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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Freundin wurde sexuell missbraucht - ich fühle mich überfordert"

Geros Freundin hat sich ihm gegenüber geöffnet und berichtet, dass sie vom Vater missbraucht wurde. Danach war ihr Leben von Magersucht, Depression und einem Psychiatrieaufenthalt geprägt. Gero ist verunsichert: Wie soll er mit dieser Vorgeschichte umgehen?

Sexueller Missbrauch als Beziehungsproblem

Sexueller Missbrauch in der Vergangenheit belastet Beziehungen

 Liebe Frau Dr. Peirano,

ich, 27, bin auf der Suche nach einer Frau. Nach vielen Reinfällen habe ich ein sehr hübsches und süßes Mädel (Marlen) auf einer Party kennen gelernt. Wir treffen uns seit ein paar Monaten und verstehen uns sehr gut. Vor allem ist sie die erste seit langer Zeit, die wirklich an mir interessiert ist und nicht solche Spielchen spielt wie viele andere.


Mit dem Sex haben wir uns bisher Zeit gelassen, sie sagte, dass sie ein Problem hat. Als ich nachgefragt habe, erzählte sie mir, dass ihr Vater über Jahre missbraucht hat. Sie weinte ganz viel und kam dann damit heraus, dass ihre depressiv war und sich aufgehängt hat, als sie 16 war. Marlen hat sie gefunden. Ich war total schockiert, als ich das hörte. Mit dem Vater hat sie keinen Kontakt, nur zu ihrer Schwester. Sie war lange in Therapie und ein paar Monate in der Psychiatrie. Sie sagt, dass es ihr jetzt besser geht, aber sie manchmal so Depri-Phasen hat. Sie war auch magersüchtig, manchmal hat sie immer noch Probleme und findet sich zu dick und isst kaum was.
In der Nacht, als sie das alles erzählt hat, war ich völlig fertig. Ich komme aus ganz normalen Verhältnissen. Meine Eltern sind seit vielen Jahren verheiratet, meine Tanten und Onkel auch. Wir sind eine riesige Familie, die sich gut versteht. Ich habe ein komisches Bauchgefühl, wenn ich daran denke, was Marlen alles Schlimmes passiert ist. Aber ich habe auch Angst, dass sie vielleicht psychisch krank ist oder wird. Hinterlässt so eine Geschichte nicht immer Spuren? Was meinen Sie?
Viele Grüße und danke, Gero B.

Lieber Gero B.,

ich kann gut nachfühlen, dass Sie schockiert und durcheinander sind, als Sie hörten, was Marlen alles durchgemacht hat. Es hört sich so an, als wenn sie in ihrer Kindheit und keine Geborgenheit und wenig Halt erfahren hat und niemandem vertrauen konnte. Die Mutter war depressiv (über viele Jahre?) - und zwar so schwer, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen hat als sich das Leben zu nehmen. Bei den meisten suizidgefährdeten Menschen ist die Sorge, was sie ihren Kindern damit antun, der schwerwiegendste Grund, um weiterzuleben. Marlens Mutter konnte oder wollte nicht weiterleben, um ihre Töchter aufwachsen zu sehen und sie vor dem eigenen Suizid zu schützen. Sie hat sogar in Kauf genommen, dass Marlen sie findet und so ein schweres Trauma erleidet. Das spricht Bände über die kaputte Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Und auch die Beziehung zum Vater war extrem schädlich: Marlen wurde von ihm sexuell missbraucht. Das ist eine weitere Traumatisierung. Oft können missbrauchte Kinder niemandem davon erzählen, auch der eigenen Mutter nicht. Die psychischen Spätfolgen sind unter anderem starke Schuldgefühle, emotionale Verwirrung und mangelndes Vertrauen in andere Menschen. Meistens besteht auch die Unfähigkeit, eigenen Gefühlen zu trauen (wenn ich so etwas mitgemacht habe, muss es mir doch gefallen haben?!?). Nicht selten treten Menschen mit Missbrauchserfahrungen in einigen Situationen aus ihrem Körper- und stehen sozusagen neben sich. Das nennt man Dissoziation. Oft treten sexuelle Störungen auf wie Vermeidung von Sex oder Angst und Misstrauen beim Sex, oder aber eine Sexualisierung von allen Beziehungen. Es kann zu Schlafstörungen, Essstörungen oder Suchtanfälligkeit kommen. Psychosomatische Störungen wie Haut – oder Magen-Darm-Probleme treten öfters auf. Viele Erwachsene, die als Kind oder Jugendliche missbraucht wurden, haben später Schwierigkeiten, stabile und vertrauensvolle Beziehungen einzugehen.

