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stern-Chefredakteur Die Jagd nach Attila Hildmann und deutsche Krankenhäuser vor dem Kollaps: Gregor Peter Schmitz über den aktuellen stern

Attila Hildmann auf dem aktuellen stern-Cover
Von Interpol gesucht, vom stern gefunden: die Jagd nach dem gefährlichsten Antisemiten Deutschlands – Attila Hildmann auf dem aktuellen stern-Cover
© stern
Gemeinsam mit Hobbydetektiven hat der stern monatelang recherchiert – und schließlich Deutschlands gefährlichsten Antisemiten Attila Hildmann in der Türkei aufgespürt. Außerdem: Warum deutsche Kliniken vor dem Kollaps stehen. Chefredakteur Gregor Peter Schmitz über den aktuellen stern.

Lange stand in unserer Küche ein Kochbuch von Attila Hildmann. Auf dem Einband ist ein sympathischer junger Kerl in Turnschuhen zu sehen. Hildmann war für seine veganen Kochtipps bekannt. Doch dann wurde er noch viel bekannter, als Wütendstbürger, als Corona-Chefleugner, sogar als glühender Antisemit. Seit über einem Jahr versteckt sich Hildmann in der Türkei, wegen Volksverhetzung und anderer Delikte gesucht per internationalem Haftbefehl, aber nun gefunden von einer Gruppe engagierter Freizeit-Rechercheure und einem stern-Team um unsere Reporterin Tina Kaiser.

Sie weist nach, dass er von dort aus Judenhass schürt und radikale Gesinnungsgenossen rekrutiert – und zeigt, wie die deutschen Behörden die Suche nach Hildmann verschlampten, etwa indem sie sich fälschlich auf dessen eigene Angabe verließen, er sei auch türkischer Staatsbürger und könne deswegen nicht ausgeliefert werden. Kaisers Rekonstruktion der Jagd auf Attila Hildmann liest sich wie ein Abenteuerroman.

Wie wäre es, wenn die deutschen Behörden das nächste Kapitel als Happy End für den Rechtsstaat anlegten? 

Krankenhäuser vor dem Kollaps

Mein Vater war Arzt im Krankenhaus, daher musste ich – und er zum Glück auch selbst – über so einen albernen Begriff wie "Halbgott in Weiß" immer lachen. Denn ich bekam ja jeden Tag mit, wie irdisch es in den Kliniken zugeht, wie chaotisch, manchmal wie empörend. Die "Krankenakte Krankenhaus" haben wir beim stern schon häufiger angelegt. Aber was derzeit in deutschen Kliniken zu beschreiben ist, erinnert an ein Notfall-Bulletin.

"Am Limit" sehen unsere Rechercheure rund um Wissens-Ressortleiter Christoph Koch die Kliniken – zermürbt von Corona und Personalmangel, im Stich gelassen von einer orientierungslosen Politik. Diese zu ändern, wäre übrigens eine schöne Aufgabe für Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der ja keineswegs nur zum Corona-Minister bestellt wurde. 

Und wieder ein neuer Premier 

Als ich in England studierte, versuchte ich natürlich, witzig zu sein wie die Engländer. Gelang mir dies ausnahmsweise, war die Reaktion immer gleich: eine erstaunt hochgezogene Augenbraue und die Bemerkung, offenbar habe der Austausch mit den Einheimischen doch etwas bewirkt. Die Briten sind sehr stolz auf ihren Humor.

Umso ernster, dass selbst sie sich gerade fragen, ob man ihre Nation noch ernst nehmen kann. Gerade wieder haben die von Skandalen geschüttelten Tories ausgekungelt, wer Premierminister des 67-Millionen-Volkes wird. Wären Neuwahlen nicht angebrachter? Angesichts der Debakel um Boris Johnson und Liz Truss würden die Konservativen das niemals zulassen, schrieben mir britische Freunde gleich, "genauso wenig wie Truthähne dafür stimmen würden, dass Weihnachten stattfindet". 

Mitten in der Corona-Pandemie war der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn schwer beschäftigt: mit dem Erwerb einer mehrere Millionen Euro teuren Villa in Berlin (wie teuer sie genau ist, darf man nicht schreiben, denn Spahn verhindert dies mit allen juristischen Finessen). Das fanden damals viele Menschen nicht angemessen. Nun gibt es Berichte über Millionenkredite für einen Hauskauf von Finanzminister Christian Lindner. Wir vom stern gönnen jedem Politiker jeden Cent. Aber es gibt einen Grund, warum Ausländer es immer charmant fanden, dass Helmut Kohl in einem Bungalow in Oggersheim residierte oder Angela Merkel in einer Mietwohnung in Berlin-Mitte: Politiker, die in Millionenvillen residieren, gibt es in anderen Ländern genug.

Herzlich Ihr
Gregor Peter Schmitz

Erschienen in stern 44/2022

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