HOME

Erster Eindruck: Blecherne Gespräche mit dem iPhone

Das lang ersehnte iPhone von Apple steht in den USA in den Läden und - nervt mit vielen Mängeln. Immerhin dürfen Europäer hoffen, dass solche Kinderkrankheiten behoben werden, ehe das vielseitige Gerät Ende des Jahres hierzulande an den Start geht.

Von Nikolas Klein

Damit sich das Gerät mit dem PC verständigen kann, um Adressen, Musik, Videos und Bilder auszutauschen, benötigt es die neue Version der Apple-Software "iTunes". Die ist zwar kostenlos, muss aber erst aus dem Internet geladen und installiert werden. Macintosh-Nutzern steht obendrein die zeitraubende Prozedur bevor, das Betriebssystem ihres Rechners auf den neuesten Stand zu bringen. Erst dann lässt sich das schon vor dem Verkaufsstart am Freitag umjubelte, ungeduldig erwartete Mobilfunkgerät in Betrieb nehmen.

Das geschieht mit einem Druck auf den einzigen Knopf, den es auf der Vorderseite des Geräts gibt. Er dient zum Aufwecken des iPhones und Aufrufen des Hauptmenüs: Es genügt dann, Symbole leicht anzutippen, um das E-Mail-Programm aufzurufen, eine SMS zu schreiben oder das iPhone in einen iPod zu verwandeln - alles mit dem Finger. Andere Hersteller mögen bei ihren "Smart Phones" auf Plastikstifte setzen, damit vergleichsweise klobige Menschenhände auf den winzigen Bildschirmen winzige Grafiken anklicken können; Apple vertraut stattdessen auf die Macht

Das Wörterbuch nervt

Ein neues System namens "Multi-Touch" soll Fingertippen treffsicher genug machen, um schnell und schmerzlos Nachrichten zu verfassen. Das funktioniert nach kurzer Eingewöhnung auch recht gut - flinke Daumen dürften allerdings bei SMS auf herkömmlichen Telefontasten schneller sein, und für alle, die nicht nur auf Englisch schreiben, sind die Vorschläge des eingebauten Wörterbuchs, das dem iPhone zur Ergänzung und Kontrolle dient, eher lästig als hilfreich. Sie müssen ständig weggeklickt werden; andernfalls macht die Software etwa aus "ich" die Abkürzung "ICU" oder aus "siehe" das englische Wort "siege" (Belagerung).

Mit internationalem Verständnis hat es das Apple-Handy ohnehin nicht so, obwohl es als "Quadband"-Telefon auf vier Frequenzen funken kann und somit das Zeug zum Globetrotter hat. Doch die Tastatur, die auf dem Bildschirm eingeblendet wird, kennt keine internationalen Sonderzeichen, und auch Apples Partner AT&T kann wenig mit ihnen anfangen. Von deutschen "Grüßen" bleibt beim Empfänger in den USA nur Buchstabensalat übrig. Das iPhone in Amerika zu kaufen, um es in Deutschland einzusetzen, scheitert schon daran, dass die Aktivierung einen Service-Vertrag mit AT&T verlangt.

Das Laden von Webseiten strapaziert die Geduld

Alle iPhone-Verträge bieten unbegrenztes Surfen auf den Wellen des mobilen AT&T-Datennetzes für einen Aufschlag von 20 $ im Monat - das ist billiger als bei Konkurrenten wie Verizon und Sprint, allerdings strapazieren viele Webseiten beim Laden die Geduld, weil das AT&T-Netz recht behäbig arbeitet. Schneller geht es mit dem eingebauten drahtlosen Internetzugang mittels WLan. Theoretisch soll das iPhone nahtlos zwischen WLAN-Hotspots und AT&T-Netz hin und her wechseln. In der Praxis kann es vorkommen, dass das iPhone Probleme mit WLan-Anschlüssen nicht meldet und stillschweigend ausschließlich das AT&T-Netz nutzt.

Die große Stärke des iPhones ist seine Vielseitigkeit: Im einen Augenblick spielt es als Taschenkino oder MP3-Player Alleinunterhalter, im nächsten dient es als mobiles Büro. E-Mails lassen sich schnell und bequem verfassen und über diverse Anbieter verschicken, darunter Yahoo und Google. Auch angehängte PDF-Dateien werden angezeigt. Word- und Excel-Dateien sollten sich ebenfalls lesen (aber nicht bearbeiten) lassen - auch das klappt in der Praxis nicht immer. Der Safari-Browser funktioniert weit besser als bei ähnlichen Mobilgeräten gewohnt, weil er die Seiten exakt so anzeigen kann wie auf dem PC.

Tonqualität bleibt weiter unter Durchschnitt

Was fehlt, ist eine Unterstützung für die weit verbreiteten Flash-Animationen. Stattdessen bietet das iPhone YouTube-Videos und einen überaus praktischen digitalen Pfadfinder in Form von Google Maps: Selbst auf dem eher trägen AT&T-Netz findet die Software schnell Adressen, Geschäfte in der Nähe und Wegbeschreibungen zu anderen Orten. Unpraktisch dagegen, dass Kontakte im Adressbuch nur nach Vornamen sortiert werden und nicht nach Firmen, Titel oder Position durchsucht werden können. Ohnehin patzt das iPhone ausgerechnet bei der Funktion, der es seinen Namen verdankt: Die Tonqualität bleibt weit unter Durchschnitt; Gespräche klingen blechern und sind bei Umgebungslärm selbst mit voller Lautstärke schwer zu verstehen. Sprachnachrichten erinnern an schlechte Skype-Telefonate. Immerhin dürfen Europäer hoffen, dass solche Kinderkrankheiten behoben werden, ehe das iPhone Ende des Jahres hierzulande an den Start geht - Warten kann auch Vorteile haben.

Über genaue Verkaufszahlen schwiegen sich die Firmen zunächst aus, doch vielerorts war das Gerät, das mit einem Zweijahresvertrag mindestens 500 $ kostet, binnen Stunden ausverkauft. Die nächsten Wochen müssen zeigen, ob die Nachfrage anhält und iPod-Erfinder Apple einen zweiten Hit geschafft hat. Das Unternehmen peilt bis Ende 2008 zehn Millionen verkaufte iPhones an.

FTD
Themen in diesem Artikel