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Das iPhone 4 im Praxistest: So schlägt sich das neue Apple-Handy

Die vierte Generation des beliebtesten Smartphones der Welt steht in den Regalen. Was kann das iPhone 4? Was hat Apple verbessert? Welche Macken hat es? Ein Praxistest.

Von Felix Disselhoff

Einmal angeschaltet, sticht mir die größte Neuerung der vierten Generation des iPhones im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge: der neue Bildschirm, von Apple "Retina-Display" genannt. Der hat eine viermal so hohe Auflösung wie seine Vorgänger, ganze 960 x 640 Pixel bei gleicher Größe. Das Ergebnis ist ein gestochen scharfes und brillantes Bild. Die Schrift wirkt wie gedruckt und nicht wie aus Pixeln zusammengesetzt. Halte ich den Vorgänger 3GS daneben, wird der Unterschied noch deutlicher. Das Schwarz ist dunkler und die Kontraste stärker. Das Lesen macht darauf so viel Spaß, dass ich spontan Stieg Larssons Krimi "Verdammnis" bei iBooks gekauft und gleich am ersten Wochenende fast durchgelesen habe. Ein hässlicher Nebeneffekt der neuen Schärfe: Apps und Icons, die noch nicht von ihren Entwicklern für diese Auflösung upgedatet wurden, sehen ziemlich verwaschen und pixelig aus.

Wer sein iPhone nutzt, der putzt

Bei einigen Baureihen scheint Apple ein wenig geschlampt zu haben. So berichten User von gelben Flecken und Streifenbildung auf dem Display. Mein Test-iPhone zeigte keine dieser Fehler an. Dennoch: Apple räumte bereits Fehler bei der Produktion ein. Der Konzern geht sehr kulant mit der Mängelware um und tauschte die Geräte in den USA ohne Beanstandungen gegen neue Modelle aus.

Zweiter großer Unterschied zum ein Jahr alten Vorgängermodell 3GS: Das iPhone 4 ist von beiden Seiten mit Glas umschlossen. Laut Hersteller ist das Glas chemisch so behandelt worden, dass es "extrem strapazierfähig" und härter als Plastik sei. In der Praxis allerdings scheinen Kratzer bei leichter Beanspruchung keine Seltenheit zu sein. Mehrere User berichten außerdem von völlig zersplitterten Oberflächen, nachdem das Smartphone aus der Hosentasche gerutscht sei. Einen weiterer Nachteil der Glasoptik: Schon nach zwei Minuten war mein Smartphone übersät mit Fingerabdrücken. Und das trotz versprochener "fettabweisender Beschichtung".

Empfangsprobleme durch Stahlrahmen

Bugs hin oder her. Apple hat das beliebteste Smartphone der Welt runderneuert. Und in der neuesten Version auch gleich ein paar Millimeter eingespart. In der Hosentasche nimmt das iPhone 4 spürbar weniger Platz weg. Mit einem Gewicht von 137 Gramm ist es aber ein wenig schwerer als das 3GS. Die paar Gramm mehr auf den Hüften stehen dem Smartphone aber nicht schlecht. Es liegt gut und fest in der Hand, das Glas verleiht ihm einen hochwertigen Look. Endlich ist es nicht nur teuer, sondern sieht auch so aus. Neben der Glashülle ist der Rahmen aus rostfreiem Edelstahl das auffälligste Designmerkmal. Mit ihm verliert das iPhone seine typische Wölbung und liegt mittlerweile flach auf dem Tisch auf.

Der Edelstahlring funktioniert einerseits als Chassis, das die eingebauten Komponenten zusammenhält, andererseits sind die Antennen für das reine Telefonieren sowie die Datenverbindung über UMTS und Wlan direkt integriert. Abgesehen vom schlankeren Design sollte sich dadurch der Empfang verbessern. Doch der Metallring hat den gegenteiligen Effekt. Der Gadgetblog Gizmodo hat mehrere Dutzend Videos zusammengetragen, in denen User ihrem iPhone mit dem sogenannten "Death Grip" (dt.: Todesgriff) den Garaus gemacht haben. Das Problem: Hält man das iPhone 4 in seiner linken Hand, mit drei Fingern an der rechten Seite und Handballen und Daumen an der linken Seite, beispielsweise beim Surfen oder Schreiben von SMS, so verschlechtert sich der Empfang zusehends oder bricht völlig weg.

Tatsächlich: Bei einem rein unwissenschaftlichen Test in der Hamburger Innenstadt verlor mein Testgerät nach wenigen Sekunden vier von fünf Balken. Kaum wechselte ich die Position der Finger, hatte ich wieder vollen Empfang.

Dabei hat der Bug eine rein physikalische Ursache. Durch den direkten Hautkontakt verringert sich die Leitfähigkeit des Metalls. Jeder kennt den Effekt, wenn man die Antenne des Küchenradios berührt und aus den Lautsprechern plötzlich nur noch Rauschen ertönt. Apple-Boss Steve Jobs reagierte in gewohnt knackiger Art: "Es ist ein Problem. Aber halt es einfach nicht in dieser Position" antwortete er auf die Mail eines enttäuschten Users.

Besserer Akku, bessere Kamera

Merklich verbessert hat der Konzern aus Cupertino die Laufleistung des iPhone-Akkus. Der war bisher die größte Schwachstelle des Smartphones. Bei starker Nutzung reichte eine Akkuladung gerade mal für einen Tag. Laut Herstellerangaben liegt die Sprechdauer jetzt bei eingeschaltetem UMTS (3G) bei bis zu sieben Stunden und angeblich sogar 14 Stunden, wenn 3G deaktiviert ist. Umgerechnet wären das sechs bis zehn Stunden Surfen oder 40 Stunden Musikhören. In meinem Fall hielt der Akku, nachdem er Freitagmorgen aufgeladen wurde, bis Sonntagmittag. Und dass, obwohl ich mit dem Gerät ausgiebig Videos gedreht, Fotos geschossen, gespielt, gesurft und telefoniert habe.

