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Wie es begann: Die Würfelrevolution

Personal Computer gab es seit Anfang der 70er Jahre, aber wirklich persönlich wurden Computer erst 1984, mit dem Macintosh. So leicht er zu bedienen war, so schwer war seine Geburt.

Personal Computer gab es seit Anfang der 70er Jahre, aber wirklich persönlich wurden Computer erst 1984, genauer: am 24. Januar 1984. Dann brachte Apple mit dem Macintosh einen Computer auf den Markt, der alles tat, um bloß nicht für einen solchen gehalten zu werden. In diesen Zeiten waren Rechner fest in den Händen von Programmierern und Ingenieuren und taten vor allem eines: rechnen. Der Mac war der Gegenentwurf all dessen: Kreativität statt Zahlenfressen:

- Jeder konnte den Mac bedienen. Seine bis dato unerreicht einfache Bedienung mithilfe einer grafischen, selbst erklärenden Benutzeroberfläche und einem kleinen Zeigegerät namens Maus beförderte ihn raus aus den Gettos Kommandozeilen-verliebter Codeschreiber auf den Schreibtisch von (theoretisch) jedermann.

- Jedermann kann nicht programmieren. Aber schreiben und malen. Statt Tools zum Erstellen von Programmcode brachte der Mac eine Textverarbeitung und ein Malprogramm mit. Als wenig später auch noch die erste Tabellenkalkulation ("VisiCalc") auf den Markt kam, wurde diese schnell zur Killerapplikation.

- Der Mac war irgendwie – niedlich. Er machte keine Angst. Der kleine Würfel saß munter auf dem Schreibtisch und nahm dort nicht allzu viel Platz weg. Und wenn man ihn anschaltete, lächelte von dem kleinen Bildschirm ein Smiley.

- Der Mac war albern. Während die anderen PCs ungerührt für den Laien unverständliche Texte über den Bildschirm fluten ließen, konnte der Mac Bilder zeigen, Musik machen – und sogar sprechen. Natürlich nur in einem Rahmen, der heutzutage eher lächerlich erscheint: Die Grafik war schwarz-weiß, der Sound eher dünn und die Sprachausgabe hatte die Qualität eines Dosentelefons bei Sturm. Aber immerhin, es gab diese Möglichkeiten.

- Der Mac war erschwinglich. Für 2500 US-Dollar konnten sich auch Privatpersonen und kleine Firmen den Kleinen leisten.

Die Szene zeigte kaum Verständnis

Als der Macintosh, der angeblich nach einer Apfelsorte benannt wurde, mit diesen Eigenschaften auftauchte, kam Freude auf - bei einigen. Bei vielen in der etablierten IT-Szene hoben sich aber verständnislos die Augenbrauen. Ein Spielzeug ist das, dachten sie. Und dafür doch recht teuer.

20 Jahre später werden auch die Augenbrauenhochzieher von damals zugeben müssen. All das, was den Mac damals so einzigartig machte, gehört heute schon lange zum unverzichtbaren Pflichtprogramm eines jeden Personal Computer. Und so konnte Apples Co-Gründer Steve Wozniak auch ungestraft in einem Interview behaupten: "Eigentlich ist jeder Computer auf der Welt ein Macintosh."

Leichte Bedienbarkeit - schwere Geburt

Dass es so weit kommen würde, erscheint im Rückblick aber wie ein kleines Wunder. Dass die Welt bereit sein würde für den Macintosh, war auch bei Apple alles andere als Konsens. Und wie Owen Linzmayer, Apple-Kenner und Autor verschiedener Bücher über die Company, zu berichten weiß, war auch Steve Jobs, Apple-Co-Gründer und für die Öffentlichkeit praktisch untrennbar mit der Entwicklung des Mac verknüpft, zunächst überhaupt kein großer Fan des beigen Schotten. Der wahre Vater des Mac sei, so Linzmayer in seinem Buch "Apple, streng vertraulich!", vielmehr ein ehemaliger Professor namens Jef Raskin. Und dann war da noch Lisa.

Schwierige Dreiecksbeziehung: Steve, Jeff und Lisa

Zwei Männer, eine Frau? Menschelte es im Computerbusiness? Doch "Lisa" war nicht aus Fleisch und Blut, sondern auch ein Apple-Computer. Die Mutter des Mac, sozusagen. Denn die grafische Benutzeroberfläche und die Maussteuerung hatten ihr Debüt nicht im Macintosh, sondern eben in der Lisa. Apple hatte die Grundlagen für dieses Interface aus der Ideenschmiede von Xerox PARC übernommen und in einen 10.000-Dollar-Computer eingebaut - den 1983 zu diesem Preis niemand kaufen wollte. Die spätere Mac-Oberfläche hatte einen denkbar schlechten Start.

Ein paar Jahre vor Lisas Versagen schrieb an anderer Stelle bei Apple Jef Raskin an Computer-Handbüchern. 1979 bekam Raskin den Auftrag, eine kostengünstige Spielekonsole ("Annie") zu entwickeln. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, aber "kostengünstig" klang gar nicht schlecht. Denn Raskin schleppte in Gedanken schon länger das Konzept eines Computers für "den Mann auf der Straße" mit sich herum. "Ich nannte es Macintosh. Das Tollste daran war, dass der Computer aus einer menschliche Perspektive designt werden sollte", sagte Raskin gegenüber Linzmayer. Der Apple-Vorstand ließ Raskin gewähren, er durfte an seinem Mac-Traum herumentwickeln, allerdings ohne viele Ressourcen zur Verfügung zu haben. All zu viel konnte er also nicht verschwenden, dennoch hatte Raskins Projekt einen mächtigen Gegner: Steve Jobs. Raskin erinnert sich: "Jobs hasste die Idee. Er rannte durch die Gegend und rief 'Nein! Nein! Das wird nie funktionieren'".

Der Kampf der Egos

Seine Tiraden gegen den Macintosh hielten Jobs aber nicht davon ab, einige Zeit später in eben dieses Projekt hineinzugrätschen. Denn gerade hatte man ihm die Leitung des gefloppten Lisa-Projekt entzogen. Jobs wurde Chef der Mac-Hardware-Entwicklung, während Raskin sich um die Software kümmerte. Unter Jobs’ Leitung entwickelte sich der Mac äußerlich zu einer Art schlanken Lisa. Derselbe Prozessor, dieselbe Maus, ein ähnlicher, etwas kleinerer Monitor (9 Zoll statt 12 Zoll) und ein Gehäuse, das aussah, als hätte man einfach die Hälfte der recht breit gebauten Lisa abgeschnitten. Über diese und andere Design-Entscheidungen kam es ständig zum Streit zwischen Raskin und dem Apple-Gründer. Als Jobs dann auch noch die Leitung der Software-Entwicklung für den Mac an sich riss, gab es für Raskin nur einen Ausweg - der geradewegs aus den Gebäuden von Apple hinausführte. Das war 1982. Zwei Jahre später präsentierte Jobs "sein Baby". Das Baby zweier Väter.

Zum Schluss noch einmal Apple-Kenner Linzmayer

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jobs spielte eine unverzichtbare Rolle bei der Gründung von Apple und der Entwicklung des Mac. [...] Aber während Mac-User den 20. Geburtstag des Mac feiern, sollte darauf hingewiesen werden, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird.

Ralf Sander
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