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Fake News Impf-Zweifel als Ware: Eine weltweite Schattenindustrie macht Desinformation zum Geschäft

Auch nach dem Ende der Priorisierung bleibt der Impfstoff in den Hausarztpraxen knapp.
Hinter der Covid-Impfung vermutet so mancher sinistre Motive (Symbolbild)
© Paul Zinken / Picture Alliance
Immer wieder versuchen Viralgeschichten, Zweifel an Impfstoffen oder politischen Entscheidungen zu säen. Aktuelle Recherchen zeigen: Dahinter steckt eine ganze Industrie. 

Das unmoralische Angebot machte weltweit Schlagzeilen: Die beiden Youtuber Mirko Drotschmann aus Deutschland und Léo Grasset aus Frankreich machten öffentlich, dass sie gegen Geld Zweifel an der Wirksamkeit des Covid-Vakzins von Biontech streuen sollten. Es handelt sich nicht um einen Einzelfall: Gezielte Desinformations-Kampagnen sind längst zu einem großen Geschäft geworden. 

"Es gibt - leider - eine sehr große Nachfrage nach Fehlinformationen", erklärte Graham Brookie gegenüber der "New York Times". "Und es gibt viele, die mehr als bereit sind, diese Nachfrage zu bedienen." Brookie untersucht für den Atlantic Council, einen US-Thinktank, Desinformations-Kampagnen rund um die ganze Welt. "Es ist eine Boom-Industrie", ist er sich sicher. 

Social Media als Propaganda-Verstärker

Das Vorgehen ist meist ähnlich. Die Firmen machen sich die Mittel der modernen sozialen Medien zunutze, mit wenig Aufwand oder Geld viele Menschen zu erreichen, setzen darauf, dass sich die lauten Thesen von selbst weiterverbreiten. Dabei geht es nicht unbedingt darum, die Menschen wirklich zu überzeugen, sagte Jakub Kalensky vom Atlantic Council dem "ZDF". Zweifel zu säen, reiche vollkommen aus. "Die Zielgruppe solcher Operationen sagt am Ende meist: 'Jeder sagt etwas anderes, die Wahrheit werde ich nie erfahren.' Für Informations-Aggressoren ist das ein bestmögliches Ergebnis."

Das Atlantic Council beobachtete Kampagnen rund um die Welt, mit höchst unterschiedlichen Zielen. Neben solchen gegen Impfstoffe nennt er als Beispiele etwa antiamerikanische Stimmung im Irak, die Unterstützung politischer Kandidaten in Südamerika oder die Republik Zentralafrika, in der zwei entgegengesetzte Kampagnen zeitgleich um den Einfluss Frankreichs und Russlands in der lokalen Politik konkurrierten. In China versuchte ein ganzes Netzwerk aus Newsseiten und Social-Media-Accounts, Stimmung gegen die Proteste in Hongkong und für einen Anschluss Taiwans zu machen. 

Florierende Industrie

Seit dem Erfolg der von Donald Trumps Wahlkampfchef Steve Bannon mitgegründeten Firma Cambridge Analytica ist eine ganze Industrie entstanden, die Desinformationen als Dienstleistung anbietet. Die einzelnen Unternehmen sind schwer zu fassen. Offiziell handelt es sich laut der "New York Times" oft um Firmen die als offizielle Produkte E-Mail-Kampagnen anbieten, hinter der Anti-Biontech-Kampagne steckte die Agentur Fazze, die offenbar zum russischen Werbekonzern Adnow gehört, mittlerweile aber sämtliche Social-Media-Konten gelöscht hat, berichtet die "BBC". 

Corona-Patient Harland McPhun hatte sich nicht impfen lassen, jetzt bereut er seine Entscheidung.

