HOME

Teenager-Vertreibungsmaschine: Bei Ihnen piept's wohl

Am niedersächsischen Alfsee steht eine der ersten Teenager-Vertreibungsmaschinen Deutschlands. Ein hoher Pfeifton, den nur Jugendliche hören, soll sie nachts vom Herumlungern am Strand abhalten.

Von Maximilian Geyer

Es ist ruhig geworden am Alfsee, etwa 30 Kilometer nördlich von Osnabrück. Der Wasserskilift steht still, die letzten Badegäste machen sich in der Dämmerung auf den Weg in Richtung Campingplatz. Unter ihnen eine dreiköpfige Familie. Vater und Mutter bleiben kurz stehen, schauen verträumt auf das friedliche Gewässer und genießen die Ruhe. Nur der Sohn, keine zwölf Jahre alt, hält sich die Ohren zu und verzerrt das Gesicht. "Hier piept’s", sagt der Kleine. Die Eltern lauschen angestrengt - und hören nichts. "Unsinn, das bildest du dir ein", sagt die Mutter.

Doch der Nachwuchs leidet nicht an Einbildung. Er leidet darunter, dass sein Gehör besser funktioniert als das seiner Eltern. Und dass der Betreiber der Wasserskianlage ein "System zum Zerstreuen von Ansammlungen Jugendlicher" installiert hat. Diese Teenager-Vertreibungsmaschine sendet sehr hohe Piepstöne aus. Die Fähigkeit, diese hohen Frequenzen zu hören, verliert jeder Mensch mit dem Alter - ab etwa 25 Jahren ist Schluss. Jüngere dagegen halten es an der Anlage keine fünf Minuten aus. "Es ist aber nicht gesundheitsschädigend, das haben wir uns versichern lassen", erklärt Axel Torbecke. Der 40-Jährige betreibt die Wasserkianlage mit angeschlossenem Badestrand samt Kiosk am Alfsee. Die ist nur tagsüber geöffnet - aber nachts kamen ungebetene Gäste. "Wir hatten hier jeden Morgen zerbrochene Bierflaschen am Strand, dazu Beschwerden über den Lärm - das ist auf Dauer existenzgefährdend", sagt der Unternehmer, der in seiner Dreiviertelhose und dem lässigen Surfershirt gar nicht wie ein Vertreter der Law-and-Order-Fraktion aussieht.

"Mosquito"- der Teenagerschreck

Also wandte er sich an die Firma Compro im nahe gelegenen Vechta. Sie verkauft den Teenagerschreck unter dem passenden Namen "Mosquito". Die kleine Kiste sieht aus wie ein Außenlautsprecher und lässt sich überall unauffällig anbringen. Eingeschaltet sendet sie einen sehr lauten Ton mit wechselnden Frequenzen zwischen 16 und 18 Kilohertz aus - und sorgt so dafür, dass sich im Umkreis von 20 Metern kein Jugendlicher wohlfühlt. 850 Euro hat Axel Torbecke für das Gerät bezahlt. Die Investition hat sich gelohnt, sagt er. Nachts, wenn das Gerät eingeschaltet ist, meidet die Jugend jetzt die Anlage. "Das rentiert sich schon allein deshalb, weil ich dadurch weniger Wachpersonal brauche", sagt Torbecke. Und noch einen positiven Nebeneffekt hat das penetrante Piepsen für den Unternehmer: Statt nächtens mitgebrachtes Bier am See zu konsumieren, trinken und feiern viele Jugendliche jetzt in den Räumen der nahen Disco, die Torbecke ebenfalls gehört. "Mosquito" stammt aus Großbritannien, wo die Anlage tausendfach piepst: Nachts vor Schulen, an Bahnhöfen, in Polizeiautos, mit denen Ansammlungen von Jugendlichen aufgelöst werden sollen - und sogar rund um die Uhr in den Vorgärten kinderfeindlicher Privatleute.

In Deutschland sind noch sehr viel weniger "Mosquitos" im Einsatz, doch das Interesse wächst. "Ein Bekannter, der bei der Gemeinde arbeitet, hat mich auf das Gerät angesprochen. Die wollen das jetzt an Bushaltestellen mal ausprobieren, wo Jugendliche nachts ihre Trinkgelage veranstalten, wenn längst kein Bus mehr fährt", sagt Torbecke. Doch nicht jeder findet diese radikale Form der Jugendarbeit akzeptabel. Zwar hat man sich im "Mosquito"-Mutterland Großbritannien offenbar darauf geeinigt, dass "Sicherheit und Ordnung" höhere Werte sind als die Freiheit der Jugendlichen, überall "abhängen" zu dürfen. In der Schweiz dagegen ist die Diskussion über die dort sehr erfolgreiche Anlage in vollem Gang. Politiker fordern bereits, die Apparate zum Schweigen zu bringen. "Die Beschallung ist eine Form von Gewalt. Wir müssen mit der Jugend den Dialog suchen, statt sie gewalttätig zu vertreiben", schreibt etwa die sozialdemokratische Abgeordnete Susanne Leutenegger Oberholzer in einem Zeitungskommentar. Um solche Grundsatzdebatten drückt sich Wasserskimann Torbecke mit einer Ausflucht: "Wenn sich mal einer beschwert, sage ich, das Geräusch kommt von der Wasserskianlage.

"Mosquito"-Piepsen praktisch in der Schule

Die meisten hauen aber einfach ab." Die 23-jährige Danica Buttman hat diese Option nicht - sie arbeitet für Torbecke. Bis in die späten Abendstunden macht sie oft im Wasserskiladen die Abrechnung. "Ich drehe durch, wenn der Ton eingeschaltet ist. Auf die Dauer ist das unerträglich", sagt die gelernte Fitnesskauffrau. Aber dass ihr Chef etwas gegen ihre störenden Altersgenossen unternehmen musste, versteht sie. Erstaunlicherweise sehen das sogar die Jugendlichen selbst so. Erklärt man nächtlichen Strandbesuchern, woher der Ton wirklich kommt, zeigen sie sich überraschend verständnisvoll. "Das nervt zwar, aber ich kann verstehen, dass die hier nachts keine Randalierer haben wollen", sagt die 21-jährige Kathrin Hiller. "Wenn das hier nicht erwünscht ist, dann trinken wir unser Bier halt woanders", so ihr gleichaltriger Freund David Brandhorst. Es gibt sogar Jugendliche, die das "Mosquito"-Piepsen freiwillig ertragen - als gleichnamigen Klingelton für das Mobiltelefon. Der ist bei vielen Schülern beliebt, weil er sie davor bewahrt, im Unterricht das geliebte Handy abschalten zu müssen. Denn die Lehrer sind natürlich zu alt, um noch zu hören, wenn es bei ihren Pennälern piept.

Mitarbeit: Benjamin Peters / print
Themen in diesem Artikel