BUCHZUSAMMENFASSUNGEN Lesen und lesen lassen


Über Fachliteratur mitreden zu können, bedeutete früher lesen, lesen, lesen. Heute fassen Agenturen den Inhalt eines Buches auf wenigen Seiten zusammen, der Zugriff erfolgt per Internet.

Über Fachliteratur mitreden zu können, war früher Schwerstarbeit: Seite für Seite wollten sperrige, vor Fachchinesisch strotzende Wälzer erkämpft sein. Heute müssen Menschen, die belesen wirken wollen, keine Bücherwürmer mehr sein. Agenturen lesen gegen Bezahlung: Sie fassen den Inhalt eines Buches auf wenigen Seiten zusammen, der Zugriff erfolgt per Internet.

Alle wichtigen Thesen kennen lernen

»2000 aktuelle Titel können Kunden von unserer Homepage als Kurzbuch herunter laden«, sagt Thomas Bergen. Er ist Vorstand der Schweizer Firma getAbstract, die mit einer Million Downloads jährlich beim bezahlten Lesen im deutschsprachigen Raum die Nase vorn hat. Seine Mitarbeiter - meist Journalisten oder Uni-Dozenten - fassen pro Woche zehn Bücher auf je fünf Seiten zusammen. »Im Gegensatz zu einer Buchbesprechung ist die Inhaltsangabe viel ausführlicher. Nach der Kurzbuch-Lektüre kennt man alle wichtigen Thesen«, sagt Bergen.

Up to date sein mit wenig Aufwand

Knapp zehn Euro kostet einmal Lesen für Eilige: als Dokument für PC, Taschencomputer (PDA) oder als digitale Audio-Datei für den MP3-Player. Im Abo ist es billiger. Das Geld ist in den Augen von Thomas Blees, Sprecher der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, gut angelegt. Er sagt, was viele denken: »Ich bin kein Mensch, der massenhaft Wirtschaftsbücher kauft. Die Zusammenfassungen helfen mir, up to date zu sein.«

Beitrag zur Management-Ausbildung

Mitarbeiter, die mitreden können, nutzen der Firma - egal, auf welche Weise sie sich ihr Wissen aneignen. Das haben neben KPMG auch Ernst & Young, Siemens oder SAP erkannt. Die Unternehmen lassen ihre Beschäftigten im firmeneigenen Intranet Kurzbücher schmökern. »Damit leisten wir einen Beitrag zur Management-Ausbildung unserer Mitarbeiter«, sagt Axel Lange von der Schweizer Großbank UBS. Das Bankhaus lässt sich den Service rund 100.000 Euro im Jahr kosten.

Manch eine Leseratte der neuen Generation spart mit Hilfe der Kurzbücher sogar Geld: »Viele Neuerscheinungen klingen auf den ersten Blick reißerisch, bringen aber inhaltlich wenig Neues«, sagt der Lausanner Wirtschaftsprofessor Max von Zedtwitz. »Nach Lesen der Zusammenfassung weiß ich, ob ich das Buch kaufen werde oder nicht.«

Auch die Auswahl kann man anderen überlassen

Selbst die Auswahl der Bücher kann man heute Agenturen überlassen. »Vielbeschäftigte Manager wollen nicht unter Tausenden von Titeln wählen«, sagt Business-Bestsellers.de-Gründer Alexander Krunic. Bei seiner Firma bezahlen Kunden dafür, monatlich die drei wichtigsten Wirtschaftsbücher als Zusammenfassung zu erhalten.

Wirtschaftstitel liegen ganz vorne

Wirtschaftstitel sind die unbestrittenen Stars der Kurzbuchliga. Zwar sind auch Reisebücher, Romane und die Bibel als »literarischer Quickie« zu bekommen. Die meisten Kurzbuch-Anbieter - etwa Isi- check.de, Ise-online.net, Summaries.Com oder Summary.Com - verstehen sich aber als Infokanäle für ökonomische Literatur. Wenige Firmen setzen andere Schwerpunkte: Shortbooks.de etwa fasst Job- und Sex- Ratgeberbücher zusammen.

Naturwissenschaftliche Bücher liefern die Abstacts selbst mit

»Mit Wirtschaftsbüchern kann man am besten Geld verdienen«, sagt getAbstract-Chef Bergen, dessen Firma seit diesem Jahr schwarze Zahlen schreibt. Umsatzzahlen nennt er jedoch nicht. In den Naturwissenschaften sei ein vergleichbares Angebot nicht so wichtig, da alle neuen Veröffentlichungen ohnehin über eine Zusammenfassung (Abstract) verfügten.

Buchhandel sieht's gelassen

Angst vor dem Ende des Buches hat in der Branche trotzdem niemand. »Das ist doch Werbung für unseren Verlag«, sagt Corinna Rygalski vom Frankfurter Wirtschaftsverlag Carl Ueberreuter. »Solche Tools können zum Finden des richtigen Buches eine große Hilfe sein«, ergänzt Eugen Emmerling, Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Arno Schütze


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