Auch andere der Firmen operieren rund um den Globus. Hinter der chinesischen Operation steckte wohl ein Unternehmen aus Malaysia, bezahlen wollte es laut der "New York Times" in Singapur-Dollar. Die Pro-Regierungs-Kampagne in Indien wurde dagegen aus Kanada gesteuert. Die Firma Press Monitor hatte ein Portal betrieben, dass vorgeblich ausgerechnet falsche Berichte von klassischen indischen Medien an den Pranger stellen sollte - dabei aber selbst fleißig Falschinformationen verbreitete. Mit dem Vorwurf konfrontiert, reagierte das Unternehmen zunächst nicht. Und leugnete dann schlicht, dass die in Toronto registrierte Firma ihren Sitz in Kanada hat.

Brookie findet vor allem eine Entwicklung beunruhigend: "Es nimmt zu, dass Desinformations-Dienste von Regierungsstellen oder an Regierungen angrenzenden Akteuren angeheuert werden, und man muss das ernst nehmen", ist er überzeugt. Das Outsourcing der Propaganda-Maßnahmen hat für die Staaten mehrere Vorteile. Zum einen sind die externen Dienstleister schlicht günstiger, als spezialisierte Geheimdienste damit zu beschäftigen. Zum anderen machen die undurchsichtigen Firmengeflechte es leichter, eine Beteiligung an den Kampagnen abzustreiten. 

Reich dank Desinformation

Doch nicht hinter jeder Kampagne steckt ein staatlicher Akteur. Während bei der Fazze-Kampagne gegen Biontech wegen ähnlicher Formulierungen im PR-Material des Impfstoffs Sputnik-V der russische Staat als Drahtzieher vermutet wird, hat einer der größten Impfgegner im Netz eine ganz andere Motivation: Er verdient selbst Geld an den Impfzweiflern.

Der Osteopath Dr. Joseph Mercola gilt als einer der wichtigsten Impfgegner im Internet. Nach einer Untersuchung der Nichtregierungs-Organisation Center für Counter for Countering Digital Hate sind nur zwölf Personen weltweit für 65 Prozent aller impfkritischen Inhalte im Netz verantwortlich. An der Spitze steht Mercola, seine Freundin Erin Elizabeth folgt auf Platz 7.

Seinen Feldzug gegen Impfungen betreibt Mercola seit Jahrzehnten. Mit Covid legte er aber den Turbo ein: Mehr als 600 Artikel veröffentlichte er zum Thema Covid-Impfungen, ermittelte die "New York Times". Dabei legt er laut ehemaligen Mitarbeitern extremen Wert auf die Viralität der Themen, testet mehrere Titel der Posts und übersetzt die Meldungen in fast ein Dutzend Sprachen, wie Spanisch oder Polnisch, um ihre Reichweite zu maximieren, berichtet die Zeitung. Die Motivation ist nicht schwer zu erraten: Mercola verkauft zahlreiche "natürliche Alternativen" zu Impfungen, schon 2017 gab er laut der "Washington Post" an, damit mehr als 100 Millionen Dollar eingenommen zu haben.

Gegenwind

Dass die Kampagnen so gut funktionieren, liegt auch daran, dass es den großen Unternehmen wie Facebook oder Youtube sichtbar schwer fällt, effektiv gegen Falschinformationen vorzugehen. Zwar haben die Internetkonzerne im Rahmen der Corona-Krise begonnen, vermehrt Posts von Impfzweiflern abzuklemmen, wenn diese eindeutig falsche Informationen teilen. Doch die Regeln werden von geschickten Akteuren wie Mercola immer wieder umgangen.

Dass uns das Problem noch eine Weile begleiten dürfte, zeigt auch die aktuelle Bewertung des Start-ups Activefence: 500 Millionen Dollar soll das Unternehmen nach einer aktuellen Finanzierungsrunde wert sein. Seine Dienstleistung: Bösartige Kampagnen im Internet frühzeitig erkennen - und den großen Diensten genügend Zeit verschaffen, um darauf zu reagieren. Das Wettrüsten hat gerade erst begonnen. 

Quellen:BBC, New York Times 1, New York Times 2, ZDF HeuteWashington Post, Center for Countering Digital Hate, Techcrunch


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