US-Firmen unerwünscht
Europäer entwickeln neuartige Luftabwehrrakete

Eine Computergrafik der Luft-Luftrakete Iris-T
Bilder von der BEAST-Rakete gibt es noch nicht, sie wird aber auf der Iris-T von Diehl basieren. An der Spitze der Rakete ist das "Auge" gut zu erkennen. Optische- und Infrarot-Sensoren erkennen feindliche Flugzeuge und verfolgen diese selbstständig. Die Iris-T ist extrem wendig, sie kann auf der Fläche eines Fußballfeldes in Gegenrichtung kurven 
© Diehl Defence
Europa drückt bei Rüstungsprojekten aufs Gas. Mit dem „Beast“-Projekt soll eine neuartige Flugabwehrrakete entwickelt werden, die selbst Bodenziele angreifen kann. 

„Beast“ – zu Deutsch: die Bestie. Normalerweise haben Amerikaner ein Faible für solch griffige Akronyme, hier waren es europäische Rüstungsfirmen. BEAST steht für „Boosting European Advanced Missile System Technology“. Das von der EU mit 35 Millionen Euro geförderte Programm soll ein Konzept für modulare Kurzstrecken-Luftabwehrraketen entwickeln, Einsatz ab 2030. Besonderheit: Es darf nicht ein Bauteil oder Programmcode aus den USA kommen.

Kürzlich fand das Kick-off-Meeting der beteiligten Firmen in Brüssel statt, deren Liste sich wie das Mitgliederverzeichnis der EU liest: Deutschland, Griechenland, Portugal, Italien, Norwegen, Schweden, Spanien, Polen, die Niederlande, Litauen, Ungarn und Zypern. Insgesamt arbeiten 21 Partner zusammen, von Firmen jeder Größe bis hin zu Forschungseinrichtungen.  

Iris-T als Vorbild

Die Fäden für das Projekt laufen bei Diehl in Deutschland zusammen. Das Familienunternehmen ist in Europa führend bei der Entwicklung von Kurzstrecken-Luftabwehrraketen. So zählt die Iris-T-Rakete zu den weltweit besten Lenkflugkörpern gegen Luftziele im Nahbereich bis 20 Kilometer. Sie ist die Standardwaffe des Eurofighter Typhoon und wird als Boden-Luft-Variante von der Ukraine erfolgreich gegen Marschflugkörper eingesetzt. Die Iris-T ist ein Gemeinschaftsprojekt von Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, Griechenland und Norwegen. Das Gegenstück aus den USA ist die AIM-9 Sidewinder. 

Ein Bid von Iris-T-Abschussrampen
In abgeänderter Form kann die Iris-T auch von Boden aus gestartet werden und mit hoher Treffergenauigkeit Marschflugkörper und Drohnen abschießen
© Diehl Defence

„Beast“ soll ähnliche Fähigkeiten wie die Iris-T haben, jedoch modular aufgebaut sein. Das heißt, die einzelnen Bauteile der Rakete sollen sich einfach und damit kostengünstig an bestimmte Aufgaben anpassen und zu einer spezialisierten Rakete zusammenfügen lassen. So soll eine Variante bei Kampfflugzeugen als Luft-Luft-Rakete dienen, die Boden-Luft-Variante wird zur Luftverteidigung vom Boden aus gestartet und eine dritte Variante soll vom Flugzeug verschossen sogar Bodenziele bekämpfen können.

Hauptaufgabe der künftigen Rakete wird jedoch die Bekämpfung von Luftzielen im Bereich von 20 bis 40 Kilometern sein. Das in drei Phasen eingeteilte Projekt untersucht, wie Luftkämpfe und Gegenmaßnahmen in Zukunft aussehen und welche Anforderungen sich daraus ergeben. Aus den Erkenntnissen sollen im zweiten Schritt die dafür notwendigen Schlüsseltechnologien ermittelt und im dritten Schritt ein Konzept einer modular aufgebauten Rakete entwickelt werden.

Für die EU ist das Projekt ein nach eigener Aussage wichtiger Schritt der engeren Vernetzung europäischer Rüstungsunternehmen, hin zu technologischer Souveränität. Die Abhängigkeit von Rüstungsprodukten aus den USA wird von den EU-Staaten schon seit vielen Jahren kritisch betrachtet. Früher war es die Sorge um den eigenen Industriestandort, heute macht Donald Trump die USA zu einem unzuverlässigen Waffenpartner. 

Computergrafik einer IDAS-Rakete
Unter dem Namen IDAS arbeitet Diehl zusammen mit ThyssenKrupp Marine Systems an einer Variante der Iris-T, mit der sich getauchte U-Boote gegen Flugzeuge wehren können
© Thomas Hierl / Diehl Defence

USA als Risikofaktor in der Rüstung

Diese Abhängigkeit trägt eine Abkürzung: ITAR – International Traffic in Arms Regulations. Es ist das Regelwerk der USA für die Ein- und Ausfuhr von Rüstungsgütern und militärischen Dienstleistungen. Wenn die USA ihre nationalen Interessen bedroht sehen, können sie mit Itar weitreichenden Einfluss auf bereits gelieferte Waffensysteme ausüben und zum Beispiel Ersatzteile oder zum Betrieb der Waffe nötige IT-Dienste zurückhalten. So durfte Schweden sein Kampfflugzeug „Grippen“ nicht nach Südafrika exportieren, weil die US-Regierung gegen das Rüstungsgeschäft sein Veto einlegen konnte – die Triebwerke des Jets kamen aus den USA.

Mit gemeinsamen Rüstungsprojekten tut sich Europa schwer, häufig stehen nationale Interessen der Entwicklung gemeinsamer Waffensysteme im Weg. Jüngstes Beispiel ist FCAS, das Future Combat Air System, das Kampfflugzeug der sechsten Generation, das um 2040 den Eurofighter ablösen soll. Das europäische Projekt mit Frankreich, Deutschland und Spanien droht derzeit am Widerstand Frankreichs zu scheitern.

Europäische Rüstungsprojekte scheitern häufig an Frankreich 

Der französische Rüstungskonzern Dassault akzeptiert die beiden anderen Staaten eher als Juniorpartner denn auf Augenhöhe. Dassault befürchtet nach eigener Aussage, seine Rolle als führendes Rüstungsunternehmen zu verlieren, wenn das neue Waffensystem zu je einem Drittel in Deutschland und Spanien entwickelt und gebaut wird. Vor allem möchte Dassault das Abfließen von Know-how verhindern, mit dem deutsche und spanische Firmen unter Umständen bei anderen Rüstungsgeschäften zu stärkeren Konkurrenten werden könnten. Aus ähnlichen Gründen ist Frankreich auch nicht am „Beast“-Projekt beteiligt. 

Militärhistoriker Sönke Neitzel spricht sich gar für einen Abbruch von größeren Rüstungsprojekten mit Frankreich aus. Dem deutsch-französischen Onlinemagazin „DocDok“ sagte er: „Frankreich verfolgt eine knallharte Interessenpolitik und verpackt diese in ein europäisches Mäntelchen. Das ist ein grundlegendes Problem, denn Frankreich sieht sich in gewisser Weise als die ,USA Europas‘ – und stößt damit bei vielen Partnern auf Widerstand.“

Für FCAS schaut die Bundesregierung derzeit nach alternativen Kooperationen in Europa und wohl auch in Japan. Nach Informationen der japanischen Tageszeitung Sankei Shimbun erwägt Deutschland, sich dem Global Combat Air Programme (GCAP) von Japan, Großbritannien und Italien anzuschließen.

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