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bochum: Ruhr-Universität Bochum: Hässliches Entchen oder Blume im Revier?

»Du bist keine Schönheit... du Blume im Revier«, huldigte einst Herbert Grönemeyer seiner großen Liebe, der Stadt Bochum. Eine Liebeserklärung speziell an die Bochumer Universität hätte vermutlich denselben Wortlaut - denn ein architektonisches Prachtstück ist die Hochschule beileibe nicht.

»Du bist keine Schönheit... du Blume im Revier«, huldigte einst Herbert Grönemeyer seiner großen Liebe, der Stadt Bochum. Eine Liebeserklärung speziell an die Bochumer Universität hätte vermutlich denselben Wortlaut - denn ein architektonisches Prachtstück ist die Hochschule beileibe nicht.

Im Gegenteil: Die riesigen Gebäudekomplexe aus grauem Beton wirken kalt und abstoßend. Unweigerlich kommt der Betrachter zu dem Schluss, dass die Ruhr-Universität (RUB) schlichtweg hässlich aussieht. Ergänzt er den visuellen Eindruck zudem um die berühmte Spitzenposition in der Selbstmordrate deutscher Bildungsinstitute, dann erscheint die RUB als hässliches Entchen der bundesdeutschen Universitätslandschaft - unbeliebt und bemitleidenswert.

Bei näherer Betrachtung zerplatzen die Vorurteile wie eine Seifenblase. Ähnlich wie seine unmittelbare Umgebung hat der 60er-Jahre-Koloss im Herzen des Ruhrgebiets in der Vergangenheit einen erfolgreichen Strukturwandel in die Wege geleitet. Die RUB ist nicht mehr das große Bildungszentrum einer Industrieregion sondern ist zu einem Schmelztiegel verschiedener Kulturen, Studenten und Wissenschaften geworden, der einen völlig eigenen Charme versprüht. Das Wir-Gefühl, das sich durch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch in der Region zwischen Ruhr und Lippe entwickelt hat, macht auch vor den Betonmauern im Bochumer Stadtteil Querenburg nicht Halt. Die gewachsene Identifikation der Studierenden mit dem Institut sorgt nicht nur für ein besseres Image in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern erhöht vor allem die Integrationsleistung innerhalb der Lehranstalt. So kommt mittlerweile ein beträchtlicher Prozentsatz der Studentenschaft aus dem gesamten Bundesgebiet oder dem Ausland in den tiefen Westen und scheint sich in Bochum und Umgebung pudelwohl zu fühlen. Auch der deutlich verbesserte Ruf in der Berufswelt ist ein Indikator für die positive Entwicklung vergangener Jahre. Absolventen der Ruhr-Universität gelten als äußerst flexibel und decken ein breites Wissensspektrum ab.

Interdisziplinarität soll den Einstieg in den Beruf erleichtern

Im Gegensatz zu vielen anderen Universitäten in der Bundesrepublik konzentriert sich der Lehrbetrieb in Bochum nicht schwerpunktmäßig auf bestimmte Studienfächer. Mit über 100 verschiedenen Wahlfächern, die je nach Studiengang in vielfältigen Kombinationen zu belegen sind und unterschiedlich abgeschlossen werden können, bietet die RUB eine einzigartige Mannigfaltigkeit. Zwar gibt es auch hier die Unterteilung nach Medizin, Geisteswissenschaften, Ingenieurswissenschaften und Naturwissenschaften, doch sind die Grenzen zwischen den einzelnen Disziplinen durchlässiger als anderswo. Damit soll dem allgemeinen Trend entgegengewirkt werden, Ausbildungen immer stärker zu spezialisieren: »Wir verstehen uns als Universität, die ein möglichst breites Wissensspektrum anbietet und ihre Studentinnen und Studenten nach deren individuellen Wünschen und Fähigkeiten ausbilden möchte. Durch ein interdisziplinäres Studium werden mehr Tore in die Berufswelt geöffnet, die es den jungen Menschen ermöglicht, über den Tellerrand zu blicken«, erläutert Dietmar Petzina, Rektor der RUB, die interne Leitlinie. Die rund 30.000 eingeschriebenen Studenten - Bochum ist damit die zweitgrößte Hochschule in Nordrhein-Westfalen - sollen bereits in der Ausbildung mit unterschiedlichsten Sachverhalten und Problemgebieten konfrontiert werden, um Flexibilität und Vielseitigkeit für ihr späteres Berufsleben zu erlernen.

Bevor sich ein Student an der RUB einschreibt, kann er sich bezüglich seiner Studienwahl sowohl von der internen Studienberatung als auch von den jeweiligen Fakultäten beraten lassen. Es besteht natürlich die Möglichkeit, sich für einen klassischen Studiengang wie Medizin, Physik oder Jura zu entscheiden. Denn angesichts der Fülle von Lehrinhalten und dazugehörigen Veranstaltungen sind der Interdisziplinarität einfach Grenzen gesetzt. Darüber hinaus hat die Ruhr-Universität noch mit einem anderen großen Problem zu kämpfen. Die Vielzahl von Studiengängen erfordert unzählige Lehrstühle, die alle mit Professoren besetzt werden müssen. Bei der geringen Menge an Landesmitteln für Bildungszwecke bedeutet dies zwangsläufig, dass an anderer Stelle gespart werden muss. Von diesem Umstand betroffen sind vor allem Investitionen für technische Ausstattungen und die Erhaltung der einzelnen Gebäude. Gerade Studiengänge, die einen hohen Numerus Clausus aufweisen und wegen ihrer geringen Studentenzahlen als elitär gelten, haben mit dieser Tatsache am härtesten zu kämpfen. Weil sich die Verteilung der Finanzmittel aus eben diesen Studentenzahlen errechnet, hat dies zur Folge, dass etwa ein Studiengang wie Publizistik und Kommunikationswissenschaften ein lächerliches Jahresbudget von 6.000 Mark erhält. Das Studienangebot muss daher in vielen Fällen über andere Wege und Kanäle finanziert werden.

Nur ein statistischer Suizidbunker

Im Laufe der Jahre wurde es deutlich grüner auf dem Bochumer Campus. Ein botanischer Garten und weitere Grünanlagen lockern das Erscheinungsbild positiv auf. Zahlreiche Freizeitveranstaltungen versüßen den Studenten die freien Stunden. Wer in Bochum studiert, wird auch das Gerücht über die hohe Selbstmordrate besser einzuschätzen lernen. Diese zwanzig Jahre alte Statistik wurde gerade einmal von vier deutschen Universitäten durchgeführt, von denen Bochum zwar die höchste Quote hatte, doch deren Aussagekraft fragwürdig erscheint. Spricht man mit ehemaligen Bochumer Studen-ten, die entweder in die Berufswelt eingetreten sind oder die Universität gewechselt haben, so leuchten deren Augen bei der Erwähnung des Wortes Ruhr-Universität sehnsüchtig auf. Sie haben die eingangs zitierten Worte von Herber Grönemeyer verstanden und singen immer wieder gerne: »Bochum, ich häng an Dir.« (sh)

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