacker-Hansel von außen in die Rechner der Anwender eindringen kann, um sie mit Viren zu infiltrieren. Damit der arme Microsoft-Junge nicht ganz so alleine im Knast sitzt, kann er sich ja noch einen Kumpel aussuchen. Der büßt dann stellvertretend für alle anderen dafür, dass Windows selbst in der XP-Version noch immer mit einem absolut dilettantischen Dateimanager, einem antiquierten Web-Browser und einem Texteditor aus der Steinzeit ausgestattet ist. Um das Trio der drei MS-Stooges zu vervollständigen, würde ein dritter Microsoft-Mitarbeiter ausgewählt werden. Er darf in der Gefängniszelle grünes Moos ansetzen, weil Microsoft es einfach nicht fertig bringt, ein Betriebssystem zu schreiben, das nicht vier Mal am Tag abstürzt. Und damit die ganze Sache auch richtig Spaß macht, werden die Wärter für die Jungs einfach aus der Kantine von Apple rekrutiert…

Dazu ein paar geldlüsterne Marketing-Fuzzis

Ich persönlich würde gerne noch ein paar Vertriebsleiter aus namhaften deutschen Software-Häusern mit auf die Liste der Inhaftierten setzen. Glauben diese geldlüsternen Marketing-Laien denn wirklich, sie könnten mir 15 Euro für eine Software über Hamster-Pflege aus der Tasche ziehen, die nur aus einer einzelnen mies zusammenkopierten PDF-Datei besteht? Inzwischen wird anscheinend 90 Prozent des Geldetats auf die Gestaltung einer möglichst toll aussehenden Verpackung aufgewendet, während der eigentliche CD-Inhalt immer obskurer wird. Mit Schaudern erinnere ich mich an das digitale Lexikon über Kinderkrankheiten, das nur aus nackten Textdateien ohne Bilder bestand. Für diese fortlaufenden Enttäuschungen muss doch endlich mal einer büßen. Der Knastaufenthalt ist dann auch die Wiedergutmachung für meine enttäuschten Kinder, die sich mit viel Einsatz ein neues Spiel für den Computer erbettelt haben - das dann aber bereits nach drei Stunden völlig durchgespielt ist und keinen Anlass für weitere Runden am PC mehr bietet.

Platz da für die Tintenpatronenjungs

Ab in den Knast gehört auch die ganze Fraktion der Toner- und Tintenstrahlpatronen-Hersteller. Wer einen Laser- oder Tintenstrahldrucker besitzt, gehört auf keinen Fall zu den Jammerlappen, die sich darüber beschweren, dass das Benzin für ihr Auto so teuer ist. Mein Gott: Was sind denn schließlich sogar zwei Euro pro Liter Sprit, wo doch der Tropfen Tintenflüssigkeit um ein Vielfaches teurer ist als noch der edelste Champagner oder Whiskey? Zu den Preistreibern auf dem Druckermarkt gehören auch die Designer der Patronen selbst. Letztens habe ich versucht, meine Patronen selbst mit neuer Tinte aufzufüllen. Die Schwarzpatrone meines HP-Druckers musste ich dabei von unten (sic!) mit neuer Tinte versehen. Was natürlich prompt in einer riesigen Sauerei ausartete, weil sich das Loch nicht mehr richtig schließen ließ. Damit im Gefängnis eine richtig lustige Truppe zusammenkommt, die jahrzehntelang Skat oder Doppelkopf dreschen kann, muss da auch noch der Typ aus dem Telefonmarketing mit ins Boot, der uns vor Monaten am Telefon angeboten hat, unseren Kopierer kostenfrei gegen ein neues Modell auszutauschen. Keine kundenfreundliche Offerte, wie wir später herausfanden: Der Toner für das neue Modell wäre uns dreimal so teuer gekommen wir beim alten Kopierer.

Und noch was Persönliches

Ich persönlich würde als Journalist gerne noch die Verantwortlichen von allen Software- und Hardware-Firmen ins Kittchen entsenden, die den Pressezugang auf ihrer Homepage nur nach vorheriger Anmeldung und gegen Passwort freigeben. Wenn ich Samstagnacht um zwei Uhr unbedingt noch einen hoch auflösenden Screenshot von einem Produkt benötige, dann ist es wirklich frustrierend, vor verschlossenen Webtüren zu stehen und nicht an die Bilder heranzukommen. Aber das ist eine rein persönliche Sache. Karsten aus meinem Büro würde lieber den Ebay-Verkäufer verknasten, der ihn letztens bei einer Auktion beschissen hat. Und Gregor sähe lieber den Chef des Online-Shops im Kittchen, der ihm das Geld für einen Speicherchip abgenommen, diesen dann aber nicht geliefert hat.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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