Editorial Erst kommt das Schwarzgeld, dann kommt die Moral


Liebe stern-Leser!

Es ist nicht zu begreifen. Warum versteckt ein bislang geachteter Top-Manager wie Klaus Zumwinkel Millionen in Liechtenstein, obwohl er zur gleichen Zeit in Deutschland mehr Geld verdient, als er je ausgeben kann? Warum hat er nicht wenigstens die Chance genutzt, still und heimlich reinen Tisch zu machen, als die Bundesregierung 2004 reuigen Steuersündern Straffreiheit versprach? Zumwinkel selbst nennt es eine "persönliche Dummheit", wie wir aus seinem engsten Umfeld gehört haben, weshalb er wohl auch die ganze Aufregung nicht verstehen kann und zunächst auch nicht an Rücktritt dachte. Oder ist sein Verhalten Ausdruck einer schamlosen Gier, die sich schon kürzlich andeutete, als Zumwinkel mit eigenen Post-Aktien für 4,7 Millionen Euro blitzschnell Kasse machte, kaum dass der Post-Mindestlohn beschlossene Sache war und der Aktienkurs stieg?

Die Hausdurchsuchung bei Zumwinkel war nur der Auftakt für den bislang größten Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik. Der offenbart einen Mangel an Moral bei vielen - sicher nicht allen - "Leistungsträgern" unserer Gesellschaft. Diese sogenannte Elite nimmt sich gern das Recht, viel zu verdienen. Aber einige sehen sich offenbar nicht in der Pflicht, dem Gemeinwesen einen angemessenen Teil davon zurückzugeben. Man kann gern darüber diskutieren, ob 25 Prozent Abgeltungssteuer zu viel oder zu wenig sind. Man kann auch trefflich darüber streiten, ob die Millionengehälter, die üppigen Pensionen, die oft sagenhaften Aktienoptionen und die diversen Extras von Top- Managern in jedem Fall angemessen sind und in irgendeiner Relation zum tatsächlichen Erfolg stehen. Nicht streiten kann man darüber, dass die Gesetze für alle gelten - auch die Steuergesetze.

Wie soll man von Millionen Menschen, die in diesen Wochen gerade über ihrer Steuererklärung brüten, Ehrlichkeit verlangen, wenn ein Klaus Zumwinkel - als kleine Dummheit nebenbei - mehr Steuern hinterzieht, als sie im ganzen Jahr verdienen?

stern-Reporter haben den Wirtschaftskrimi an allen Schauplätzen recherchiert: Sie waren am Gardasee, wo Zumwinkel eine mittelalterliche Burg als Altersruhesitz gekauft hat, in Liechtenstein, wo er seine Millionen gebunkert hat, sowie in Köln- Marienburg und Bonn, wo Privathaus und Büros durchsucht wurden. In Gesprächen mit Psychologen, Steuerexperten, Juristen und Politikern versuchten sie zu ergründen, was manchen Leistungsträger in die Kriminalität treibt. stern-Reporter Stefan Schmitz fasste die Recherchen zusammen und beschreibt einen Skandal, in dem es um weit mehr als Steuerhinterziehung geht. Nämlich darum, was dieses Land zusammenhält.

Die aktuelle stern-Umfrage von Forsa zeigt, dass der Steuerskandal die Wähler geradezu ins linke Lager treibt. Für die Wahlkämpfer der SPD ist er ein willkommenes Geschenk. Der Fall Zumwinkel habe ihn "aus den Socken gehauen", erzählte Parteichef Kurt Beck, als er am vergangenen Sonntag im Gästehaus seiner Landesregierung in Mainz den stern zum Interview traf. Er verzichtete auf das Spiel seines Lieblingsclubs 1. FC Kaiserslautern (der trotzdem 1:0 gewann), um seine Position darzulegen. Der SPD-Chef: "Wir brauchen wieder allgemeingültige Maßstäbe dafür, was anständig ist."

Herzlichst Ihr Thomas Osterkorn

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