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Kolumne - Neulich im Netz: Äpfel per E-Mail und andere Brummi-Weisheiten

Der Aufkleber auf dem Heck des Lkw war in der Rußwolke kaum zu erkennen: "Solange man Äpfel nicht per E-Mail verschicken kann, müssen wir uns die Straße teilen!" Das mag stimmen. Andererseits fährt mir eine E-Mail auch nicht mit 100 Sachen und 38 Tonnen ins Heck, weil der Lkw-Fahrer ein Heftchen aufgeschlagen und die Hände "am Radio" hatte.

Entspannung hin, Entspannung her: Der tabulose Ansatz der Kapitäne der Autobahn, wie sich die Jungs auf dem hohen Sitz jovial nennen, verdient weiter gedacht zu werden. Und zwar ohne reflexhaft-dogmatische Parade, dass Globalisierung und interkontinentale Warenverschickung die Menschheit ganz wirr im Kopf macht wegen des vielen Dieselrußes. Nein, bleiben wir schlichter: Äpfel per E-Mail zu schicken - eine faszinierende Idee. Doch was bedeutet das in der Praxis?

Das kann nicht ohne behördliche überwachte Ordnung gehen: Ein Uniformierter wird jede vierzigmilliardste E-Mail kontrollieren: "Aussteigen! Kommen sie erst mal runter vom Mail-Client. Können Sie mich verstehen? DU SPRECHEN DEUTSCH?" Haben wir Verständnis. Die treuen Beamten werden durch Horden ukrainischer, polnischer, tschechischer und litauischer E-Mails geprägt. "Logfile her: Habe ich mir doch gedacht, Sie mailen jetzt seit 18 Stunden bei überhöhter Verbindungsgeschwindigkeit, ohne die vorgeschriebene Ruhezeit einzuhalten. Das kann ganz schön teuer werden ..." Der Rest der Episode hängt vom Wohlwollen der Gesetzeshüter und dem Bernhardinerblick des Fern-Mailers ab.

Der Fern-Mailer in Clogs wird davon erzählen können, wenn er das nächste Mal sein Notebook in den Morast parkt, die Klampfe zückt und sich zu Gleichgesinnten ans Lagerfeuer setzt. Oder den Henkelmann mit Truck Stop oder Tom Astor füttert und sich mit Dosenbier in die Warteschlange zur endgültigen Zollabfertigung einreiht. Und er wird wieder prahlen: "An der E 453 steht immer so eine asiatische Superschnecke - die hat meinen Anhang schwer herunter geladen." Ach ihr E-Mailer, ihr liebt es romantisch, klebt euch große Bilder großer Disketten in die Schlafkoje. Ein wenig beneiden wir euch manchmal, ganz klammheimlich. Zumindest solange, bis ihr an einem PC-Rastplatz unrasiert in langen Unterhosen an uns vorbeigerollt kommt.

Und wieder gilt das alte Wort vom Heck des Lkw, gleich neben dem lustigen Äpfel-E-Mail-Aufkleber, nur diesmal für die Fahne: "Damen aufgepasst: Meine ist 18 Meter lang!" Bis die verflogen ist, setze ich mich aufs Fahrrad, radle zum Bauernhof und kaufe Äpfel vom bauernhofeigenen Hain. Den Dieselruß schmeckt man kaum.

Guido Augustin
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