Zukunft-Mails "Sie werden Post haben"


"Lebst Du noch?" "Trägst Du Frauenkleider?" Das sind Mail-Nachrichten, die einige Menschen in der Zukunft erhalten werden. Absender: sie selbst.

Am 25. April 2009 wird ein Mann namens Greg eine E-Mail bekommen. Darin wird er daran erinnert, dass er sich selbst der beste Freund, aber auch der schlimmste Feind ist, dass er sich mit einer Frau namens Michelle getroffen hat und dass er einen Abschluss als Computerwissenschaftler machen wollte. "Aber noch wichtiger", wird es in der E-Mail heißen, "trägst du Frauenkleider?"

Die E-Mail stammt von niemand anderem als Greg selbst. Er hat sie sich über einen Online-Dienst geschickt, der FutureMe.org heißt. Web-Sites wie diese bieten Menschen die Möglichkeit, sich selbst und anderen in einigen Jahren eine E-Mail zu schicken.

Wunschtraum der Menschheit geht in Erfüllung

Diese Angebote spielen mit dem Wunsch der Menschen nach etwas Ungewöhnlichem. "Nachrichten in die Zukunft sind etwas, wovon Menschen schon immer geträumt haben", sagt Paul Saffo, Direktor des Zukunftsinstituts. "In gewisser Weise ist es ein Zeichen für Optimismus." Das Idee für FutureMe entwickelte Matt Sly vor vier Jahren. Er erinnerte sich dabei an seine Ausbildung, in der er Briefe an sich selbst schreiben sollte. Zusammen mit Jay Patrikios entwickelte Sly dann das Konzept für FutureMe. Er betont, es handelte sich nicht um einen Erinnerungsdienst. "Wir wollen, dass die Menschen längerfristig über ihre Zukunft nachdenken, über ihre Träume, Hoffnungen, aber auch Befürchtungen", sagt Sly. "Wir wollen sie zu existenziellem Nachdenken anregen." FutureMe akzeptiert Sendetermine für E-Mails bis zu 30 Jahre in der Zukunft. Genutzt wird dies bislang aber nur von wenigen. Die meisten Nutzer haben Termine in den nächsten drei Jahren festgelegt.

Meist gehe es in den Nachrichten um zwei Dinge, sagt Sly: Der Person in der Zukunft wird erklärt, was die gegenwärtige Person gerade macht, und die Person in der Zukunft wird daran erinnert, was sie erreichen wollte. Der Ton sei dabei keineswegs immer freundlich, erklärt Sly. "Oft ist es so etwas wie: 'Heb' endlich deinen faulen Hintern'."

Mehr als 140.000 Zuschriften in sechs Wochen

Die Idee hat inzwischen auch Unternehmen wie Forbes erfasst. Zusammen mit Yahoo und Codefix Consulting startete Forbes.com einen Aufruf für eine "E-Mail-Zeitkapsel". Mehr als 140.000 Zuschriften gingen in sechs Wochen ein. Mehr als 20 Prozent der Briefe sollen erst in 20 Jahren in der Inbox des Empfängers landen. "Das Projekt hat bei vielen Leuten einen Nerv getroffen", sagt David Ewalt, Journalist bei Forbes.com. "Man hält einen Moment inne und denkt über sein Leben nach." Und der Historiker Paul Hudson, Mitgründer der Internationalen Zeitkapsel-Gesellschaft, erklärt, über solche Zeitkapseln definiere sich auch der Mensch in der Gegenwart. "Es ist eine gute Übung in Selbstbeobachtung."

Aber manchmal sei es besser, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, sagt Saffo, der diese Projekte eher "traurig und bizarr" findet. Man müsse dabei sehr vorsichtig sein, wenn man in Zukunft nicht eine große Enttäuschung erleben wolle, mahnt er. "Wollen sie wirklich daran erinnert werden, dass sie Abba einmal toll fanden?" Eine Garantie, dass die E-Mail in die Zukunft auch ankommt, gibt es aber nicht. Von technischen Neuerungen und möglichen Firmenpleiten auf Seiten der Betreiber dieser Dienste einmal abgesehen, müsste auch immer noch die E-Mail-Adresse die gleiche sein wie heute. Etliche Menschen geben diesen Angeboten trotzdem eine Chance. Manche machen sogar ihre Gedanken - wenn auch nicht ihre Namen - öffentlich. Und so heißt es da vorsichtig optimistisch: "Ich hoffe, du lebst noch.

Nahal Toosi/AP AP

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