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Editorial: In der Hand von Piraten am Horn von Afrika

Liebe stern-Leser!

Genau 50 Tage waren Sabine Merz und Jürgen Kantner in der Gewalt von somalischen Entführern, die ihre 16-Meter-Segelyacht "Rockall" im Golf von Aden überfallen hatten. Sie wurden beraubt, bedroht, gequält und scheinexekutiert und stehen nach ihrer Freilassung vor den Trümmern ihrer Existenz. Im stern berichten sie erstmals von ihren leidvollen Erfahrungen während der Geiselhaft in den Bergen der halbautonomen Region Puntland. Kantner und Merz mussten sich aber von unseren Reportern Malte Arnsperger, Ingrid Eißele und Michael Streck auch fragen lassen, warum sie ausgerechnet den Golf von Aden, das gefährlichste Revier der Welt, durchsegelten. Denn Piraterie und Lösegeld-Erpressung ist vor den Küsten des Jemen und des vom Bürgerkrieg zerrütteten Somalia längst ein Millionengeschäft. Allein in diesem Jahr gab es 31 registrierte Angriffe auf Yachten und Frachtschiffe, etwa 130 Seeleute werden gegenwärtig von Piraten gefangen gehalten. Trotz dieser alarmierenden Fakten zeigen die Hobbysegler aus dem Schwäbischen wenig Einsicht: "Wir würden es wieder so machen." Die beiden halten die Zahlung des Lösegeldes rückblickend sogar für einen Fehler. Kantner: "Die Deutschen hätten von mir aus das Lager stürmen und alles niederbomben können. Ohne Rücksicht auf uns. Solange die bezahlen, werden die Forderungen der Entführer immer höher." Die Geschichte beginnt auf Seite 28.

So viel Hilfe gab es in Deutschland noch nie: Jeder Zehnte erhält Sozialleistungen des Staates, Kostenpunkt rund 46 Milliarden Euro im Jahr. Das hat das Statistische Bundesamt gerade errechnet. Hinzu kommen die Ausgaben für Millionen Sozialarbeiter, die Menschen in Not unterstützen. Beim Thema Solidarität ist der Staat also wahrlich nicht kleinlich. Und trotzdem wachsen immer mehr Kinder in Verwahrlosung auf, in Familien, die mit dem ganz normalen Alltag völlig überfordert sind. Irgendwas läuft da schief. In seiner Reportage "Hilfe, die nicht hilft" erklärt stern-Autor Walter Wüllenweber, warum der teure Sozialstaat zu scheitern droht. Zusammen mit der Fotografin Anne Schönharting hat er über Wochen die arbeitslose, alleinerziehende Mutter Andrea Thiel aus Berlin-Marzahn begleitet. Am Beispiel der Familie Thiel lässt sich nachzeichnen, wie all die Hilfe des Staates wirkungslos verpufft. Schon vor drei Jahren hatte der stern über die Thiels berichtet. Ihre Wohnung war vermüllt. Frau Thiel hatte die Kontrolle über ihre Finanzen, ihre Kinder, über ihr ganzes Leben verloren. Sie brauchte dringend Hilfe. Und sie bekam Hilfe: von der Arbeitsagentur, von den Schulen, von Ärzten, und auch das Jugendamt bot seine Dienste an. Doch die Situation hat sich in den drei Jahren nicht verbessert, sondern dramatisch verschlechtert. Das Hilfssystem hat versagt. Denn jeder Behördenmitarbeiter ist nur für ein kleines Teilproblem von Frau Thiel zuständig. Niemand koordiniert die vielen Maßnahmen.

Wüllenwebers Reportage macht deutlich: Die Hilfssysteme in Deutschland überfordern viele Bedürftige, statt ihnen wirkungsvoll zu helfen (Seite 48).

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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