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Klingeltöne: Mit Goethe gegen den Crazy Frog

Handybesitzer jenseits der Pubertät haben dem Klingeltonwahn wenig entgegenzusetzen. Mithilfe des Staatstheaters Darmstadt kann die Hochkultur nun zurückschlagen. Dabei sind die Theaterzitate fürs Handy nur ein Zufallsprodukt.

Von Ralf Sander

Aus der Tasche der Tochter grölt der Crazy Frog "We Are the Champions". Der Sohn träumt davon, mit dem Song "Hips Don't Lie" als Anrufsignal seiner Traumfrau Shakira möglichst nah zu kommen. Und das Nesthäkchen hat zwar noch gar kein eigenes Handy, liebt aber die Werbung für das Klingellied von "Knuddel dem Welpen". Text: "La la la"... Harte Zeiten für Eltern, erwachsene Geschwister und U-Bahn-Fahrer. "Meine Ruh' ist hin", mag da manch Belesener im Geiste seufzen. Oder das eigene Telefon mit diesem Zitat aus Goethes "Faust" fit machen für den Klingelton-Kulturkampf mit der nachrückenden Generation.

Entstehungsgeschichte mit Umwegen

Das Staatstheater Darmstadt stellt auf seiner Website die entsprechenden Waffen bereit: Neun Zitate, gesprochen von Schauspielern des Ensembles. Fünfmal aus "Faust", dazu "Sein oder nicht sein" aus Shakespeares "Hamlet", zwei Klassiker aus "Romeo und Julia" sowie ein Schillerzitat. Der Star unter den theatralischen Tönen kommt allerdings ohne Worte aus: "Der Applaus des Publikums wird mit Abstand am häufigsten heruntergeladen", erzählt Philipp Contag-Lada im Gespräch mit stern.de. Warum? Weil sich viele Menschen gerne bejubeln lassen? "Ich vermute eher, weil dieses Geräusch in der vollen Bahn nicht so stört", sagt der Marketing-Mann des Theaters, der sich das Angebot ausgedacht hat. Dabei war Contag-Ladas Idee ursprünglich eine ganz andere: "Eigentlich wollten wir potenziellen Besuchern kleine Videoausschnitte der einzelnen Inszenierungen aufs Handy schicken, damit sie einschätzen können, ob das Stück das richtige für sie ist". Überraschend hohe Kosten aufgrund von Urheberrechten, die die Verlage an den Theaterstücken halten, verhinderten bisher eine Umsetzung dieser Idee. Aber: "Während wir mit einer Agentur über die technische Umsetzung sprachen, tauchte plötzlich die Idee mit den Klingeltönen auf. Sozusagen als Abfallprodukt", berichtet Contag-Lada.

Ignoriert von der Jugend

Angesichts der ungeheuren Umsätze der Klingeltonbranche stellt sich die Frage, ob sich das Staatstheater seinen chronisch leeren Säckel auf diesem Wege etwas auffüllen möchte. Der Marketing-Mann wiegelt ab. "Wir wollen nur Interesse für Theater wecken. Von den 99 Cent, die ein Klingelton bei uns kostet, landen weniger als 40 Cent bei uns. Um überhaupt die Kosten zu decken, bräuchten wir schätzungsweise 6000 Downloads." Mit derzeit rund zehn Abrufen pro Tag ist dieses Ziel noch in weiter Ferne. Zumal die kaufkräftigen Klingeltonfetischisten im Schüleralter nicht wirklich Goethe auf dem Handy haben wollen. Contag-Lada: "Wir haben Schulklassen befragt, die stehen nicht so auf unsere Klingeltöne. Das liegt daran, dass es in diesem Alter als peinlich gilt, Theater gut zu finden."

Es seien eher die Über-30-Jährigen, die das Angebot "kultig" fänden. Sie wissen es halt zu schätzen, wenn während eines ins Stocken geratenen Partygesprächs das Mobiltelefon erlösend ruft: "Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen. Indes Ihr Komplimente drechselt, kann auch Nützliches geschehen." ("Faust").

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