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Editorial: Geisterfahrer bei der Bahn

Liebe stern-Leser!

Jeder kennt den Witz vom Geisterfahrer auf der Autobahn. Im Radio hört er die Warnmeldung und sagt dann: "Ein Geisterfahrer? Nein Hunderte!" Ein wenig erinnert Bahnchef Hartmut Mehdorn an diesen Menschen, der sich im Recht und den Rest der Welt im Unrecht sieht. Der stern und stern.de hatten am 21. Januar aufgedeckt, wie die Deutsche Bahn im Kampf gegen die Korruption ihre eigenen Mitarbeiter ausgeforscht hat. Unter Operationstiteln wie "Eichhörnchen" oder "Uhu" gab der Konzern Namen von Beschäftigten und zum Teil auch ihrer Ehepartner, Privatadressen, Kontoverbindungen und E-Mails an eine Detektei weiter, die die Daten auswertete und verglich. Der Bericht der stern-Redakteure Florian Güssgen, Marcus Gatzke und Johannes Röhrig gründete unter anderem auf einem internen Vermerk der Berliner Datenschützer, die die Bahn scharf für ihre Spähaktion rügten. "Blühender Unsinn" und "dritter Aufguss eines alten Tees" tönte es anschließend aus dem Bahn-Tower in Berlin. Das war nicht ganz überraschend. Denn seit im Sommer vergangenen Jahres die Zusammenarbeit der Bahn mit einer umstrittenen Detektei ruchbar wurde, übt sich der Staatskonzern im "Tarnen, Tricksen, Täuschen" (siehe Seite 48). Weder die Datenschützer noch wir Journalisten kannten das ganze Ausmaß der Ausforschung. Erst in einer Sitzung des Verkehrsausschusses des Bundestages, zu der die Abgeordneten den Korruptionsbeauftragten der Bahn nach dem stern-Bericht geladen hatten, kam die ganze Wahrheit heraus: In einer Operation waren die persönlichen Daten von 173.000 Mitarbeitern mit denen von 80.000 Lieferanten abgeglichen worden. Ob Schaffner, Fahrkartenverkäufer oder Schrankenwärter, die noch nicht einmal über den Einkauf von Putzmitteln entscheiden dürfen - sie alle wurden unter den Generalverdacht der Korruption gestellt. Nach jedem Handbuch für Krisen-PR wäre jetzt eine öffentliche Entschuldigung fällig. Das fordern auch die Arbeitnehmervertreter im Bahn- Aufsichtsrat. Doch Bahnchef Mehdorn bagatellisiert die Affäre, beklagt sich über Medien, Politiker und das mangelnde Verständnis der Öffentlichkeit. Dabei würde jeder Jurastudent im ersten Semester das Rastern von 173.000 Beschäftigten für maßlos und unverhältnismäßig halten. Ganz abgesehen davon, dass bei einem maschinellen Abgleich die Daten zu anonymisieren wären und der Datenschutzbeauftragte des Unternehmens sowie die Betriebsräte einbezogen werden müssten. Nachdem der stern vor einem Jahr den Spitzelskandal beim Discounter Lidl aufgedeckt hatte, wollten Datenschützer endlich ein "Arbeitnehmerdatenschutzgesetz" auf den Weg bringen. Passiert ist seitdem nichts. Nach der Bahnaffäre sollte die Politik dieses Projekt nun schleunigst wieder auf die Tagesordnung setzen, um auch dem letzten Bahnrevisor klarzumachen, wo in Deutschland die Grenzen verlaufen. Und was den Bahnchef angeht: Einer gegen 173.000 - wer hier der Geisterfahrer ist, liegt auf der Hand: Herr Mehdorn, kehren Sie um!

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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