VG-Wort Pixel

Zum Tod von Eduard Chil Goodbye, Mr. Trololo!


Eduard Anatoljewitsch Chil ist tot. Mr. Trololo starb im Alter von 77 Jahren nach einem Gehirnschlag. Jens Wiesner verneigt sich vor dem russischen Sonnenschein.

Das erste Mal begegnete ich dem Trololo-Mann vor drei Jahren. Der Tag war kein schöner gewesen, ich saß bei einem gemütlichen Feierabendbierchen in meiner Wohnung und klickte lustlos durch die neusten Facebook-Nachrichten. Und plötzlich, zwischen all den Aufmerksamkeit erheischenden Farmville-Anfragen und "Geh jetzt ins Bett"-Updates meiner Freunde, war da dieses Grinsen.

Ich klicke nur selten auf Dinge, die über den Facebook-Ticker geschickt werden, aber dieses Technicolor-Gesicht übte eine seltsame Faszination aus. Ein Mausklick später flanierte dieser Herr im braunen Zweireiher durch eine mattgelbe Kulissenlandschaft. Gescheitelte Frisur, stechender Blick, ein Lächeln wie festgetackert im Gesicht. Und dann öffnete er seine Lippen...

Knappe drei Minuten und gefühlte hundertsechzigtausend Trolololos später, liefen Lachtränen über meine Wangen. Wirklich erklären konnte ich mir nicht, warum ich diesen Mann, den Youtube nur als "Mr. Trololo" präsentierte, lustig fand. Es muss wohl die Absurdität der Gesamtkomposition gewesen sein. Meine Neugierde war jedenfalls geweckt: War der Clip ein Fake, geschickt auf alt getrimmt? Oder hatte jemand dem Sänger das charakteristische "Trololo" nur in den Mund gelegt?

"Trololo" als Staatskritik

Freund Wikipedia informierte mich, dass es sich bei dem Video tatsächlich um eine Originalaufnahme handelte. Und dass "Mr. Trololo" in Wirklichkeit Eduard Anatoljewitsch Chil hieß und in der Sowjetunion als Starbariton gefeiert wurde. Der hatte eigentlich das Lied "Ich bin sehr froh, denn ich komme endlich nach Hause zurück" singen wollen, scheiterte aber an den strengen Zensurbedingungen seiner Heimat. Denn das Lied handelte von einem Cowboy - und der galt damals als Inbegriff des imperialistischen Feindes Amerika. "Ich meine, eigentlich war [der Text] gut, aber man konnte ihn zur damaligen Zeit nicht veröffentlichen", erklärte der Sänger 2010 in einem Interview mit dem russischen Magazin "Life News". "Also entschlossen wir, Arkady Ostrovksy und ich, uns dazu, eine Lautversion zu machen. Der Kern der Geschichte verblieb im Titel."

Respekt! Was ich für dadaistischen Unsinn gehalten hatte, eine Parodie auf die Inhaltsleere schmissiger Volksmusikschlager, entpuppte sich plötzlich als pfiffige Form des Zensurprotests. "Mr. Trololo" - kein Strahlemann für's Sowjetreich, sondern ein richtig subversives Element. Später, als Eduard Chil längst von seiner neuen Popularität in der Netzgemeinde erfahren hatte, stellte er selbst eine Antwort ins Netz - und bat darum, seinem vokalisierten Lied von damals endlich einen richtigen Text zu verpassen.

Am Montag hat das russische Staatsfernsehen nun den Tod von Eduard Chil vermeldet. Der 77-Jährige hatte im April einen Gehirnschlag erlitten und sich nicht mehr davon erholt. Nach längerer Abstinenz habe ich mir noch einmal sein Video im Netz angeschaut. Und musste wieder schmunzeln. Eduard Chil mag von uns gegangen sein, Herr Trololo wird ewig leben.

Jens Wiesner

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker