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Umstrittener Podcast-Star Seinetwegen flüchten Musiker und Nutzer von Spotify – aber wer ist Joe Rogan?

Joe Rogan
Sorgte nicht nur einmal für Diskussionen: Comedian, Moderator und Podcaster Joe Rogan (54).
© Carmen Mandato / AFP
Auf Wunsch der Musik-Legende Neil Young entfernt Spotify nach und nach sein Lebenswerk aus dem Katalog. Grund für diesen drastischen Schritt ist Joe Rogan, dem der Streaming-Anbieter 100 Millionen US-Dollar zahlte, um sich seinen Podcast exklusiv zu sichern. Stellt sich die Frage, was für eine Person Joe Rogan eigentlich ist.

Eigentlich seit Tesla-CEO Elon Musk bei ihm vor laufender Kamera einen Joint rauchte, spätestens aber seit dieser Woche, kommt man an diesem Mann nicht mehr vorbei: Joe Rogan. Für Aufregung sorgte der 54-jährige Comedian zuletzt, weil Rock-Urgestein Neil Young wegen Rogan erst mit dem Rückzug von der Streaming-Plattform drohte und später tatsächlich zum Äußersten griff. Der Grund: Spotifys Million-Dollar-Baby gerät aufgrund fragwürdiger Aussagen zu Corona-Impfungen und kontroversen Gästen in seiner Show zunehmend in die Kritik. Wer ist eigentlich Joe Rogan und warum redet er über Corona?

Joe Rogan wollte in jungen Jahren eigentlich Kickboxer werden. Doch Ende der Achtziger, damals war er Anfang 20, begann er eine Karriere als Comedian in New York. Aus Geldnot suchte er wenige Jahre später sein Glück in Los Angeles, wo er sich als Schauspieler und Moderator für verschiedene Shows und Filme verdingte. 1997 besann sich Rogan wieder auf sein Interesse für den Kampfsport und wurde erfolgreicher Kommentator und Interviewer beim Ultimate Fighting Championship, besser bekannt als UFC. 

Podcast-Pionier

Parallel lief es für Rogan auch als Comedian und Schauspieler deutlich besser. Er nahm Alben auf, trat in Serien wie "Fear Factor" auf und vernetzte sich in der amerikanischen Promi-Szene. 2009 startete Rogan schließlich mit zunächst wöchentlichen Podcasts. Schon damals gab es keine feste inhaltliche Ausrichtung – der Podcast bestand aus Gesprächen mit diversen Gästen zu einer Vielzahl verschiedener Themen. Im August 2010 bekam seine Sendung den Namen "The Joe Rogan Experience", den sie noch heute hat. 

Joe Rogan hatte offenbar schon früh ein Händchen dafür, seinen Podcast gewinnbringend zu vermarkten. 2010 gewann er den Sexspielzeughersteller Fleshlight als Sponsor, 2011 arbeitete er mit dem kostenpflichtigen US-Radio "SiriusXM" zusammen. Ab 2013 vergrößerte Rogan seine Reichweite deutlich, indem er Videos der Gespräche auf Youtube hochlud. Einzelne Episoden erreichten schon damals mehrere Millionen Menschen, was 2013 auf Youtube noch etwas Besonderes war. Dabei half Rogan, dass es ihm gelang, die Crème de la Crème der internationalen Prominenz vor das Mikrofon zu bekommen. Darunter Russell Brand, Kevin Hart, Jamie Foxx, Jay Leno, Metallica-Sänger James Hetfield und viele mehr.

100.000.000 US-Dollar

2020 sollte sich dieses illustre Netzwerk auszahlen: Die Streaming-Plattform Spotify gab Rogan einen Exklusivvertrag für seine Podcasts, alt wie neu. Das "Wall Street Journal" erfuhr, dass Rogan dafür unglaubliche 100 Millionen US-Dollar bekam. Spotify hatte sich damit den gesamten Katalog der vergangenen 11 Jahre und viele Millionen Klicks der treuen Rogan-Fans gesichert, überlies ihrem neuen Zugpferd allerdings schriftlich die gesamte kreative Leitung aller künftigen Episoden. Und genau das stellt sich nun immer wieder als Problem heraus, denn Joe Rogan vertritt durchaus kontroverse Standpunkte und scheint sich seiner Verantwortung gegenüber seiner gigantischen Gefolgschaft nicht immer bewusst zu sein.

