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Web 2.0: Eine große Welle

Das Web 2.0 steht noch ganz am Anfang, glaubt Cisco-Chef John Chambers. Wenn Firmen lernen, MySpace-ähnliche Dienste zu nutzen, könne der zweite Internetboom größer werden als der erste.

Von Karsten Lemm

Das Internet steht nach Ansicht des Cisco-Chefs John Chambers vor einem neuen Boom, der stärker ausfallen und länger anhalten wird als der ursprüngliche, der 2001 mit dem Platzen der "Dot-com"-Blase ein jähes Ende fand. "Ich denke, wir befinden uns in der zweiten Phase des Internets", sagte Chambers im Gespräch mit internationalen Journalisten am Rande einer Konferenz in Anaheim bei Los Angeles. "Diese zweite Welle wird dramatisch viel größer werden als die erste, sowohl mit Blick auf den Datenverkehr als auch auf Produktivitätsgewinne."

Mit Hilfe von Videokonferenzen und Web 2.0-Diensten, die online die Zusammenarbeit fördern, könnten Unternehmen Millionen sparen und effektiver arbeiten, glaubt Chambers. Cisco ist mit einem Jahresumsatz von gut 28 Milliarden Dollar (21 Milliarden Euro) der weltgrößte Hersteller von Netzwerk-Produkten. Große Chancen für die Wirtschaft sieht der 57-jährige Vorstandsvorsitzende vor allem im Nutzen von sozialen Netzwerken nach dem Muster von MySpace, Facebook und anderen Diensten, die es erlauben, schnell und zwanglos miteinander zu kommunizieren. "Unsere Kinder haben das ganz richtig begriffen", so Chambers. "Die Macht der sozialen Netzwerke wird sich auch in Unternehmen gewaltig auswirken."

Effizientes Arbeiten dank Web 2.0

Er halte Produktivitätssteigerungen von zehn Prozent jährlich "über ein ganzes Jahrzehnt hinweg" für möglich, sagte Chambers. Sein Unternehmen selbst spare allein durch den Einsatz des eigenen Video-Konferenzsystems "Telepresence" mehr als 150 Millionen Dollar an Reisekosten pro Jahr. Die Geräte, die pro Konferenzzimmer bis zu 300.000 Dollar kosten, seien nicht billig, räumt der Firmenchef ein. "Aber in der Regel amortisieren sich diese Ausgaben in weniger als einem Jahr allein auf der Basis der Reisetickets."

Hinzu komme effizienteres Arbeiten, weil Mitarbeiter im Büro bleiben können, statt um die Welt zu fliegen. Das gelte auch für ihn, sagte Chambers: "Hier geht es nicht um etwas Theoretisches. Ich nutze es selbst, und Web 2.0-Technologien, wie etwa Telekonferenzen, erlauben es mir, eine ganze Reihe neuer Chancen wahrzunehmen." Gewiss sei das Schlagwort vom "Web 2.0" nicht mehr taufrisch, gab Chambers zu. "Aber nennen Sie mir ein Unternehmen, das Web 2.0-Technologien konsequent einsetzt, um seine Geschäftsabläufe zu optimieren - außer Cisco selbst."

Virtuelle Konferenzen bei Second Life

Konsequenterweise hat der Konzern einige Veranstaltungen seiner "Cisco Live"-Konferenz, die in dieser Woche in Anaheim stattfindet, ins Internet verlegt: Mitglieder des sozialen Netzwerks Second Life können am Donnerstagabend virtuell an der Konferenz teilnehmen, egal wo sie sich in der wirklichen Welt aufhalten.

Chambers hat für sein Unternehmen große Ziele. Der kalifornische Konzern, beheimatet im Silicon Valley, spezialisierte sich ursprünglich auf Technologie, die hinter den Kulissen agiert, und verkaufte vorwiegend Geräte, die den Datenverkehr im Internet steuern. Durch diverse Zukäufe, darunter den Router-Hersteller Linksys, drängt Cisco aber zunehmend in andere Märkte. "In der ersten Phase des Internets waren wir so etwas wie der Klempner", sagt Chambers. "Diesmal hoffen wir, eine deutlich größere Rolle zu spielen." Wenn alles gut gehe, solle Cisco "das führende Unternehmen nicht nur in der Telekommunikation, sondern in der gesamten Informationstechnologie-Branche" werden.

Vor sieben Jahren war es Cisco, am Börsenwert gemessen, schon einmal gelungen, am damaligen Spitzenreiter Microsoft vorbeizuziehen - doch dann riss der Dot-com-Kollaps die Aktie in die Tiefe, und das Unternehmen verlor 80 Prozent seines Werts. Eine Gefahr, dass sich Ähnliches wiederholen könnte, sehe er diesmal nicht, versicherte Chambers. Der aktuelle Boom stecke noch im frühen Anfangsstadium. "Wäre dies ein Baseball-Spiel, befänden wir uns im ersten von neun Innings", sagte der Cisco-Vorstandschef.