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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Er war mein bester Freund. Und ich habe ihn ausgenutzt und fallen lassen"

Als es Claudia schlecht ging und ihr Vater starb, war ihr bester Freund für sie da. Sie brauchte seine Hilfe - obwohl sie wusste, dass er sie liebt. Und sie ihn nur ausnutzt. Als es ihr besser ging, ließ sie ihn fallen. Und fragt sich jetzt: Wie kann ich ihn in mein Leben zurückholen?

Schlechtes Gewissen

Wie kann man sich bei seinem besten Freund entschuldigen?

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

mir (43) geht mein ehemals bester Freund nicht aus den Kopf. Wir kennen uns aus der Kindheit und haben uns vor ca. 2 Jahren wiedergetroffen. Wir hatten frühzeitig geklärt, dass wir beide nur Freunde sein wollen. Ich hatte eine schwierige Phase: Ich lebte in Scheidung, mein Ex-Mann hat mir das Leben schwer gemacht und auch unsere drei Kinder instrumentalisiert. Da konnte ich mir eine neue Beziehung nicht vorstellen. Aber ich habe es genossen, Zeit mit meinem wiedergefundenen Freund zu verbringen. Er hat sich dann in mich verliebt, und auch mir ging es so. Er ist höflich, diszipliniert, selbstlos, ist verlässlich und unglaublich ehrlich. Ich lebe gerne mal in den Tag hinein, bin launisch und egoistisch, wähle meist einen bequemen Weg und drücke mich gerne vor Entscheidungen, und ich bin nicht ganz so ehrlich. Er ist zu perfekt für mich, so war meine Meinung. Außerdem hatte ich noch eine Liebschaft, mit der ich mich jedoch nicht so gut verstand wie mit meinem besten Freund.
Als mein Vater erkrankte, stand er mir über Monate bedingungslos bei, war immer für mich da, teilweise mehrere Stunden täglich. Und das, obwohl er viel arbeiten musste und zu dieser Zeit auch viele negative und traurige Nachrichten aus Familie und Freundeskreis zu verkraften hatte. Ihn hat das alles sehr mitgenommen, auch gesundheitlich. Er hat das aus Freundschaft zu mir getan. Auch hatten wir uns versprochen, als Freunde immer füreinander da zu sein. Und ich weiß, dass er mich gleichzeitig geliebt hat. Ich habe das ausgenutzt, habe ihm Hoffnungen auf eine Beziehung zwischen uns gemacht, was ihm wohl auch Kraft gab. Ich habe ihn manipuliert, weil ich ihn brauchte und Angst hatte, dass er sonst nicht so für mich da ist. Ich wusste, das ist unfair, aber es tat mir gut.


Nach der Beerdigung meines Vater habe ich mich entschieden: für meine Liebschaft, zu der ich fair sein wollte, weil sie schon vorher da war, und gegen meinen besten Freund. Ich habe einfach nicht mehr auf ihn reagiert, und als er später mehrfach versuchte den Kontakt wieder herzustellen, habe ich ihn ignoriert. Es war wieder der bequeme Weg. Ich hatte unser Versprechen gebrochen und konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen. Ich glaube auch nicht, dass man als Frau neben einer Beziehung eine enge Freundschaft zu einem Mann haben kann. Später habe ich ihn zufällig noch zwei-, dreimal gesehen, und er sah jedes Mal sehr traurig aus, auch Monate nach meinem plötzlichen Verschwinden. Was, wenn ich daran schuld bin, weil ich kommentarlos weg war?

Jetzt denke ich oft an ihn, stelle mir vor wie es gewesen wäre, wenn ich mich anders verhalten hätte. Aber ich habe nicht den Mut, auf ihn zuzugehen, mich bei ihm zu melden. Zu sehr schäme ich mich für mein Verhalten. Ich möchte nicht, dass er mir ins Gesicht sagt, wie unfair ich war, auch wenn er Recht hat. Wir haben keine gemeinsamen Freunde, die mir helfen könnten.
Liebe Frau Peirano, was kann ich tut? Wie finde ich den Mut, oder vergesse ihn und habe auch kein schlechtes Gewissen mehr? Aber selbst wenn ich auf ihn zugehe, habe ich nicht das Vertrauen zwischen uns für immer zerstört?
Vielen Dank!

Claudia T.

Liebe Claudia T.,

Sie gehen recht hart mit sich ins Gericht, wenn Sie beschreiben, wie Sie sich Ihrem besten Freund gegenüber verhalten haben. Haben Sie damals auch schon gemerkt, dass Sie Ihren Freund ausnutzen und kränken – oder ist die Erkenntnis erst später gekommen? Wenn ja, wodurch?