Denn Rogan beschäftigt sich in seinen Beiträgen auch mit Themen, denen er nach Meinung von anerkannten Experten besser fernbleiben sollte. Bestes Beispiel: Corona. Im April 2021, nachdem die Welt schon seit mehr als einem Jahr mit der Pandemie zu kämpfen hatte und die Impfkampagne vielerorts endlich Fahrt aufnahm, sagte Rogan: "Wenn du eine gesunde Person bist und viel Sport treibst, du jung bist und dich gut ernährst...dann denke ich, musst du dir um die Impfung keinen Kopf machen." Er fügte hinzu, dass Covid-19 für Kinder ebenfalls keine Gefahr darstelle – seine Kinder hätten sich angesteckt und es sei nichts passiert. Für diese Aussagen wurde er öffentlich vom amerikanischen Virologen Dr. Anthony Fauci und anderen Ärzten kritisiert. Er entschuldigte sich, bezeichnete sich selbst als Trottel und beendete damit die Diskussion vorerst.

Wurmmittel und Schwurbellei

Im Oktober 2021 entfachte die Kritik allerdings wieder, nachdem Rogan in einem seiner Podcasts mit dem Mediziner Dr. Sanjay Gupta stritt. Zur Behandlung seiner eigenen Corona-Erkrankung hatte Rogan das Wurmmittel Ivermectin eingesetzt, bei dem das Robert-Koch-Institut vor einem "Risiko der schwerwiegenden Toxizität bei unkontrollierter Anwendung" warnt. 

Rogan warf Dr. Gupta und CNN vor, falsche Informationen über das Arzneimittel verbreitet zu haben und bezeichnete die Berichterstattung als Lüge. In den folgenden Monaten bediente sich Rogan der bekannten Klaviatur der Querdenker-Szene, lud mit Robert W. Malone einen überzeugten Corona-Maßnahmen-Gegner ein und gab gefährlichen Theorien damit eine riesige Bühne. 

Spotify ist es egal – war Rogan zu teuer?

Das hatte zur Folge, dass 270 Mediziner, Wissenschaftler und Ärzte einen offenen Brief an Spotify verfassten. In diesem Brief forderten sie die Betreiber der Streaming-Plattform auf, Inhalte mit Falschinformationen über das Corona-Virus zu entfernen. Bis heute ist Folge 1757 der "Joe Rogan Experience" ohne Warnung, ohne Kürzung und ohne Hinweis auf die Kritik der Experten frei verfügbar. Spotify bleibt damit seiner bisherigen Linie treu, auf Kritik kaum oder nicht zu reagieren. Ein ähnliches Verhalten zeigt die Plattform ebenso im Umgang mit offen rechtsradikaler Musik, die auch zwei Jahre nach entsprechenden Hinweisen noch immer verfügbar ist.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Musiker wie Neil Young kehren Spotify den Rücken und bei reddit verkünden Nutzer unter großem Zuspruch, dass sie ihr Abonnement beendet haben. Auf Twitter fragen sich Menschen indes gegenseitig, zu welchem Dienst man wechseln könne, sollte man zwar Musik hören, Spotify aber nicht mehr unterstützen wollen.

Bei Spotify gibt man sich trotz aller Kritik als verantwortungsvolle Plattform. Dem stern erklärte das Unternehmen auf Nachfrage zu Neil Young und Rogan: "Spotify möchte, dass alle Musik- und Audioinhalte der Welt für unsere Hörer*innen verfügbar sind. Das bringt eine große Verantwortung mit sich, wenn es darum geht, ein Gleichgewicht zwischen der Sicherheit der Hörer*innen und der Freiheit der Creator*innen herzustellen." Weiter heißt es: "Es gibt Richtlinien für Inhalte auf Spotify und seit Beginn der Pandemie hat Spotify über 20.000 Podcast-Episoden im Zusammenhang mit Covid-19 gelöscht. Wir bedauern Neils Entscheidung, seine Musik von Spotify zu entfernen, hoffen aber, ihn bald wieder begrüßen zu dürfen." Wie gesagt – Folge 1757 ist weiterhin online.

Sollte die Abwanderung zahlender Kunden nicht nur eine Kurzschlussreaktion sein, sondern das Verlassen der Plattform zur Grundsatzfrage mutieren, könnte Spotify selbiges bald auch über ehemalige Kunden sagen: "Wir hoffen, Sie bald wieder begrüßen zu dürfen."

Quellen: Wall Street Journal, Rollingstone, reddit, The Hill, Axios, Washington Examiner, RKI, SpotifyOpenLetter


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