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Liebeserklärung an das Internet: Offline bin ich nur, wenn ich schlafe

Alles ist vernetzt, überall gibt es Wlan. Werden unsere Kinder zu E-Zombies?, fragt der stern. Nur keine Sorge, sagt Julia Rieke. Wir Digital Natives können damit ganz gut umgehen.

In den nordkalifornischen Wäldern kann man eine digitale Entgiftung machen. Für vier Tage geben die Teilnehmer ihre technischen Geräte ab und werden eins mit der Natur. Einfach mal abschalten und den ganzen Stress hinter sich lassen, verspricht das Projekt (siehe aktueller stern). Klingt erstmal gut. Doch als jemand, der das Internet täglich und gerne nutzt, frage ich mich: Können wir unseren digitalen Alltag nicht mehr selbst steuern und müssen Pauschalurlaub in der Offline-Einöde machen?

Mit meinen 26 Jahren gehöre ich noch zu den sogenannten Digital Natives. Als ich zwölf war, holte mein Vater ein Modem ins Haus, und von da an verbrachte ich Tage und Nächte in Chaträumen und Internetforen. Mit 13 tauschte ich meine Armbanduhr gegen ein Handy, studierte später "irgendwas mit Medien" und arbeite jetzt beim stern als Social-Media-Redakteurin. Kurz gesagt: Ich habe nie gelernt, ohne das Internet zu leben. Meine Sozialisation wurde maßgeblich von Internetbekanntschaften beeinflusst, meinen Musik- und Filmgeschmack verdanke ich Online-Communities der frühen 2000er. Ich lese seit Jahren Blogs oder Tweets von Menschen, die ich noch nie gesehen habe und fühle mich mit ihnen trotzdem so verbunden, als würden wir uns persönlich kennen. Ohne das Internet wäre ich ein anderer Mensch. Das Internet ist Teil meiner Lebenswelt, in der ich nicht zwischen dem echten und dem virtuellen Leben unterscheide.

Das Internet ist wie die Luft zum Atmen

Wenn meine Eltern ins Internet gehen, drücken sie auf einen Knopf, geben eine Adresse ein und klicken sich durch ein paar Webseiten. Nach einer Stunde ist Schluss, und sie schalten den Laptop wieder aus. In meiner Generation gibt es diesen Knopf nicht. Das Internet ist immer da und so allgegenwärtig wie die Luft zum Atmen. Mein Tag beginnt damit, dass ich nach dem Aufwachen die Nachrichten auf meinem Smartphone lese, auf dem Weg zur Arbeit mit einem Streamingdienst Musik höre, in einer Online-Redaktion arbeite, meine Freundin mir per Kurznachrichtendienst die Einkaufsliste schickt und abends mit einem SmartTV die neuste Folge einer Serie schaue. Ohne Internet hätte ich während meines Auslandssemesters den Geburtstag meiner Mutter verpasst. Dank Skype konnte ich auf dem Tisch mitfeiern. Als ich letztes Jahr nicht wusste, wie lange man Spargel kochen muss, hat Google geholfen. Genauso wie an dem Tag, als ich mich mit dem Bus verfahren habe, und der Routenplaner mich wieder nach Hause gelotst hat. Offline bin ich nur, wenn ich schlafe.

Manchmal gehe ich zu spät ins Bett, weil ich noch ein Youtube-Video gucke. Letztens habe ich vergessen, meine Schwester anzurufen, weil ich so sehr in einen Artikel vertieft war. Und ja, manchmal denke ich sogar an das Internet, wenn ich nicht online bin. Bin ich deswegen internetsüchtig? Kann ich nicht mehr ohne die Verbindung in diesen unendlichen Kosmos leben? Nein. Ich liebe das Internet. Es ist ein unglaublicher Schatz an Kostbarkeiten, aber ich bekomme keine schwitzigen Hände, wenn die Facebook-App nicht lädt, und meine Augen fangen nicht an zu zucken, wenn die Internetverbindung ausfällt.

Selbsttest:

Bin ich internetsüchtig?

Ich bin kein internetsüchtiger Zombie

Glaubt man all den Schreckensmeldungen, die seit ein paar Jahren kursieren, befinden wir uns auf direkten Wege in die Hölle und werden alle Zombies, die vollkommen realitätsfern ihr gesamtes Leben über den Touchscreen steuern. Völliger Quatsch. Ich bin längst nicht immer erreichbar, nur weil ich immer online bin. Wenn ich abends nach Hause komme oder mich mit Freunden treffe, bleibt das Smartphone in der Tasche. Nicht, weil ich diese Regel aufgestellt habe, sondern weil ich es in diesen Momenten nicht brauche. Es ist eine bewusste Entscheidung, wenn ich die Facebook-App aufrufe oder den Klingelton des iPhones einschalte. Niemand zwingt mich dazu, nach der Arbeit noch E-Mails zu lesen oder auf dem Klo meinen Facebook-Status zu checken.

Ich benutze mein Smartphone, wenn ich es brauche. Es dient zur Kommunikation, zur Information und zur Unterhaltung. Wenn mir an der Bushaltestelle langweilig ist, spiele ich eine Runde Quizduell, meinen Freunden schicke ich zwischendurch Fotos, die Nachrichten lese ich in diversen Apps. Im Internet kaufe ich ein, mit der Smartphone-Kamera mache ich Fotos.

Ein Leben ohne digitale Neuerungen wird gerne als das "echte" Leben bezeichnet. Brauche ich für dieses Erlebnis wirklich ein Reiseunternehmen, das mir zeigt, wo an meinem Smartphone der Ausschaltknopf ist? Die Generation der Digital Natives weiß sehr wohl, wie sie mit all der neuen Technik umzugehen hat, ohne in den Sog dieser neuen bunten Welt zu geraten. Die digitale Welt bestimmt nicht mein Leben. Ich bestimme ganz allein, wie ich all die technischen Bereicherungen nutze und sinnvoll in meinen Alltag integriere. Was ich mir bisher leider noch nicht leisten kann, ist ein Kühlschrank, der automatisch erkennt, dass die Milch leer ist und mir per Online-Versandhandel neue bestellt. Aber: Ich freu mich schon darauf.

PS: Hier können Sie der Autorin auf Twitter folgen.

Mehr zum Thema im neuen stern

Lesen Sie im aktuellen stern die gesamte Geschichte über eine stern-Autorin, die gemeinsam mit 300 Start-up-Gründern und Internetmillionären aus dem Silicon Valley in ein Camp für digitale Entgiftung fährt.

Julia Rieke
Themen in diesem Artikel
Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.