Wirklich längst überfällig war das Update der Kamera. Die schießt jetzt Fotos mit fünf Megapixeln. Im Dunkeln hellt ein LED-Blitz das Motiv auf. Für Schnellschüsse im Nachtclub reicht der allemal, seine Reichweite ist aber begrenzt. Im direkten Vergleich zum Vorgänger 3GS ist die Verbesserung der Bildqualität immens. Bei Sonnenlicht ist das Bild scharf und die Farben knackig, im Dunkeln schaltet sich der Blitz automatisch ein. Allerdings stimmt die Sättigung dann nicht mehr so wirklich. Bei einigen meiner Schnappschüsse sahen eigentlich hellhäutige Menschen aus, als kämen Sie gerade von der Sonnenbank.

Videos nimmt das neue iPhone in High Definition mit 1280 x 720 Pixeln und bis zu 30 Bildern pro Sekunde auf. Das sorgt in der Praxis für ein absolut flüssiges Bild. Schwenkt man von hellen in dunkle Bereiche, passt sich Automatik zügig an. So bleibt das Motiv immer gut beleuchtet und scharf. Die größere Auflösung sorgt aber für Platzprobleme: Ein paar Minuten Film belegen so schnell mehrere hundert Megabyte Speicher. Hier wäre eine Speichererweiterung per SD-Karte wünschenswert.

Videochat FaceTime vorerst nur im Wlan

Sehr praktisch ist die Möglichkeit, die eigenen Clips direkt auf dem Gerät mit der kürzlich erschienenen iMovie-App zurechtschneiden. Ohne lange Einarbeitungszeit konnte ich so Effekte einfügen und den fertigen Film an Freunde mailen. Die Software gibt es allerdings nicht kostenlos, ich musste dafür im Appstore dafür 3,99 Euro bezahlen.

Zusätzlich zur Kamera auf der Rückseite hat Apple noch eine weitere auf der Vorderseite über dem Bildschirm eingebaut. Die filmt "nur" in VGA-Qualität mit 640x480 Pixeln und ist in erster Linie für Apples neue Videochat-Funktion FaceTime gedacht. Diese lässt sich entweder während eines Telefonats anschalten oder aber man startet direkt einen FaceTime-Anruf. Bei einem ersten Schnelltest machte FaceTime einen guten Eindruck. Das Bild war flüssig, die Farben natürlich, der Klang sogar noch besser als über das normale Handynetz. Was der größeren Bandbreite geschuldet ist. Wer jetzt aber davon träumt, seine Arbeitskollegen mit einem Videocall aus der Karibik neidisch zu machen, dürfte enttäuscht werden. Denn FaceTime funktioniert vorerst nur über ein Wlan und derzeit nur zwischen den neuen iPhones.

Ein Filter für die Vuvuzela

Natürlich kann man mit einem Smartphone auch telefonieren. Und dafür hat Apple dem iPhone ein zusätzliches Mikro mit Nebengeräuschfilter verpasst. Das ist nur als winziger Punkt neben dem Kopfhöreranschluss erkennbar. Der Filter leistete bei einem Testanruf aus einer gut besuchten Bar im Hamburger Szeneviertel Schanze gute Arbeit. Mit dem neuen iPhone konnte die Person am anderen Ende der Leitung mich besser verstehen als unter gleichen Bedinungen mit dem 3GS. Anscheinend will Apple auch weiterhin im mobilen Gaming-Segment ordentlich mitmischen und hat dem Phone 4 ein Gyroskop eingebaut. Die Technik kommt eigentlich in Helikoptern zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einen Kreiselsensor mit drei Achsen, der vor allem als Bewegungssteuerung bei Spielen eingesetzt werden soll. Damit will sich Apple gegen die großen Hersteller von mobilen Spielkonsolen wie Sony und Nintendo positionieren. Bei mir hat es funktioniert. Mein aktuelles Lieblingsspiel ist der Klassiker Worms. Da macht es mit dem noch berührungsempfindlicheren Display noch mehr Spaß, seine Gegner ins Nirvana zu torpedieren.

Zusammengenommen hat Apple mit dem iPhone 4 einen ordentlich Schritt nach vorne getan und dem Smartphone die überfälligen Updates verpasst. Mit dem stärkeren Akku, einem schnelleren Prozessor, einer guten Kamera für Fotos und Videos und den rund 240.000 Apps im Gepäck hat es Apple-Boss Steve Jobs wieder einmal geschafft. Er hat ein Produkt, dass mich eigentlich nicht mehr begeistert hat, runderneuert. Das "alte" iPhone hatte langsam seinen Charrme verloren, war mittlerweile Standard, gehörte irgendwie dazu. Wie ein Bausparvertrag. Es ist schön ihn zu haben, drüber reden muss man aber nicht. Das neue iPhone bricht mit den alten Formen, sieht edler aus und ist ein kleiner Quantensprung mit Blick auf seine Vorgänger. Einen Fehler hat Jobs dabei allerdings gemacht: Das iPhone 4 ist solch ein gutes Komplettpaket, dass ich nach einem Tag mit ihm die Bestellung für das sehnsüchtig erwartete iPad storniert habe. Dafür hab ich mein Bücherregal jetzt immer in der Hosentasche.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Alles zu iPhone, iPad und iPod im Apple-Dossier"