Es hört sich so an, als wenn Sie Ihren besten Freund sehr vor den Kopf gestoßen und verletzt haben. Erst haben Sie seine Hilfe angenommen, als Ihr Vater im Sterben lag, und dann den Kontakt ohne ein Wort der Klärung abgebrochen. Was hätten Sie ihm denn damals ehrlicherweise als Begründung sagen können? Danke, jetzt brauche ich dich nicht mehr? Oder: du kommst mir zu nah, weil du von mir eine Beziehung willst und ich nur eine Freundschaft? Schauen Sie sich diesen Punkt bitte gründlich an. Ich weiß, dass das schmerzhaft ist, aber es ist auch ein wichtiger Teil einer Heilung oder Veränderung.

Ich kann mir vorstellen, dass vor allem die ungeklärte Beziehung, die Sie mit einander hatten, sehr belastend gewesen ist. Freundschaft und Verliebtheit haben sehr unterschiedliche Spielregeln und Erwartungen. Ein Beispiel: Wenn mein bester Freund sich in eine Frau verliebt, freut mich das für ihn (sofern die Frau gut zu ihm). Wenn er eine Liebschaft hat, die ihm gut tut, wünsche ich ihm augenzwinkernd viel Spaß dabei. Wenn allerdings der Mann, in den ich verliebt bin, eine Liebschaft hat oder sich in eine andere Frau verliebt, ist die Hölle los.


Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie und Ihren Freund sehr verwirrend gewesen ist, neben der Freundschaft noch ineinander verliebt gewesen zu sein. Vor allem Ihr Freund scheint sehr tiefe Gefühle für Sie gehabt zu haben. Sie hatten noch eine sexuelle Beziehung mit einem anderen Mann. Wusste er davon? Und wenn ja: Was glauben Sie, warum er das mit sich hat machen lassen? Fällt es ihm schwer, sich vor Verletzungen zu schützen? Zwischen Ihnen beiden gab und gibt es ein Potenzial für große Kränkungen: Er kann sich nicht schützen, und Sie haben zuerst Ihren eigenen Vorteil im Sinn.

Obwohl es einige Warnzeichen gab, hat Ihr Freund Ihnen geduldig und mit hohem Zeitaufwand beigestanden, als Ihr Vater starb. Wahrscheinlich hat er sich als Belohnung dafür eine Beziehung mit Ihnen versprochen. Und Sie haben diese Hoffnung genährt. Nun ist es ja so, dass Aufopferung nicht zwangsläufig dazu führt, dass man sich in jemanden verliebt. Für einige Menschen tötet es sogar die Leidenschaft, wenn sie sich der Hilfe eines anderen Menschen zu sicher sein können. Sie wählen dann lieber jemanden aus, der egoistischer ist und seinen eigenen Bedürfnissen folgt. Kann es sein, dass auch Sie sich insgeheim von Männern angezogen fühlen, die unerreichbar sind und mehr ihr eigenes Ding machen, wie zum Beispiel Ihr Liebhaber?
Falls Sie das in einem Roman nachlesen möchten, kann ich Ihnen das Buch Freiheit" von Jonathan Franzen wärmstens empfehlen. Die Protagonistin Patty fühlt sich von dem Rockmusiker Richard Katz sexuell angezogen, heiratet dann aber seinen besten Freund Walter, der treu und hingebungsvoll ist. Vielleicht hilft Ihnen das Buch, die Facetten Ihres eigenen Begehrens und Ihrer Partnerwahl noch einmal zu beleuchten und für die Zukunft mehr Sicherheit zu gewinnen.

Ich rate Ihnen auf jeden Fall, die eigenen Motive für Ihr Verhalten bis in die Tiefe zu ergründen. Sortieren Sie doch einmal, was von diesem Verhalten aus heutiger Sicht Fehler waren, die Sie nicht wieder machen würden – und was davon einfach in Ihrer Natur liegt. Eine hilfreiche Perspektive ist die, sich zu fragen: Wie würde ich mich fühlen, wenn jemand anders das mit mir gemacht hätte?

Wenn Sie mit diesem Prozess fertig sind und sich selbst genauer beleuchtet haben, stehen Sie vor der Entscheidung, ob Sie Ihren Freund noch einmal kontaktieren. Meine Frage: Warum würden Sie das tun? Würden Sie sich bei ihm für die Verletzungen entschuldigen, die Sie ihm zugefügt haben? Dazu kann ich Ihnen auf jeden Fall raten, denn es würde die Leiden Ihres Freundes lindern, über die er sichtbar schlecht hinweg kommt. Und die beste Medizin wäre eine aufrichtige Entschuldigung von Ihnen.
Wenn es Ihnen allerdings darum geht, noch einmal zu schauen, ob nicht doch eine Beziehung oder Freundschaft mit ihm möglich wäre, wäre ich sehr skeptisch. Aus der Ferne sehnen Sie sich nach seiner Treue und Hilfestellung, aber aus der Nähe befürchte ich, dass Sie sich doch gegen ihn entscheiden und ihn erneut abweisen. Das wäre für ihn unerträglich.

Herzliche Grüße, Julia Peirano  

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