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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ist mein neuer Partner ein Pädophiler?

Mein neuer Freund lebt bei uns. Ganz subtil kommt er meiner elfjährigen Tochter zu nahe. Soll ich mich wegen meines Verdachts trennen? Wie finde ich heraus, ob er eine Gefahr für meine Tochter darstellt?

Sehr geehrte Frau Peirano,

ich bin alleinerziehende Mutter einer elfjährigen Tochter und eines siebenjährigen Sohnes. Vor einem Jahr habe ich Holger kennen gelernt. Er ist vor zwei Monaten bei uns eingezogen.

Zwischen Holger und mir ist auch alles gut. Er ist fürsorglich, nett, hilfsbereit und sehr interessant. Mich beunruhigt aber das Verhältnis, das er zu Johanna, meiner Tochter hat. Ohne dass ich es erklären kann, kommt es mir manchmal so vor, als wenn er zu nah an ihr dran ist.

Er fotografiert zum Beispiel gerne und gut, und er hat in letzter Zeit sehr viele Bilder von Johanna und ihren Freundinnen gemacht. Alles harmlos, beim Spielen, mit Kaninchen auf dem Arm – aber ist das normal? Von meinem Sohn macht er deutlich weniger Fotos …

Was mich wirklich stutzig macht: Holger war neulich für ein paar Tage verreist. Als ich seinen Koffer ausgepackt habe, fand ich zwischen seinen Sachen eine gebrauchte Unterhose von Johanna. Natürlich kann es auch ein Zufall sein, wir sind keine super ordentliche Familie, aber es ist doch sehr auffällig. Wie kommt die Unterhose in seine Sachen und warum sagt er nichts?

Ich habe ihn und Johanna daraufhin schärfer beobachtet, und sie kam mir ganz normal vor. Sie mag ihn sehr gerne und vertraut ihm, setzt sich auch auf seinen Schoß oder gibt ihm einen Gute-Nacht-Kuss.

Aber meine Alarmglocken klingeln. Man liest ja viel über Missbrauch, und oft passiert es im direkten Umfeld. Ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Ist es angebracht, dass ich mich wegen eines vagen Verdachts von Holger trennen soll? Er hat bestimmt (noch??) nichts gemacht, aber ich will natürlich auch nicht, dass erst etwas passiert.

Meine Gedanken drehen sich die ganze Zeit darum, wie ich mich verhalten soll.

Herzliche Grüße

Sinje W.

Liebe Sinje W.,

wie gut, dass Sie Ihre Sorgen ernst nehmen und sich damit auseinander setzen, wie Sie Ihre Tochter schützen können – bevor etwas passiert.

Ich kann gut verstehen, dass Sie Holger nicht unbegründet verdächtigen wollen, pädophil zu sein. Die Ereignisse, die Sie geschildert haben, können völlig harmlos oder zufällig sein - aber möglicherweise eben auch nicht. Deshalb wäre es angebracht, dass Sie der Sache schrittweise auf den Grund gehen – ohne Holger unter Generalverdacht zu stellen, aber auch ohne wegzusehen. Vielleicht können Sie die Angelegenheit mal von Holgers Seite aus betrachten. Wenn er nicht pädophil ist, sollte er doch wie die meisten Männer eine deutliche Abneigung gegenüber Kindesmissbrauch empfinden und dies zeigen können. Sie können doch von einem Partner, der mit Ihnen und Ihren Kindern zusammenlebt, erwarten, dass er sich eindeutig gegen Kindesmissbrauch positioniert und solche Neigungen oder Missbrauch klar verurteilt und sich davon distanziert.

Haben Sie mit ihm schon darüber gesprochen, wie er das Thema generell sieht? Vielleicht hilft Ihnen ein Zeitungsartikel, ein Film oder ein anderer Anlass, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Achten Sie dann auf seine nonverbale und verbale Reaktion. Klingt das, was er sagt, authentisch? Überzeugt es Sie? Oder haben Sie das Gefühl, in gefährliches Gebiet gelangt zu sein? Wichtig ist auch, dass Sie die Dinge mit ihm ansprechen, die Ihnen aufgefallen sind: Die Fotos und die Unterhose in seinem Gepäck. Wenn Sie das Gefühl haben, bei ihm ein Tabu-Thema anzusprechen, sollten Sie Ihren Mut zusammen nehmen und gerade deshalb so lange nachfragen, bis Sie verstanden haben, wie er diese Vorfälle sieht.

Wichtig ist, dass Sie ihm so signalisieren, dass Sie wachsam sind und auf Ihre Tochter achten. Sie machen auch deutlich, dass Sie von ihm erwarten, dass er in diesem Punkt eindeutig auf Ihrer Seite ist und alles daran setzt, Johanna zu schützen.

Außerdem wäre es angebracht, dass Sie mit Johanna (und auch mit Ihrem Sohn) über Missbrauch sprechen. Selbst wenn Sie es bereits getan haben, ist es gut, Kindern zu signalisieren, dass es sich um kein Tabu-Thema handelt. Wichtig ist dabei, Kindern zu erklären, was für Berührungen (Küsse im Genitalbereich, an der Brust etc), "Spiele" mit Erwachsenen (Doktorspiele, Geheimnisse etc.) und Situationen missbräuchlich sind und welche Ausnahmen es gibt (seltene Ausnahme: Ärzte dürfen Kinder im Beisein der Mutter untersuchen).

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Kinder sollten wissen, dass ausnahmslos der Erwachsene die Schuld trägt, wenn Missbrauch passiert – und dass sie auf jeden Fall mit Ihnen darüber sprechen sollen, wenn etwas passiert. Sie könnten dazu sagen, dass diese Regel bei jedem gilt: Auch bei den Großeltern, Tanten und Onkeln, Lehrern und Holger. So können Sie Holger unauffällig mit in die Liste einreihen, ohne dass er unter Verdacht gerät. Wenn Sie direkt mit ihren Kinder über Holger sprechen, würde das Ihren wahrscheinlich Angst machen und das Verhältnis zu Holger gefährden. Sie könnten sagen, dass Sie auf jedem Fall Ihrem Kind glauben würden und es vor dem Erwachsenen schützen würden. Das ist wichtig, denn Kinder erzählen manchmal nichts von einem Missbrauch, weil sie Angst haben, dass die Mutter sich, wenn sie vom Missbrauch erfährt, vom Vater bzw. Stiefvater trennen müsste. Kinder fühlen sich dann als Schuldige und versuchen, durch ihr Schweigen alles so zu belassen, wie es ist. Deshalb ist es wichtig, dass Sie Ihren Kindern sagen, dass Sie es wissen möchten, wenn sie etwas Schlimmes erlebt haben.

Ihr Bauchgefühl funktioniert gut, denn Sie sind wachsam und passen auf Ihre Kinder auf. Ich hoffe, dass es Ihnen nach den Gesprächen mit Holger und mit Ihren Kindern klar sagt, ob die Alarmglocken weiterhin klingeln sollten – oder ob Entwarnung ist. Sollten sich in den Gesprächen mit den Kindern auch nur geringste Anzeichen für einen Missbrauch finden, sollten Sie unbedingt mit Johanna eine spezialisierte Beratungsstelle aufsuchen. Im Internet finden Sie z.B. unter www.hilfeportal-missbrauch.de eine Übersicht über Beratungsstellen mit professionellen Behandlern.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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