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Kolumne: Neulich im Netz: Handelsvertreter Sohnemann: Schwindsucht im Regal

Als Vater Peter merkte, dass sich sein Video- und CD-Rack langsam leerte, ging das Elend erst los. Der geschäftstüchtige Filius hatte erste Teile der Sammlung auf dem Schulhof verhökert.

Als Vater Peter merkte, dass sich sein Video- und CD-Rack langsam leerte, ging das Elend erst los. Der geschäftstüchtige Filius hatte erste Teile der Sammlung auf dem Schulhof verhökert. Und Hausarrest war die falscheste aller möglichen Entscheidung der schwindenden Autorität Familienoberhaupt. Denn da stand der Online-PC...

Schulhofhandel für das hohe Ansehen

Die vielteilige Abba-Anthologie, das Star-Wars-Paket und die Terminator-DVD waren längst weg, nur noch ein paar Staubkörner im Regal erinnerten daran, dass Peters Schätze einmal dort gelagert waren. Um den Jahresrückblick 2000 des FC Schalke 04 war es nicht so schade, aber der Verlust der frühen Stones-Alben traf den Familienvater wie ein Keulenschlag. Als er es merkte. Denn sein kommerziell offenbar hoch begabter Sprössling hatte im zarten Alter von 12 Jahren einen florierenden Handel auf dem Schulhof aufgezogen.

Der Erlös, so bekam der geschundene Erziehungsberechtigte nach langen Verhörstunden heraus, floss an Großleinwandkinos, Steh-Pizzerien und Eisdielen. Wobei der neureiche Spross anscheinend die halbe Klasse frei hielt, was ihm nach übereinstimmender Aussage mehrerer "bester Freunde" zu hohem Ansehen verholfen hatte.

Väterlicher Kampf

Wie es sich für einen gestandenen Familienvorstand gehört, verhängte Peter 14 Tage Hausarrest, verbot jeglichen Besuch und ergötzte sich an unangekündigten Schultaschenkontrollen. Wäre doch gelacht, dachte sich der Troll, wenn er so nicht die Handelsstraßen unterbrechen könne.

Doch damit nahm das Unheil erst seinen Lauf, denn des Sohnemanns Energie wurde nun unverhofft auf andere Wege geleitet. Und da nutzte es auch nichts, dass der Online-PC von Papa Peter in mühsamer Fummelei "absolut kindersicher" eingerichtet war. Denn wer einen sprunghaften Handel auf Online-Auktionsplattformen führt, muss nicht auf pornografische oder rechtsradikale oder gewaltverherrlichende Seiten surfen. Er muss sich keine gefährlichen Applets installieren und auch nicht pro Tag länger als eine Stunde online sein. Er braucht nur ein Taschengeldkonto bei der Bank seines Vertrauens, das vor einem halben Jahr eingerichtet wurde, "damit der Kleine auch mal lernt, mit Geld umzugehen".

Gescheiterter Erziehungsversuch

Mittlerweile sind die meisten Hüllen von CDs, DVDs und Videos leer oder durch täuschend echte Kopien ersetzt, im Keller ist es verdächtig aufgeräumt, der Junior freut sich über den zweiten E-Bay-Stern und die kleine Sabrina sucht mit wachsender Verzweiflung ihre Reithosenbarbie mit dem Glitzerhaarband.

Guido Augustin