Scheibes Kolumne Virtuelle Klassenfahrt


Unser Sohn Linus (9) ist zu einer fünftägigen Klassenfahrt aufgebrochen. Dieses Mal haben wir uns nicht darauf verlassen, dass die Lehrer in unserem Sinne handeln - und mit moderner Technik ganz neue Zeiten in der Schule eingeläutet.

Fünf Tage lang fahren die lieben Kleinen mit ihrem Lehrer weg. Fünf Tage fern der elterlichen Fürsorge, der Ermahnungen und der Duschzelle im eigenen Badezimmer. So manche Eltern sind da besorgt und fragen sich insgeheim, ob der Lehrer nicht vielleicht etwas überfordert damit ist, über 20 kleine Blagen zu umsorgen.

Vorsorge getroffen

In diesem Jahr haben wir Eltern die Klassenfahrt nicht mehr so locker genommen wie sonst und uns nicht alleine dem Lehrer anvertraut. Dieses Mal wurde vorgesorgt. Alle Kinder haben einen Phonetracker zugesteckt bekommen, der sich über das Handy orten lässt. Jutta hatte nach dem Start der Fahrt die meiste Zeit. Sie nutzte ihren PC und den Ortungsdienst im Internet, um rund um die Uhr herauszufinden, wo ihr Söhnchen gerade steckt. Dabei steckte sie die Messpunkte sogar auf einer Landkarte ab. Schockiert schrieb sie kurze Zeit später eine Gruppen-Mail an alle Eltern: "Die Kinder sind heute 14 Kilometer weit gewandert. Ist doch viel zu weit für Knirpse in dem Alter. Da gehen doch die Knochen kaputt von."

Jammern am Handy

In der Tat, das geht nun wirklich nicht. Simone rief sofort bei ihrer Tochter an, denn der hatten die Eltern vor der Abreise noch rasch ein Handy ins Gepäck gesteckt - trotz Verbot von Seiten der Lehrerschaft. Sophie jappste zwar noch deutlich beim Kontrollanruf, bewertete den Gewaltmarsch aber nicht ganz so streng. Stattdessen jammerte sie über das Essen, das einfach grauenhaft schmecken solle. Na klar, eine Klassenfahrt ist nur dann gut, wenn das Essen nicht mundet und mindestens ein Schüler kotzen muss. Trotzdem wurde Petra dazu abkommandiert, leckere Rezepte zusammenzutragen, um sie dann per Mail an die Köchin im Schulandheim zu senden. Gut so. Unsere Kinder sind doch eh alle schon so mager. Und in fünf Tagen kann man ganz schön Gewicht verlieren.

Die Tochter mit dem Handy wurde abends damit beauftragt, die Jungs zum Waschen zu schicken. Die übten aber gerade Rülpsen, mussten wir besorgten Eltern hören. Das waren also die komischen Bewegungen, die wir auf den Monitoren sahen. Wir hatten nämlich eine Begleitung bestochen und sie dazu gebracht, Webcams in den Schlafräumen aufzustellen. Damit wir überprüfen können, ob die lieben Kleinen auch ja pünktlich im Bett liegen. Jetzt hieben sie sich mit der Faust auf die Brust und sperrten dann den Mund auf. Rülpsen also. Na, die können etwas erleben, wenn sie zurückkehren. Und gut, dass die Kamera keinen Ton hat.

Immerhin hat unsere Anregung gefruchtet, dass die Kinder abends ein Internet-Blog über ihre Erlebnisse schreiben sollen. Das Ergebnis lesen wir alle live mit. Was die Kinder da aber schreiben, kommt uns ein wenig geschönt vor. Zum Glück gibt es ja noch SMS. Auf meinem Handy steht da plötzlich: "Blog nicht lesen. Alles Propaganda." Wusste ich es doch! Da steckte doch schon wieder der Lehrer dahinter. Zensur!

Vorzeitig abgeholt

Am vierten Tag haben wir die Kinder dann doch abgeholt - vor der Zeit. Drei Kinder mussten nachts weinen, weil sie Heimweh hatten. War in der Webcam zu sehen. Ein vater meinte, dass die nicht geweint, sondern gelacht haben. Was weiß der denn schon? Und der Rest ging einfach nicht pünktlich schlafen. Besser, wir nehmen das wieder selbst in die Hand.

PS: Die technischen Möglichkeiten sind durchaus vorhanden. Der Rest der Kolumne ist aber erstunken und erlogen. Wir Eltern haben in aller Ruhe fünf Tage lang gewartet, dass unsere Kinder endlich wieder zurückkehren.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

Carsten Scheibe

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