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NEULICH IM NETZ: Xmas Xtreme: Last Exit Internet

Ich traf Norbert einmal pro Jahr. Immer am 24. Dezember, immer gegen 14 Uhr 30. Müde der Blick: »Ich brauch noch was für die Kids.« Beim letzten Treffen trug er eine Dreifachsteckdose unterm Arm.

Ich traf Norbert einmal pro Jahr. Immer am 24. Dezember, immer gegen 14 Uhr 30. Müde der Blick: »Ich brauch noch was für die Kids.« Beim letzten Treffen trug er eine Dreifachsteckdose unterm Arm.

Die EC-Karte blieb zurück

Für lange Gespräche war nie Zeit. Denn auch ich streunte aus gutem Grund durch die City. Trotz aller guten Vorsätze hatte ich es nämlich wieder einmal nicht geschafft, rechtzeitig für Geschenke zu sorgen. Und so rückte Weihnachten immer näher, bis schließlich der erste Advent vor der Tür stand. An einem Vorweihnachtssamstag einkaufen gehen. Niemals! Ich bin doch nicht irre. Einer von zigtausend Wahnsinnigen mit schweren Einkaufstüten, Orang-Utan-lang die Arme – und im letzten Laden die EC-Karte liegen gelassen mit dem Portemonnaie drum herum. Nein, mit mir nicht!

Man sollte sich schämen...

Sprach es und wurde doch im darauf folgenden Jahr wieder mit den Horden an den Regalen entlang geweht. Es gibt Tage, an denen sollte man sich schämen für all die nicht eingelösten Versprechen. Doch keine Zeit, denn jede Sekunde zählt beim Xmas Xtreme zwischen Shops und Galerien. Große Geschenke, kleine Geschenke, teuer, nicht ganz so teuer, eher günstig. Was zählt, ist doch zu aller erst das Schenken. Bloß nicht schon wieder Bildbände. Schon gar nicht CDs. Wer kauft eigentlich den ganzen Kuschelrock? Und überhaupt habe ich einen Durst wie ein Fisch.

Nicht, dass ich irgendetwas gegen Norbert hätte. Aber in diesem Jahr werde ich ihn wohl nicht treffen. Denn, lieber Leser, es ist spät am Abend und ich sitze vor meinem vollelektrischen Schreibgerät. Keine hektisch flackernde Weihnachtsbeleuchtung, sondern sanft gedimmtes Licht. In Reichweite ein ausgezeichneter Roter von der südlichen Rhône. Gleich gehe ich shoppen.

Langsam wird's was mit E-Commerce...

Keine schneenassen Schuhe. Kein Glühwein, lauwarm und viel zu süß. Kein tuberkulöses Geröchel. Keine Shopping-Faschisten, die ohne Gnade rempeln und stoßen und ihre viel zu großen Einkaufstüten durch die engste Gasse prügeln. Statt dessen: Himmlischer Friede. Ein Mausklick genügt, schon wird's warm ums Herz und weniger auf dem Konto. So langsam scheint es etwas zu werden mit dem E-Commerce – selbst in Teutonien, Land der ewigen Skeptiker, Besserwisser und Auto-bei-Regen-Wascher.

...nur bei Quam nicht

Bei Quam sollte man es derzeit allerdings nicht versuchen. Statt easy Shopping gibt es online zumeist einen »http 500«, vulgo: ein leeres Browserfenster. Mehr oder weniger Ruhe im Karton herrscht auch bei manchem alteingesessenen Kaufhaus, das rechtzeitig zum Fest offline ist. Gut nur, dass via Web die Läden der gesamten Republik zur Verfügung stehen. Wenn der eine geschlossen hat, schlendert man eben zum anderen. Und irgendwo wird man schließlich auch fündig. Frohe Weihnachten.

Thomas Hirschbiegel

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