Es ist merkwürdig, einem autonomen Taxi auf der Straße zuzusehen. Der Wagen fährt ganz normal, das Lenkrad dreht sich – doch der Fahrersitz ist leer. Was für Fahrgäste und Zuschauer faszinierend ist, sollte eine andere Gruppe zu mehr Vorsicht bewegen: Für Fahrradfahrer können die autonomen Taxis eine größere Gefahr bedeuten. Und das soll sich offenbar auch nicht ändern.
Das berichtet „Streetsblog NYC“. Demnach wurde der größte Betreiber von Robo-Taxis, die Google-Schwesterfirma Waymo, in San Francisco damit konfrontiert, dass die Wagen regelmäßig Fahrradwege ignorieren. Die Antwort des Unternehmens: Zu erwarten, dass sich Waymos nicht auf Fahrradwege fahren und diese blockieren, sei „zu viel verlangt“. Die Begründung verblüfft: Die Kunden würden es so erwarten.
Radwege als Gefahr
„Waymos fahren ständig auf Radwege, um Fahrgäste ein- und aussteigen zu lassen“, erklärt Christopher White, der Leiter der San Francisco Bike Coalition gegenüber „Streetsblog NYC“. „Das ist weder legal noch sicher, doch die Unternehmen behaupten, es sei gängige Praxis und entspreche den Erwartungen der Kunden.“ Die Logik: Wenn klassische Taxis sich nicht an die bestehenden Regeln halten, dann müssen es Robo-Taxis auch nicht.
Wie gefährlich diese Einstellung sein kann, zeigt eine laufende Klage einer Radfahrerin. Jenifer Hanki war der Klageschrift zufolge im letzten Sommer in San Francisco mit dem Rad unterwegs, als ein Waymo trotz Verbots auf dem Radweg anhielt. Als sie daran vorbeifahren wollte, öffnete sich plötzlich die Hintertür. Hanki blieb hängen, wurde vom Aufprall über die Tür geschleudert – und landete schließlich in einem zweiten Waymo, das ebenfalls auf dem Radweg stand. „Nach Angaben der Passagiere hatte es in dem illegal geparkten Wagen kein Warnsignal gegeben“, erklärte Hanki gegenüber dem „San Francisco Chronicle“. Wegen einer Gehirnerschütterung und anderer Verletzungen verlangt sie nun Schadensersatz.
Waymos Robo-Taxis sollen sicherer sein
Die Einstellung, sich nicht an Verkehrsregeln für Fahrradwege halten zu müssen, passt eigentlich nicht zum sonstigen Gebaren der Robo-Taxi-Betreiber. Waymo und der nicht mehr aktive Konkurrent Cruise legen seit Jahren viel Wert darauf, die geringere Unfallrate der autonomen Wagen im Vergleich mit menschlichen Fahrern zu betonen. So gibt Waymo an, in 92 Prozent weniger Unfälle verwickelt zu sein.
Für den Umgang mit Fahrrädern sind die Wagen eigentlich speziell trainiert. Ein Demonstrationsvideo der Firma zeigte schon 2019, wie die Taxis Fahrräder erkennen und versuchen, ihre typische Fahrweise vorherzusagen. So sagt das Waymo im Demo-Clip korrekt voraus, dass das Fahrrad auf die Straße wechseln wird, wenn der Radweg von einem parkenden Auto blockiert wird – und macht entsprechend Platz.
Der Umgang mit Fahrrädern wird noch relevanter werden, je mehr Waymo auch Märkte außerhalb der eher autoorientierten USA erobern will. Der erste europäische Testlauf findet seit Anfang dieses Jahres in London statt. Der dortige Fahrradverband ist skeptisch. „Waymo behauptet, dass sie in den USA weitaus sicherer sind als herkömmliche Taxidienste“, erklärt Verbandschef Tom Fyans gegenüber „Road.cc“. „Ob dies jedoch auch auf Londons berüchtigt komplexen, verstopften und umkämpften Straßen der Fall ist, bleibt abzuwarten.“
Quellen: Streetblog NYC, San Francisco Chronicle, Road.cc, Wired