Die Boomer werden sich wahrscheinlich noch an die TV-Serie „Airwolf“ erinnern, in der der titelgebende Hubschrauber dank seiner „Turbotriebwerke“ einerseits überschallschnell fliegen, aber andererseits auch mit seinen Rotoren in der Luft stehen konnte. So eine Fähigkeit ist der Traum aller Armeen: Zielgebiete schnell wie ein Jet zu erreichen und dann trotzdem auf kleinster Fläche nahezu überall landen zu können.
Genau daran tüftelt derzeit das US-Unternehmen Bell Textron im Auftrag der DARPA: Die Defense Advanced Research Projects Agency ist der weit in die Zukunft blickende Thinktank des unter Präsident Trump in „Kriegsministerium“ umbenannten US-Verteidigungsministeriums. Die wohl berühmteste Erfindung der DARPA war das Internet.
Mit dem Programm „Speed and Runway Independent Technologies“, kurz SPRINT, will die DARPA ein militärisches Dilemma auflösen. Angriffsteams, aber auch Logistiker, müssen sich bisher entscheiden, ob sie schnell per Jet einen Ort erreichen wollen, aber dort dann eine Landebahn benötigen. Oder ob sie mit dem Hubschrauber deutlich länger unterwegs sind – mit dem Vorteil, überall landen zu können.
Der Auftrag für ein Versuchsflugzeug ging im Mai vergangenen Jahres an den legendären Helikopterhersteller Bell. Die erste Phase des Designs ist bereits abgeschlossen, jetzt wird der Demonstrator der X-76 gebaut. Der erste Flugtest ist für 2028 projektiert.
Die V-22 Osprey gilt nicht als Hubschrauber
Das Design zeigt ein futuristisches Fluggerät, das mit seinen Schwenkrotoren an die seit Jahren im Einsatz befindliche Bell-Boeing V-22 Osprey erinnert. Die Osprey kann ihre beiden großen Rotoren an den Flügelenden schwenken und so vom Rotor- zum Propellerbetrieb wechseln. Als Propellerflugzeug ist sie deutlich schneller als ein Hubschrauber. Auch die Osprey geht auf ein X-Flugzeug zurück: die Bell X-22 aus 1966. Zwischen Testflugzeug und der Indienststellung liegen 40 Jahre.
Auch die X-76 wird ihre Rotoren schwenken können, danach jedoch sollen die Rotorblätter angelegt werden, und Düsenantriebe übernehmen den Vorwärtsschub. Bell gibt eine Reisegeschwindigkeit – also das Tempo mit dem günstigsten Verbrauch – von rund 740 km/h an. Das ist zwar noch ein gutes Stück von der Schallmauer entfernt, aber dicht dran an den Reisegeschwindigkeiten von Düsenflugzeugen. Das Schwierigste an der Entwicklung, so Bell, sei die Phase des Übergangs vom Hubschrauber zum Jet.
Die X-76 könnte so schwer wie ein Airbus A320 werden
Sollte die X-76 tatsächlich in ein einsatzfähiges Muster münden, sind unterschiedliche Modelle vorgesehen – von Angriffsflugzeugen bis zu Varianten für Transport- und Überwachungsaufgaben. Dabei kann die X-76 die Mission bemannt oder unbemannt erfüllen. Welches Aufgabenspektrum die Versionen der X-76 später haben könnten, lassen die Gewichtsangaben erahnen, sie reichen von 2000 Kilogramm, also dem Gewicht eines Sportflugzeugs, bis zu 45 Tonnen, was einem Airbus A 320 entspricht.
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs loten die USA mit X-Flugzeugen die Grenzen des technisch Machbaren aus. 1947 durchbrach Chuck Yeager mit der Bell X-1 als erster Mensch die Schallmauer. Mit der Bell X-5 wurden Schwenkflügel getestet, die North American X-15 flog 1959 Mach 6,7 in 100 Kilometer Höhe und lieferte Daten für das Space-Shuttle-Programm. Die X-32 und X-35 Anfang der 2000er Jahre waren Demonstratoren, die letztendlich zur F-35 führten.
Der Airwolf stürzte in Deutschland ab
Und was passierte mit dem Airwolf aus der TV-Serie? Der endete in Deutschland. Nach dem Rückbau in die Standardversion des Typs Bell 222 wurde der Hubschrauber an den „Hubschrauber Sonder Dienst“ (HSD) verkauft. Im Juni 1992 flog die Maschine auf dem Rückweg von einem Rettungseinsatz im dichten Nebel gegen einen Berg. Alle drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Der Nachbau des Airwolfs fristet heute sein Dasein auf dem Dach einer Villa im kalifornischen Bel Air. Die X-Testflugzeuge hingegen stehen liebevoll gepflegt in verschiedenen staatlichen US-Museen.