Insgesamt stand Marlen in ihrem Leben unter starkem Stress, ist mehrfach traumatisiert und hat wenig Rückhalt und Sicherheit erfahren. Bei vielen Menschen wird durch dauerhaften Stress und durch Traumata, insbesondere durch enge Bezugspersonen, das Stresshormonsystem fehlreguliert. Sie leiden stärker unter Ängsten, sind anfälliger für Depressionen und andere psychische Erkrankungen. In der begegnet man gehäuft Menschen mit sehr belastenden und problematischen Lebensgeschichten.

Auf der anderen Seite kann man auch nicht voraussagen, ob und wann ein vortraumatisierter Mensch psychisch erkrankt. Ich kenne zum Beispiel eine Frau, die in ihrer frühesten Kindheit monatelang im Säuglingsheim war, zu einer narzisstischen Pflegemutter kam, schwere Unfälle und körperliche Erkrankungen hatte und trotzdem bemerkenswert stabil und belastbar ist. Sie hat viel "Resilienz", also psychische Widerstandsfähigkeit. Vielleicht ist Marlen auch mit viel Resilienz gesegnet und hat die schlimmste Krise bereits überstanden. Es wäre Marlen auf jeden Fall anzuraten, eine langjährige, stabilisierende Psychotherapie zu machen, um ihre traumatischen Kindheitsereignisse zu verarbeiten.

Nun aber zu Ihnen: Sie schreiben, dass Sie aus sehr stabilen Familienverhältnissen kommen. Ihre Mutter, aber auch die anderen Frauen in Ihrer Familie haben sicher das Bild geprägt, das Sie sich von einer Partnerin machen. Können Sie sich noch einmal ganz in Ruhe darauf konzentrieren, wie Sie sich eine Frau vorstellen, mit der Sie zusammen leben möchten? Schreiben Sie es doch einmal auf. Sollte eine Frau vor allem "handfest", familienorientiert, stabil und pragmatisch sein? Wie reagiert Ihre Familie auf Menschen, die nicht das Glück hatten, in einer stabilen Familie aufzuwachsen? Werden Sie verstanden – oder werden Sie als "irgendwie komisch" angesehen? Wie stehen Sie selbst dazu?

Wie ist es mit Ihnen persönlich? Haben Sie Interesse daran, sich auf eine Frau näher einzulassen, die seelische Wunden hat? Möchten Sie Ihr Sicherheit geben – oder haben Sie eher Befürchtungen, was für Schwierigkeiten auf Sie zukommen? Hören Sie unbedingt auf Ihr Bauchgefühl.

Nehmen Sie sich doch Zeit, Ihre eigenen Gefühle besser kennen zu lernen, bevor Sie sich in eine Beziehung stürzen, die Sie mittelfristig vielleicht überfordert. Es wäre sicher für Marlen auch wichtig, langsam und in kleinen Schritten vorzugehen- anstatt sich in etwas hineinzubegeben, das womöglich in wenigen Monaten zur Trennung führt. Deshalb würde ich Ihnen – auch im Hinblick auf mögliche sexuelle Schwierigkeiten- raten, sehr langsam und freundschaftlich vorzugehen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Schwierigkeiten Ihnen über den Kopf steigen und Sie belasten, könnten Sie es bei einer Freundschaft belassen. Hauptsache, Sie sind ehrlich und sich selbst treu.

Ich wünsche Ihnen alles Gute,

Herzliche Grüße Julia Peirano  

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